Freitag, 5. Juli 2019
Was für ein Vertrauen – Kurzkrimi in vier Teilen – 2. Teil
Eine großartige Bibelarbeit war das gewesen: drei Frauen, drei Religionen und drei Perspektiven auf ein- und diesselbe Geschichte: die Opferung Isaaks – oder Ismaels. So viel Neues hatte sie erfahren: dass aus der jüdischen Sicht die Geschichte viel Raum für Interpretation lässt und man auch mit einer gehörigen Portion Humor und großer Skepsis dem Wahnsinn begegnet, dass ein Vater den eigenen Sohn opfern will, weil er glaubt, Gott habe es ihm aufgetragen, um seinen Gehorsam zu prüfen. Dass die Christen das viel weniger hinterfragen und den Blick auf den Glauben richten, dass Gott trägt, begleitet und das Dilemma selbst löst, auch das Leid in der Welt, von Menschen verursacht, die die Freiheit haben, sich zu entscheiden, auch dafür, Fehler zu begehen.
Dass Muslime so weit gehen, zu behaupten, Gott habe die Welt so erschaffen wie sie ist, mit allem, was dazu gehört, auch Leid und Kriege. Aber er tröstet auch, heilt und rettet. Er ist nicht so, wie wir ihn gern hätten, sondern gewaltig, wild und unberechenbar.
Und was der Jüdin als erstes auffiel, war, dass Sarah, die Mutter Isaaks, oft nicht in den Blick genommen wird, die, nachdem sie von dem geplanten Opfer erfuhr, vor Gram starb. Da blieb etwas schlimm und wurde nicht aufgelöst.
Dass sowohl in der jüdischen als auch in der islamischen Tradition der Sohn bereits erwachsen ist und an der Entscheidung beteiligt wird. Und dass sich laut islamischer Überlieferung vermutlich nicht einmal der Versuch der Opferung tatsächlich ereignet hat, sondern nur ein Traum war.
Hier im Opernhaus gab es sicher ausgezeichnete Toiletten, wo sie sich noch einmal frisch machen konnte, bevor sie die Veranstatung zum Bibliolog aufsuchte. Noch begeisterter war sie, als sie feststellen durfte, dass keine meterlange Schlange vor der Tür stand; bei den meisten hatte sich nach dem letzten Toilettengang vor dem Aufbruch noch nicht so viel in der Blase angesammelt.
Eine Frau wusch sich eben die Hände und nur eine Kabine war besetzt. Sie zog sich hinter eine der Türen zurück, ließ die Hosen herunter und nahm entspannt auf der blitzsauberen Brille Platz. Seltsame Geräusche drangen aus der Kabine nebenan an ihr Ohr. Es kratzte und rumpelte an der Trennwand. Sie war noch damit beschäftigt, sich unendlich zu wundern, da breitete sich ein Schatten über ihr aus und im nächsten Moment stürzte eine gewaltige Körpermasse auf sie herab und begrub sie unter sich. Den Schnitt durch die Kehle wurde sie nicht mehr gewahr, denn kurz zuvor war ihr Genick gebrochen...

FORTSETZUNG FOLGT

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