Freitag, 14. August 2026
Wer bist du?
c. fabry, 18:39h
Sie trat aus der Wohnung in den Hausflur und atmete tief durch. Der metallische Geruch hatte sich in ihrer Nase festgesetzt. „Ich muss an die Luft!“, dachte sie. „Erst einmal einen klaren Gedanken fassen, dann tun, was getan werden muss.“
Gestern noch hatten sie am Telefon gestritten. Wie immer machte er die Menschen, die Sozialleistungen bezogen für sein Elend verantwortlich, für die schmale Rente, die unzureichende medizinische Versorgung, den schlechten Zustand seiner Mietwohnung.
Ihre Gegenargumente verpufften im Feuer seiner Schuldzuweisungen. Die vermögenden Steuerverweigerer dagegen betrachtete er als seinesgleichen, schließlich hatte er sein Leben lang hart gearbeitet und nicht herumgelungert, wie dieser Abschaum.
Sie hatte es so satt, erreichte seinen sich verabschiedenden Verstand nicht und hatte überhaupt keine Lust mehr, in seine miefige Wohnung zu gehen und sich seinen übellaunigen Tiraden auszusetzen. Aber sie fühlte sich verantwortlich. Ihr Gewissen war stärker als ihr Unwille. Und nun war alles anders und sie war noch damit beschäftigt, das Gesehene einzuordnen und die angemessenen Schlussfolgerungen zu ziehen, sowie die daraus resultierenden Gefühle wahrzunehmen und zuzulassen.
Von oben waren Schritte zu hören, die näher kamen. Ein Fremder stieg die Stufen hinunter, jemand, der offenkundig nicht im Haus wohnte, denn sie kannte jede und jeden hier, niemand war umgezogen oder verstorben und sie alle bekamen in der Regel keinen Besuch, abgesehen von Kindern oder Enkelkindern und auch die kannte sie alle. Dieser hier war nicht nur fremd sondern befremdlich. Überhaupt nicht einzuordnen. Akkurat gekleidet, schlicht und unspektakulär, gut frisiert, glatt rasiert, jedoch mit einer unpassenden alten Plastiktüte in der Hand.
„Wer bist du?“, fragte sie den Unbekannten.
„Ich bin Albert Dreistein.“ antwortete er ruhig.
„Das ist dein Name.“, erwiderte sie. „Aber wer bist du?“
Er schwieg irritiert.
Sie insistierte: „Bist du ein Anführer oder ein Mitläufer? Das schwarze Schaf? Der Hofnarr? Der Liebling der Frauen oder der eklige Onkel?“
„Du stellst seltsame Fragen.“, antwortete er. „Wer bist DU denn?“
„Ich bin die Seltsame.“, antwortete sie. „Die, die die Welt nicht versteht und von ihr nicht verstanden wird.“
Er schüttelte den Kopf und ging wortlos an ihr vorbei. Aus der Tasche tropfte es zäh auf die Treppe.
„Deine Tasche tropft.“, rief sie ihm hinterher.
Er ging unbeirrt weiter. Sie folgte ihm ruhig und stetig. Als sie auf die Straße trat, sah sie ihn um eine Hausecke verschwinden. Danach nahm sie einen tiefen Atemzug, nahm das Mobiltelefon aus der Tasche und rief die Polizei an.
„Hier ist Daniela Klumpe. Jemand hat meinen Vater umgebracht. Ich habe ihn eben tot in seiner Wohnung aufgefunden. Fliederweg 11c, 2. Stock.“
Dann legte sie auf und schaltete das Mobiltelefon aus. Wenn sie jetzt Fragen stellten, würde sie alles falsch verstehen. Und sie würden ihre Antworten falsch verstehen. Und dann kamen die Probleme.
Sie ging zur Straßenbahn. Durch das Fenster erkannt sie in einem Café Albert Dreistein. „Seltsamer Name“, dachte sie. „Vielleicht hält er sich für das verkannte Genie, ist aber in Wirklichkeit der anstrengende Vetter, mit dem niemand etwas zu tun haben will.“
Er war ihrem Blick bereits entschwunden, als ihr die schäbige, tropfende Plastiktüte wieder einfiel. Sie seufzte. Sie würde umkehren müssen, und der Polizei davon erzählen.
https://fabry.blogger.de/stories/2917751/
Gestern noch hatten sie am Telefon gestritten. Wie immer machte er die Menschen, die Sozialleistungen bezogen für sein Elend verantwortlich, für die schmale Rente, die unzureichende medizinische Versorgung, den schlechten Zustand seiner Mietwohnung.
Ihre Gegenargumente verpufften im Feuer seiner Schuldzuweisungen. Die vermögenden Steuerverweigerer dagegen betrachtete er als seinesgleichen, schließlich hatte er sein Leben lang hart gearbeitet und nicht herumgelungert, wie dieser Abschaum.
Sie hatte es so satt, erreichte seinen sich verabschiedenden Verstand nicht und hatte überhaupt keine Lust mehr, in seine miefige Wohnung zu gehen und sich seinen übellaunigen Tiraden auszusetzen. Aber sie fühlte sich verantwortlich. Ihr Gewissen war stärker als ihr Unwille. Und nun war alles anders und sie war noch damit beschäftigt, das Gesehene einzuordnen und die angemessenen Schlussfolgerungen zu ziehen, sowie die daraus resultierenden Gefühle wahrzunehmen und zuzulassen.
Von oben waren Schritte zu hören, die näher kamen. Ein Fremder stieg die Stufen hinunter, jemand, der offenkundig nicht im Haus wohnte, denn sie kannte jede und jeden hier, niemand war umgezogen oder verstorben und sie alle bekamen in der Regel keinen Besuch, abgesehen von Kindern oder Enkelkindern und auch die kannte sie alle. Dieser hier war nicht nur fremd sondern befremdlich. Überhaupt nicht einzuordnen. Akkurat gekleidet, schlicht und unspektakulär, gut frisiert, glatt rasiert, jedoch mit einer unpassenden alten Plastiktüte in der Hand.
„Wer bist du?“, fragte sie den Unbekannten.
„Ich bin Albert Dreistein.“ antwortete er ruhig.
„Das ist dein Name.“, erwiderte sie. „Aber wer bist du?“
Er schwieg irritiert.
Sie insistierte: „Bist du ein Anführer oder ein Mitläufer? Das schwarze Schaf? Der Hofnarr? Der Liebling der Frauen oder der eklige Onkel?“
„Du stellst seltsame Fragen.“, antwortete er. „Wer bist DU denn?“
„Ich bin die Seltsame.“, antwortete sie. „Die, die die Welt nicht versteht und von ihr nicht verstanden wird.“
Er schüttelte den Kopf und ging wortlos an ihr vorbei. Aus der Tasche tropfte es zäh auf die Treppe.
„Deine Tasche tropft.“, rief sie ihm hinterher.
Er ging unbeirrt weiter. Sie folgte ihm ruhig und stetig. Als sie auf die Straße trat, sah sie ihn um eine Hausecke verschwinden. Danach nahm sie einen tiefen Atemzug, nahm das Mobiltelefon aus der Tasche und rief die Polizei an.
„Hier ist Daniela Klumpe. Jemand hat meinen Vater umgebracht. Ich habe ihn eben tot in seiner Wohnung aufgefunden. Fliederweg 11c, 2. Stock.“
Dann legte sie auf und schaltete das Mobiltelefon aus. Wenn sie jetzt Fragen stellten, würde sie alles falsch verstehen. Und sie würden ihre Antworten falsch verstehen. Und dann kamen die Probleme.
Sie ging zur Straßenbahn. Durch das Fenster erkannt sie in einem Café Albert Dreistein. „Seltsamer Name“, dachte sie. „Vielleicht hält er sich für das verkannte Genie, ist aber in Wirklichkeit der anstrengende Vetter, mit dem niemand etwas zu tun haben will.“
Er war ihrem Blick bereits entschwunden, als ihr die schäbige, tropfende Plastiktüte wieder einfiel. Sie seufzte. Sie würde umkehren müssen, und der Polizei davon erzählen.
https://fabry.blogger.de/stories/2917751/
... comment
genium,
Freitag, 14. August 2026, 21:25
Schön, Sie mal wieder zu lesen, der Name
dieses Herrn klingt ja wirklich interessant.
dieses Herrn klingt ja wirklich interessant.
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