Dienstag, 15. September 2026
Reisekrimi - Teil 3 - in der Wachau
Wir kamen an in Spitz - eine Unterkunft im Mehrparteienhaus - Teil eines alten Hofes - bei einem Marillenbauern, der Saft und Marmelade herstellte und selbst Marillenbrand machte.
Unsere Wohnung, die "Quitte" war zwar die teuerste Unterkunft in diesem Urlaub aber dafür auch absolut perfekt. Viel Bewegungsfreiheit, ausgesprochen stylisch in quittengelb, Erdtönen, anthrazit und weiß, mistneu und modern, gemütlich, bequem und absolut gut ausgestattet. Hier konnte ich wunderbar zu Kräften kommen! Die Aussicht war wunderschön - auf die Donau, die Weinberge und die örtliche Burgruine, wohltemperiert, Schalldichte Fenster und elektronische rauf und runterfahrbare Sonnen- und Mückenschutz-Rollos. Wir starteten mit einer tiefenentspannten Teemahlzeit, packten unsere Sachen aus und unternahmen einen Spaziergang durchs Dorf. Es zog sich doch deutlich weiter den Berg hinauf und an ihm entlang, als wir erwartet hatten. Hübsche Häuser, malerische Gärten mit Streuobst, frischem Gras und reichblühenden Blumenbeeten, Kopfsteinpflaster, Ruhe. Die Weinberge machten uns neugierig und trotz massiver Anämie gingen wir doch immer noch einmal um die Kurve und mit vielen Ruhepausen kamen wir deutlich höher als geplant, um dann den atemberaubenden Blick auf das Donautal zu genießen. Die Abendsonne wärmte uns - unten kam sie nicht mehr an, dafür stand sie schon zu tief.
Die wenigen Menschen, die einem in den Straßen begegneten, grüßten freundlich, aber ich ahne, was der Schizophrenist mit der Hinterfotzigkeit der Österreicher meint. Es ist die gleiche Hinterfotzigkeit, die man in zahlreichen ostwestfälischen Dörfern findet, in den idyllischen Küstenorten der ach so freundlichen Niederlande, also überall, wo im ländlichen Raum in ansprechender Landschaft Menschen leben, denen es in der Stadt nicht nur zu laut und wimmelig ist, sondern auch zu kompliziert. Wir hier wissen wie es geht und wir machen es richtig. Wer es nicht so macht wie wir, ist verkehrt und verdient unsere Verachtung. Überall war es hübsch, akkurat und aufgeräumt. Keine Rumpelecken, keine armseligen Hütten, keine Punkgärten. Toller Urlaubsort, aber für mich kein Platz zum Leben. Muss ich aber auch nicht.

Der Vermieter war superfreundlich, unkompliziert, hilfsbereit, entspannt, kommunikativ, unaufdringlich - genauso wie man es sich wünscht. Er zeigte uns seine hübsche Destille im Prozess, kosten war erlaubt, ein fröhlicher, menschenfreundlicher, fleißiger Mann, der Zufriedenheit und Ausgeglichenheit ausstrahlte. Ich durfte in Ruhe in seinem Vorgarten sitzen, Tee trinken und den Falter lesen. Hat mir übrigens auch gute gefallen, der Falter. Fand ich überzeugend. Ich lese gelegentlich auch die ZEIT, das ist aber immer so ein Projekt, weil man unendlich Platz für das Riesenformat braucht - mindestens einen leer geräumten Esstisch - und jeder Artikel so endlos lang und ausführlich ist, dass man schnell ermüdet und sich immer wie eine Banausin vorkomt, wenn man sie dann nicht zu Ende liest.
Der Falter ist handlicher, kurzweiliger geschrieben, weniger langatmig und trotzdem kritisch, progressiv, politisch relevant und außerordentlich interesant. Wird beim nächsten Österreich-Urlaub gern wieder genommen.

Nun aber wieder zum Urlaubsort. Am Morgen des zweiten Tages hatten wir einen kleinen Spaziergang in die andere Richtung des Dorfes geplant, das sich nun doch als Kleinstadt erwies. Es gibt alles in Spitz, was man braucht und darüber hinaus noch mehr (Bahnhof, Tankstelle, Fähranleger, Restaurants, Kneipen, Apotheke, Friseur, Läden mit Bioprodukten, Kunst, Tanzlokal, Bäckereien, Vollsortimenter, Post, Bank, Garten- und Baumarkt...) und dann war der Aufstieg zur Burg ausgeschildert. Wir versuchen es einmal, mal sehen, wie weit wir kommen. Bis zum Fuß der Burg waren es etwa 100 Meter, vom Fuß bis zur Turmspitze etwa 50, würde ich schätzen. Nach etwa zwei Stunden hatten wir den höchsten Punkt erklommen (unter normalen Umständen hätte das vielleicht eine halbe Stunde gedauert.) Es gab viel zu sehen, überall Bänke zum ausruhen, phantastische Perspektiven und viel Raum für Phantasie. Zu der Burgruine gab es auch eine Spuklegende vom Geist einer verstorbenen Ehefrau, die sich am Witwer rächte, weil dieser bis zur nächsten Hochzeit das Trauerjahr nicht einhielt.
Der Abstieg war in 15 Minuten erledigt.

Nach einem kurzen Mittagssnack ging es mit dem Rad an den Donaustrand. Feiner Sand, sommerliche Sonne, sanfte Brise genug Platz obwohl doch einige das schöne Wetter nutzten: Familien mit Kindern, junge Erwachsene, alte Menschen. So konnten wir bei entspannter Atmospäre im leicht schmuddeligen Sand herumlumpen, lesen, träumen, aufs Wasser schauen. Zwischen den Bunen war das Wasser meistenteils flach, der Grund weich und in klein wenig modrig und es schwammen Algenblüten herum, die ein wenig an menschliche Hinterlassenschaften erinnerten. An ein paar Stellen war das Schwimmen aber möglich und das Wasser hatte wieder gefühlt 22 Grad oder mehr. Mein Mann sprach einen Einheimischen an, der mit einem skurrilen Bott unterwegs war, wie gefährlich es sei, außerhalb der Bunen zu schwimmen. Er erklärte, gefährlich sei das nicht, er habe als junger Mann einmal schwimmend den Fluss überquert, habe danach aber sehr weit laufen müssen. Für mich als anämisch Schwächelnde kam das Schwimmen in der Strömung definitiv nicht infrage, mein Mann hatte zum Glück auch keine Lust. Der Wachauer war aber sehr nett und kommunikativ, wieder eine gute Erfahrung.
Als die letzten Sonnenstrahlen aus dem Tal verschwanden machte wir uns ziemlich dreckig auf den Heimweg und nach einer gründlichen Dusche ans Abendessen.

Der folgende Tag startete nach einem sehr ruhigen Frühstück mit einem Ausflug zum Stift Melk. Der Gatte hatte mittelalterliche Stätten erwartet, ein Refektorium mit alten Fresken, Mönchszellen oder Schlafsälen, einem Scriptorium und so weiter. Er wurde enttäuscht, denn das Klosterleben ist noch gegenwärtig. Für mich waren einige moderne theologisch inspirierte Installationen interessant, die antiken Gemälde, den Flügelaltar, pompöse Monstranzen und allgegenwärtige, prunkvolle Barock-Architektur nahmen wir anerkennend mit, ebenso wie die wechselnden schönen Aussichten.
Erfreulich anzusehen war eine Ausstellung moderner Werke unter dem gemeinsamen Thema Natur, viel Überraschendes, Beeindruckendes und Ästhetisches und was uns ebenso außerordentlich gefiel, war der riesige Garten, der seinen Anfang nahm in einer klassischen Barockanlage, sich dann aber hinzog mit kleinen Waldstücken, Naturwiesen und vielen Interessanten Objekten zum Verweilen und Bestaunen. Überall - wie üblich in Östrreich - gab es Sitz- oder Liegegelegenheiten zum Aussruhen und genießen.
Zur Teezeit fanden wir uns in einem Café in der Melker Altstadt ein und genossen Topfenstrudel und Marillenknödel. Ich musste etwas vorsichtig sein und die zuckrigen, buttrigen Brösel auf dem Knödel entfernen, aber es war dennoch ein Genuss, den ich nicht bereuen musste.
Im Café ließen sich vortrefflich Leute beobachten, gegenüber ein schönes Drei-Generationen-Bild, im Café selbst am Nachbartisch allerdings auch ein lautstarker Telekommunikations-Exhibitionist, aber es kann ja auch nicht immer alles idyllisch sein.

Nach dem Ausflug war ich ziemlich erschöpft und setzte mich mit einer Kanne Kräutertee und dem Falter in den Garten, während mein Gatte noch eine längere Radtour unternahm.

Der Gatte radelte einen Teil der Wachau ab, den wir unter normalen Umständen gemeinsam erradelt hätten. Er setzte zwei Mal mit der Rollfähre über, kam bis nach Dürnstein und besuchte auf dem Rückweg noch die pittoreske Kirche und den Friedhof von Weißenkirchen.

Am kommenden Morgen mussten wir unsere Sachen packen und die komfortable Quitte verlassen. Dem Marillenbauern durften wir aber noch beim Brennen des Marillenbrandes zuschauen, die wunderschöne, blanke Destille bewundern und vorsichtig von dem hochprozentigen Destilat kosten. Ich nicht, aber der Gatte. Unser Vermieter war freundlicher Mensch, der uns in keiner Weise seine Produkte aufschwatzte und der uns einlud, gern wieder zu kommen. Das Auto durften wir noch bis zur endgültigen Abreise stehen lassen.
Wir setzten über die der Rollfähre - dem historischen Boot dass zuvor viele Jahre in Aschach im Einsatz gewesen war und wegen der Umgestaltung des Flusses dort nicht mehr gebraucht wurde. Wir waren fasziniert von dem nachhaltigen Betrieb ohne Motor, der allein durch geschicktes Manövrieren mit der Strömung und einem gespannten Stahlseil funktioniert. Leise und ohne Schadstoff-Ausstoß. Sogar ein paar Autos können damit übersetzen. In unserem Fall waren es viele Radfahrer*innen. Auf der anderen Seite spazierten wir zum nächsten Dorf - Arnsdorf - mit einer entzückenden Pfarrkirche und einer pittoresken alten Gasse. Dann setzten wir ein zweites Mal über und machten uns auf den Weg zu unserem nächsten Ziel. Eine letzte Pause in der Wachau legten wir in Dürnstein ein, an einem idyllischen Picknichplatz unterhalb der Stadt, unter sehr alten Bäumen, dirket an der Flussschleife.

Fortsetzung folgt.

Kloster Melk

Rollfähre

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