Mittwoch, 31. Oktober 2018
Samhain – Kurzkrimi zum Gruseln
Jetzt planen sie wieder ein Fest. An meinem Tag. Sie schlüpfen in ihre schwarzen Roben und zünden weiße Kerzen an. Sie singen von festen Burgen, als ob Mauern mich aufhalten könnten. Als ob irgendetwas oder irgendjemand mich aufhalten könnte, den Herrn über Leben und Tod.
Was haben sie nicht alles versucht: wilde Masken, glühende Kohlen in ausgehöhlten Rüben, die Beschwörung ihres eingebildeten Gottes, das Fällen von Eichen und später dann, das Erpressen der Mitgliedschaft in ihrem Verein, ohne Kirchensteuern keine Anstellung und sie ließen mich ihr wirres Zeug studieren, ein bisschen Theologie für das Fußvolk, um es gefügig zu machen, aber nicht zu viel, wir wollen ja nicht an den Verhältnissen rütteln, uns keine Kuckuckseier ins Nest holen. Und als sie all das Geld, das sie jahrhundertelang aus den Ärmsten der Armen gepresst hatten, dumm verzockt hatten, da machten sie mich zum Bauernopfer, da war es auf einmal gar nicht mehr wichtig, wer zu ihrem Verein dazu gehörte, da musste man schon einer von den Schwarzkitteln sein oder mit einem von ihnen verpartnert, um nicht über die Planke gejagt zu werden. Und über allem hängt der Gefolterte, diese elende Kreatur, von der sie sich alle gerettet glauben. Ich werde Euch zeigen, wer euer Erlöser ist! Wie sagte Euer Gefolterter doch so schön: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Ihr dagegen verhöhnt seine Worte und faltet darüber scheinheilig die Hände. Aber heute werde ich kommen und ihr werdet mich nicht hinausstoßen, nein, ihr werdet mir folgen und ihr werdet nicht zurückkehren.

Flüsternd bebten seine blutleeren Lippen in dem blassen, ausgemergelten Gesicht. Die schwarze Jeans flatterte um seine abgemagerten Schenkel und wie ein Mantra wiederholte er den letzten Satz: „Ihr werdet mir folgen und ihr werdet nicht zurückkehren.“ und er glaubte tatsächlich jedes Wort davon.

TRAGISCHER ZWISCHENFALL ZUM REFORMATIONSFEST
Ein offensichtlich verwirrter Mann betrat am vergangenen Abend die Evangelische Paulus-Kirche, in der ein Reformations-Gottesdienst stattfinden sollte. Nur wenigen Besuchern fiel er direkt als sonderbar und irritierend auf, weil er mit sich selbst sprach und seinen Blick eigentümlich starr nach vorn richtete. Weil man tiefe, religiöse Motive vermutete, tolerierte man den verhaltensauffälligen Mann. Mitten im Gottesdienst stand er auf, richtete seinen Blick auf den Pfarrer und sprach lautstark seltsam anmutende Flüche aus. Vertreter des Presbyteriums versuchten, den Mann zu beruhigen und informierten den psychologischen Krisendienst. Der Mann wurde in Gewahrsam genommen und in eine psychiatrische Einrichtung verbracht. In diesem Tumult entging es den Anwesenden, dass unterdessen der Pfarrer in seiner Kanzel zusammengebrochen war. Für ihn kam jede Hilfe zu spät.

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