Donnerstag, 9. Juli 2020
Fleisch
Er machte sich gut unter den Großwildjägertrophäen. Die vornehme Blässe stand ihm ausgezeichnet. Sie hatten lange gestritten, ob sie ihn nicht auf einem Silbertablett auf die Tafel stellen sollten, karamellisiert mit einem rotbackigen Apfel zwischen den Zähnen, Zuckerguss-Strähnen als Haarpracht und abgerollten Lakritz-Schnecken als Brille, aber die Mehrheit hatte sich für den Präparator entschieden. Als ständiges Mahnmal sollte sein Kopf zwischen denen der von ihm getöteten Hirsche, Gazellen, Elefanten, Löwen, Elche, Nashörner, Giraffen und Bären hängen, in ewiger Schicksalsgemeinschaft mit seinen Opfern. Den Rest von ihm hatten sie so getötet, wie diejenigen seiner Opfer, die es weitaus schlimmer getroffen hatte. Zuerst hatten sie ihn ein halbes Jahr in seinen eigenen Katakomben in einen engen Käfig gesperrt, in dem er sich kaum rühren konnte. Sie hatten ihm Hormone injiziert und ihn mit proteinreicher Nahrung genudelt. Dann wurde er in einem engen, zugigen Fahrzeug bei 35 Grad zwei Tage lang durch Europa gekarrt; ohne Pause, ohne Essen und mit viel zu wenig zu trinken, lag er in seinen eigenen Exkrementen. Danach wurde er mit vermeintlich beruhigender Musik gefoltert: Richard Clayderman spielt Ballade pour Adeline, dabei stand er in einem grün beleuchteten Raum und wartete auf die Fortsetzung. Er kannte sie ja, hatte sie selbst abgesegnet. Die Betäubung erfolgte halbherzig. Mit Absicht, denn seinen Opfern war es ja auch nicht selten so ergangen. Sie hängten ihn an den Fußgelenken auf und ließen ihn vorsätzlich so lange über der Brühwanne hängen, bis er wieder aufwachte. Sie machten ihm Hoffnung, nahmen ihn ab von der Vorrichtung – allerdings nur, um bei der folgenden Prozedur sein Gesicht zu erhalten. Dann tauchten sie ihn ein, bis zum Hals, bis er krebsrot war. Anschließend brachen sie ihn auf und nahmen ihn aus. Die Eingeweide wurden zu Katzenfutter verarbeitet.
Später an der Festtafel genossen sie ein veganes Menü. Es stand zwar Fleisch auf dem Speiseplan, aber das war für die Hunde – sie waren nun einmal von Natur aus Fleischfresser und der Tierefresser sollte von Tieren gefressen werden.

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Freitag, 3. Juli 2020
Brüder
„Das ist übrigens Sabine“, sagte Albert mit gespielter Beiläufigkeit und nuschelte ein erklärendes „von der ich dir erzählt habe.“ hinterher.
Georg begrüßte die Frau, die sich zu ihm umdrehte und ihm freundlich lachend die Hand entgegenstreckte: „Oh, Alberts Bruder?“, rief sie, „da bin ich aber neugierig.“
Georg ergriff ihre lange schmale Hand und drückte sie herzlich, dabei sah er nur kurz in das freundliche, aber unspektakuläre Gesicht, dann glitt sein Blick über die schmalen Schultern, das seidige, lange, blonde Haar, dessen Platin-Ton erste Silberfäden vermuten ließ, die wohlproportionierten Brüste, die schmale Taille, den flachen Bauch und die stark gerundeten Hüften, alles umhüllt von fließendem, himmelblauem Stoff, sehr sinnlich und feminin, ein bisschen so wie Deborah Kerr in „Quo Vadis“ - nur das Gesicht war nicht so apart, aber das spielte ja auch keine so entscheidende Rolle, wenn man einer Frau näher kam.
Als Mediziner hatte Georg hinreichend Kenntnis über die menschliche Physiologie, dass er auch unter dem Stoff die definierten Muskeln der Bekannten seines Bruders wahrnahm. Albert hatte erzählt, dass sie besonders engagiert, hinreißend amüsant und von großer Herzenswärme sei, so wie man über seinen besten Kumpel spricht. Die weiblichen Kurven hatte er geflissentlich verschwiegen. Georg fragte sich, warum.

Albert hatte sich schon seit Monaten auf dieses Wanderwochenende des Vorbereitungskreises für politische Gottesdienst gefreut. Auf die abwechslungsreiche Route, die anregenden Gespräche in lockerer Atmosphäre, darauf, seinem Bruder zu zeigen, mit was für interessanten Leuten er sich umgab und auf Sabine. Er hatte sie eigentlich nicht erwähnen wollen, aber dann war doch die eine oder andere Geschichte aus ihm herausgepurzelt. Er sprach ja sonst kaum mit jemanden über diesen Kreis. Seine Frau interessierte sich nicht für kirchliche Zusammenhänge, ja nicht einmal mehr für Albert und seine Kollegen wollten auch nichts davon wissen, die interessierten sich für Fakten, Gesetze, Präzedenzfälle und in seltenen Fällen für ethische Fragen, aber sicher nicht für die Aktivitäten spirituell engagierter Freizeitchristen.

Als es nach der ersten Etappe darum ging, wer in der Schutzhütte seine Schlafmatte wo ausbreitete, sah es ganz so aus, als lege sich Sabine neben Albert. Doch da war ja Georg, der auch irgendwo liegen musste und Albert, ganz der höfliche, wohlerzogene Junge, der er schon immer gewesen war, fragte den Bruder: „Willst du lieber am Fenster schlafen? Du hast doch gern frische Luft in der Nacht.“
„Muss ich nicht unbedingt.“, antwortete Georg gleichmütig und Albert wusste längst, wie es enden würde und auch warum. Doch er gab sich ebenso unaufgeregt.
„Such es dir aus.“, sagte er nur.
„Dann schlaf du am Fenster.“, sagte Georg. „Dann hab' ich es ein bisschen wärmer.“

Sabine lag die halbe Nacht wach. Nicht weil Georg neben ihr schnarchte, das tat er nur kurze Zeit, sondern weil sie enttäuscht war. Sie hätte so gern neben Albert gelegen, diesem feinsinnigen, zurückhaltenden und gerade deshalb so charmanten Naturburschen, der sie oft zum Lachen brachte, aber auch zum Nachdenken und der Gefühle in ihr weckte, von denen sie längst vergessen hatte, dass sie sie empfinden konnte. Nicht, dass sie sich in pubertären Phantasien ausgemalt hätte, wie sich Albert in der Nacht an sie herangemacht hätte, aber sie hätte es genossen, seinem Atem zu lauschen, seinen Geruch einzusaugen und hin und wieder einen heimlichen Blick auf seinen ruhenden Körper zu werfen. Jetzt lag Georg im Weg, dieser akkurate Apparatemediziner mit seinen antiseptisch manikürten Fingernägeln. Sie war entsetzt, dass Alberts Bruder ihr auf Anhieb so unsympathisch war.

Am nächsten Tag nutzte Georg viele Gelegenheiten, Sabine in ein Gespräch zu verwickeln. Er ging dabei äußerst geschickt vor, gab sich bescheiden, belesen, nachdenklich und von feinsinnigem Humor. In Albert begann es zu kochen. Hörte das denn nie auf? Die Anerkennung des Vaters hatte der Bruder ihm streitig gemacht, als er in dessen Fußstapfen als Mediziner getreten war, dazu noch als Radiologe, während Alberts Berufswahl vom Vater nur mit Verachtung gestraft worden war. Alberts erste große Liebe war Georgs Geliebte geworden, damals hatte der Bruder ihm regelrecht das Herz herausgerissen, als er im Zeltlager plötzlich den Arm um die Angebetete gelegt hatte und die sich widerstandslos an ihn geschmiegt hatte. Die Erinnerung an den Schmerz war noch immer hellwach. Und Jahre davor hatte Georg Albert bei seinem besten Freund angeschwärzt, Albert sei eine unverbesserliche Quaktasche, habe seinem Bruder das Geheimnis seines Freundes verraten. Dass er es ihm regelrecht aus der Nase gezogen hatte, hatte Georg natürlich für sich behalten. Warum hatte er ihn nur eingeladen, bei der Wanderung dabei zu sein? Er hätte wissen müssen, dass der Große ihm wieder alles vermiesen würde.

„Ich muss mal eben etwas Privates erledigen.“, erklärte Georg und verschwand in Richtung Waldrand. Albert blickte grimmig ins Feuer. Er kannte den Code: Sein Bruder musste pinkeln und wie er ihn kannte, würde er in seinem Größenwahn die Schlucht hinunter strullen. Das gefiel ihm: so vielen Kreaturen wie möglich auf den Kopf zu urinieren.
Sabine lag zusammengerollt wie eine Katze auf ihrer Isomatte, alle anderen waren ebenfalls eingeschlafen. Albert erhob sich und folgte seinem Bruder in den Wald. Die Rolle mit dem Toilettenpapier nahm er vorsichtshalber mit. Es war eine helle Nacht. Wenn man sich auf dem Weg hielt, konnte man vieles erkennen. Georg stand tatsächlich am Rande der Schlucht, um sich dort zu erleichtern. Wie erleichternd es wäre, sich vom Ballast des lästigen Bruders zu befreien. Es waren nur ein paar Schritte und dann war es schon passiert. Wie beim Volleyball, eine kräftiger Pritscher gegen die Schulterblätter und schon fiel der Blutsverwandte aus der direkten Seitenlinie ins Leere. Er war wohl so überrascht, dass er nicht einmal dazu kam, einen Schrei von sich zu geben. Und Albert war so elektrisiert von der Ungeheuerlichkeit seiner Tat, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie er das Toilettenpapier fallengelassen hatte. Wie ferngesteuert kehrte er zurück und legte sich ans Feuer. Da fiel ihm auf, dass er den Hygieneartikel am Tatort liegen lassen hatte. Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern. Einfach die Augen schließen und so tun als schlafe er schon seit Stunden.

Sabine erwachte mitten in der Nacht. Sie war irgendwie aus ihrem Schlafsack gerutscht und fror entsetzlich. Vom Feuer war nur noch eine sterbende Glut übrig. Sie tastete in der Dunkelheit nach dürren Zweigen und legte sie vorsichtig auf die glimmende Kohle. Bald züngelten die ersten zarten Flammen, sie legte systematisch Holz nach, bis das Feuer wieder leuchtete und vor allem wärmte. Auf dem Schlafplatz neben ihr kämpfte Albert im Schlaf gegen die ganze Welt. Er weinte und wimmerte. Sollte sie ihn wecken? Ihm sagen, dass er in Sicherheit war, dass er nur geträumt hatte? Oder würde er das als Übergriff empfinden? Schließlich konnte sie das Elend nicht mehr mit ansehen. Sie wand sich wieder aus ihrem Schlafsack, aber bevor sie so weit war, war jemand anderes schneller als sie.

Albert hörte seinen Namen. Seine linke Seite war kalt, die rechte warm. Er hörte das Knistern des Feuers. Wieder rief jemand seinen Namen. Entsetzlich, es klang wie Georg. Er war in einem Alptraum gefangen, wagte nicht, die Augen zu öffnen, stattdessen schrie er: „Nein, geh weg! Geh endlich weg!“ Schließlich war auch der Letzte aufgewacht und alle Augen waren auf den phantasierenden Albert gerichtet, bis schließlich auch Sabine seinen Namen rief. Er drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der ihre Stimme kam und öffnete die Augen. Sie sah ihn besorgt an, dann sagte sie: „Albert, es ist alles gut. Du hast nur schlecht geträumt. Es ist vorbei.“
Ja, das dachte sie. Aber nichts war vorbei, das würde ihr schon bald auffallen. Wie sollte er diese Spannung nur aushalten? Er wandte sich von ihr ab. Einen Mörder würde sie niemals lieben. Als er sich umdrehte, entwich seiner Kehle eine Schrei des Entsetzens: Er blickte in das Gesicht seines toten Bruders, der ihn aus eisblauen Augen anstarrte.
„Albert?“, sagte er. „Was ist mit dir? Wovor hast du solche Angst?“
Im Augenwinkel nahm er wahr, dass zwischen ihm und dem Feuer etwas Wesentliches stand: die Rolle mit dem Toilettenpapier.
ENDE

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Freitag, 26. Juni 2020
Einfach drauflos
Sie saßen auf der Terrasse, ließen den Tag bei einem Glas Weißwein ausklingen. Es war ein lauer Sommerabend, so luftig lind, dass man direkt vergaß, dass die ganze Welt in Aufruhr war, wegen der tödlichen Viren, die allerorts in der Dunkelheit feuchtkühler Millieus lauerten, nicht nur in den Lüftungsanlagen der gigantischen Schweinevernichtungslager, in denen osteuropäische Menschen aus prekären Lebensumständen aufs Brutalste zusammengepfercht waren und für einen Hungerlohn unter Volldampf Stunden und Überstunden schwerster, körperlicher Arbeit verrichten mussten, damit die konsumgeilen Fleischfressmaschinen sich ihre täglichen fetten Portionen toter Tiere in den Kopf drücken konnten.

Jetzt saß sie da mit ihrem besten Freund, dem sie alles von sich offenbarte, bis auf das eine, das sie wohl lieber für sich behalten musste, damit sie ihn nicht in eine vertrackte Lage brachte. Eigentlich war dieser Moment perfekt, wie sie da gerade zusammen schweigend in den Sonnenuntergang blinzelten, aber sie fühlte Schwermut in sich und eine tiefe Sehnsucht.

Sehnsucht - nach was? Vielleicht nach Leichtigkeit, nach so einem endlos scheinenden Sommer ganz frei von Pflichten, Bedrohungen, Entbehrungen, gesundheitlichen Einschränkungen, Verlusten und anderen Traurigkeiten. Frei von allem, was reizte, provozierte, einen an die Grenzen dessen brachte, was man noch ertragen konnte. Sie konnte es ihm nicht sagen, aber indirekt mit ihm drüber reden, das würde es auch schon leichter machen.

„Wie kommt es eigentlich“, fragte sie, „dass Lebensäußerungen Anderer einen derartig auf die Palme bringen? Dass man auf sie eindreschen möchte, damit dieses nervtötende Verhalten endlich aufhört? Woher kommen dieses Aggressionen? Was ist so bedrohlich daran, wenn jemand bestimmte Worte wählt, diese oder jene Bewegung, dieses oder jenes Geräusch macht, so ein Gesicht macht, ein blödes T-Shirt anhat, eklatante Grammatikfehler macht, einfach nur furchtbar dick und lethargisch ist?“

„Meinst Du die Familie, die in der Wohnung im Erdgeschoss wohnt?“
Sie schluckte heftig. Ahnte er etwas?
„Zum Beispiel, ja. Aber das sind nicht die einzigen bei denen mir das so geht.“
„Aber am meisten doch sicher bei dem dem Kerl, oder?“
„Ja, schon. Aber woran liegt das? Der tut mir doch nichts. Warum kann ich den nicht einfach so annehmen, wie er eben ist?“

Er schwieg eine Weile, dachte nach, nahm einen Schluck Wein, dann schließlich antwortete er: „Ich glaube, es ist die Angst. Die Angst, von diesem Menschen in den gleichen Sumpf gezogen zu werden, in dem er festsitzt und dann ebenso dort festzusitzen, umgeben von anregungsarmer Geistlosigkeit, latenter Gewaltbereitschaft, raumgreifenden, lärmenden, übel riechenden, Krankheiten verbreitenden Menschen, die einem die Luft zum atmen nehmen, jegliche Gelegenheit zur Regeneration verweigern, sodass man erdrückt, erstickt und gleichzeitig zu Tode beschallt wird. Es ist die Angst vor der Armut, zu einem Leben verurteilt zu sein, in dem jede einzelne Ausgabe genauestens abgewägt sein will, wo am Ende des Monats plötzlich kein Geld mehr fürs Essen da ist, man zittern muss, dass einem Strom, Telefon und Heizung abgestellt werden oder noch schlimmer, dass einen der Wohnungseigentümer auf die Straße setzt, weil man die Miete nicht mehr bezahlen kann, wo plötzlich fremde Leute in die Wohnung eindringen und Sachen, die einem gehören, mitnehmen, weil man seine Schulden nicht bezahlen kann, wo notwendige, medizinische Maßnahmen unerschwinglich sind, aber auch nicht von der Krankenversicherung übernommen werden, wo man praktisch nichts Schönes machen kann, weil alles Geld kostet, über das man nicht verfügt, wo man nicht einmal Lotto spielen darf, um wenigstens einen winzigen Funken Hoffnung auf Erlösung zu haben, wo man sich regelmäßig bei Behördengängen demütigen und für alles Mögliche rechtfertigen muss, das für andere selbstverständlich ist, wo man laufend entmündigt wird, obwohl man doch erwachsen ist. - Aber Angst ist ein schlechter Berater.“

Ja, da hatte er wohl Recht. Ohne diese Angst wäre es wohl nie so weit gekommen. Der Kerl würde sie nie wieder auf die Palme bringen. Dafür würde er sie nun jede Nacht heimsuchen, ein blutender, Fleisch gewordener Vorwurf. Aufgebrochen hatte sie ihn, mit seiner verdammten Handkreissäge mit der er regelmäßig spät abends und am Wochenende sinnlosen, handwerklichen Dilettantismen nachging. Konnte er mal sehen, wie das war, wenn man einfach so zerlegt wurde, weil jemand anderes das entschieden hatte.
Sie war frisch geduscht, aber ein Teil von ihm hatte sich beharrlich unter ihren Fingernägeln festgesetzt und sie ahnte, dass sie bald erst recht in dem Sumpf landen würde, vor dem sie sich so fürchtete und zwar noch viel tiefer und unentrinnbarer als sie es bisher befürchtet hatte.

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Freitag, 19. Juni 2020
Maschinensturm
Rewelgut hatte echt den Kaffee auf. Das Hand-Ladegerät hatte die ganze Nacht gebraucht um die Greifmuskulatur wieder auf volle Leistung zu bringen und nun war alles umsonst. Er stand vor dem Spiegel und ließ die Schultern hängen. So wüst hatte er noch nie am Kopf ausgesehen. Ausgerechnet heute musste der Haar-Player den Geist aufgeben. Hätte er nur im letzten Jahr den antiquierten Haarrührer nicht entsorgt, der hätte ihn jetzt retten können. Letzte Woche hatte es den Stichmixer erwischt, seitdem war er gezwungen, bereits präsentierte Kleidung aufzutragen, welch eine Demütigung.

Wenigstens Frühstücken war möglich und zwar ausgiebig mit Obst aus dem eigenen Garten und frischem Nass aus der Wassermaschine. Der Anrufmixer bescherte ihm eine angenehme Überraschung. Wendeline, welch ein Glück, es hätte ihn auch Schnuckenriedel treffen können, das hätte heute Morgen seine Kräfte überstiegen.

Pollipopp hatte gestern Abend mal wieder nicht die Küche aufgeräumt. Er aktivierte das Spülmaschinen-Ladegerät und begab sich vor dem Weg zur Arbeit in den Garten, um dem Flüstern der Bäume zu lauschen. Aber überall war bereits große Geschäftigkeit, die die leisen Laute übertönte, der Rasenbeantworter plärrte die ganze Zeit und es juckte ihn in den Fingern, die Videosense zu zücken, aber warum selbst aktiv werden und sich mit Grünschnitt beschmutzen, wenn man auch den Anrufmäher bestellen konnte.

Er machte sich auf, startete den Wasserstoffmotor seines Hovercrafts und koppelte den Auspuff an den Waschplayer – gab ja vorerst keine neuen Klamotten, mussten die alten eben aufgefrischt werden. Zur Reinigung der Hosen und Hemden lief „Oh Happy Day, when Jesus washed my sins away“.

Im Büro wartete Borchenritz die alte Handysäge, kein Mobiltelefon war vor ihm sicher, er machte aus jedem Smartphone zwei nutzlose, kleine Ansammlungen wertvoller Rohstoffe. Niemand wusste, warum er das tat. Vielleicht lag es daran, dass er Kettensauger war.

Rewelgut – was für ein Scheißname, dachte Rüdiger und reckte sich. Warum musste er immer so einen Mist träumen, er las doch schon lange keine Fantasy- und Science-Fiction-Storys mehr.

Welches Gerät würde er gern erfinden, das fragte er sich? Nichts davon, bestenfalls eine Küsterschleuder, die das ganze selbstgerechte Gift aus dem theologisch aufgewerteten Hausmeister rausschleuderte, bis er ganz trocken war, ja ein entspannter Küster mit trockenem Humor, das wärs. Gab es so etwas?

Gab es. Er fand ihn schon wenige Viertelstunden später. Eigentlich hatte er nur das Altpapier aus dem Büro im Technikraum entsorgen wollen. Fluchte gerade vor sich hin, warum Braun das nicht erledigt hatte, war schließlich sein Job. Ein freier Sonntag war ja in Ordnung und wenn er den montäglichen Pastorensonntag genutzt hatte, um das Wochenende mal zu verlängern – geschenkt. Aber am Dienstag Vormittag sollte er doch endlich wieder warm gelaufen sein.
Es roch befremdlich. Sehr befremdlich. Dieser gigantische Wäschetrockner war nur angeschafft worden, weil Braun lange genug auf die Tränendrüsen gedrückt hatte – nicht zu schaffen, die ganze Tischwäsche von den großen Feierlichkeiten draußen auf der Leine zu trocknen und bei den riesigen Tüchern, reichte ein Standardtrockner nicht aus, musste einer in Übergröße sein, wie man ihn auch in der gehobenen Gastronomie zur Verfügung hatte. Rüdiger war sofort der Verdacht gekommen, dass Braun das Ding privat nutzten wollte, wie auch sicher das eine oder andere Mitglied des Presbyteriums, das vorbehaltlos zugestimmt hatte. Mal eben ins Gemeindehaus und die ganze Wäsche in zwanzig Minuten knochentrocken pusten. Konnte man doch mal machen, so in der Mittagszeit, wenn gerade keiner da war. Und Braun wohnte direkt nebenan. Der konnte zur Not auch nachts an die Maschine. Und das hatte er unweigerlich getan. Nur steckte er mittendrin und transpirierte aufs Erbärmlichste. Das Gerät lief auf der höchsten Temperatur und im Benutzermodus, stellte sich also nicht von selbst ab.
Furztrocken war der Küster. Und Rüdiger wollte ums Verrecken nicht einfallen, wer das getan haben könnte. „Rewelgut, du Satan“, zischte er und erzitterte.

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