Freitag, 9. Dezember 2022
Tagesschau
Sie rührte noch eben die Salatsauce zusammen. Aus dem Wohnzimmer hörte sie schon die bekannte Melodie, so alt wie das deutsche Fernsehen. Gerade wollte sie die Vinaigrette über das Gemüse gießen da erschrak sie heftig von einem ohrenbetäubenden Lärm: Ein Klirren, Bersten, Knallen und jemand stand überlebensgroß in der Küche.
"Auf Klimafreundliche Produktion umstellen" hörte sie die neutrale Stimme von nebenan. Das hätte die Generation ihrer Eltern mal machen sollen, insbesondere bei der Nachwuchsproduktion. Dieser hier verströmte kein freundliches Klima.

Instinktiv stürzte sie ins Wohnzimmer, wo das Telefon stand, aber bevor sie es erreichte, hatte er sie eingeholt, stürzte sich auf sie, warf sie zu Boden.
"grüner Wasserstoff" hörte sie aus dem Lautsprecher des Fernsehers.
"Auch keine Lösung.", dachte sie. Es war klar, was er vorhatte. Er war schwer und stark und roch übel und zerrte bereits an ihrer Wäsche. Sie lief Gefahr, sich in ihr Schicksal zu ergeben, wie eine gerissene Gazelle. Wenn die Beute dem Löwen nicht mehr entkommen kann, gibt sie sich hin, hört auf sich zu wehren und spürt keinen Schmerz mehr. Aus dem Augenwinkel konnte sie den Bildschirm betrachten. Vielleicht lenkte sie das ab.
"Julia Klöckner hat eine Scheißfrisur.", dachte sie und fragte sich dann, wie sie in einer solchen Situation so einen frauenfeindlichen Mist denken konnte. Markus Söder hatte auch eine Scheißfrisur und sah auch insgesamt viel unappetitlicher aus als die Klöckner, aber bei Söder kritisierte sie nahezu ausschließlich, was er von sich gab. Hin und wieder vielleicht mal ein grundsätzliches Ekeln und Grausen. Aber die Frisur? Das war ihr noch nie eingefallen.
"Kauf von Kampfjets aus den USA", sagte die Nachrichtensprecherin. "Ja", dachte sie. Aufrüsten würde ich jetzt auch gern. Ihr Slip war schon unten und der Kerl war nun mit seinem eigenen Hosenstall beschäftigt. Er war abgelenkt, unkonzentriert. Sie griff nach der Lavalampe. Ein nahezu aerodynamisches Objekt. Ihr privater Kampfjet. Sie zog ihn dem Kerl über die Rübe. Er fiel, war benommen aber nicht bewusstlos.
"in der Ukraine 500 Ortschaften ohne Strom" tönte es aus dem Fernseher. Sie knipste das Licht aus, auch das Fernsehbild, der Ton war immer noch zu hören, das lag an ihrer zusammengepuzzelten Unterhaltungselektronik.
„"m Dunkeln einkaufen", hörte sie. Ja das war gut, denn sie kannte sich aus in ihrer Wohnung, er nicht. Ein bisschen wie bei "Gaslicht" von Hitchkock. Im Dunkeln war sie klar im Vorteil.
"Einschlag, Explosion, Glasscherben fallen aufs Bett", sagte ein Ukrainer im Interview. Sprengstoff hatte sie nicht, aber Glasscherben waren ein gutes Stichwort. Im Regal stand die halbvolle Flasche mit dem unsäglichen Likör, den sie immer ihren einfältigen Kolleginnen servierte, wenn die zu Besuch kamen, die liebten den billigen Fusel. War nicht schade drum.
"Temperaturen unter 25 Grad"
"Noch nicht.", dachte sie, "aber sicher ganz bald."
Doch was war jetzt zu tun? Wenn sie die Polizei rief, kriegten die sie womöglich dran, weil sie überreagiert hatte. Die Lavalampe hätte gereicht. Danach hätte sie aus dem Haus laufen und Hilfe holen können. Die Nummer mit der Flasche konnte man ihr als Selbstjustiz auslegen. Vorsatz und damit Mord.
"Memorial klärt Verbrechen des Stalinismus auf"
"Und die patriarchalische deutsche Polizei jeden Tathergang, der sich gegen Aggressoren richtet."
"Im Iran wird Sittenpolizei aufgelöst."
"Und wir sind auf dem besten Weg eine zu gründen."
"Methoden zur Umsetzung der Verfassung seien flexibel."
"Wo nicht?", dachte sie und überlegte noch immer, wie sie den kalten, potentiellen Vergewaltiger am besten entsorgen konnte.
"Peking. Auf den Straßen immer noch mehr Polizei als üblich."
Sie stellte den Ton ab. Das war ja nicht zum Aushalten. "Ach Mist.", dachte sie. "Ich bin viel zu dumm, um keine Spuren zu hinterlassen. Wenn ich versuche, das hier zu vertuschen, reite ich mich tiefer rein, als wenn ich jetzt Hilfe hole."
Sie griff zum Telefonhörer, wählte 110.
"Maja Deerberg." keuchte sie und polterte dabei in der Wohnung herum. "Venloer Allee 12. Hilfe, ich werde gerade...", dann warf sie den Hörer auf die Gabel. Bis zum Eintreffen des Streifenwagens, arbeitete sie konzentriert an ihrer Legende. Der kalte Verbrecher konnte sie ja nicht mehr stören.

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