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Samstag, 30. November 2024
1974
c. fabry, 23:58h
Nach zwei Jahren Ehe und geschäftlichem Neustart war es endlich so weit, die nächste Generation zog in den Gasthof ein, Sigrid Husemann wurde geboren.
Für Renate war dies das bisher größte Glück in ihrem Leben. Sie blühte auf, strahlte und ging auf in der neuen Aufgabe. Da war einerseits die natürliche Bindung an das eigene Kind, das aufregend Neue, die mit der Geburt verbundene Hormonausschüttung und andererseits die Bestätigung und Anerkennung, die sie in diesem Ausmaß nie zuvor erfahren hatte, dazu Kontakte mit anderen jungen Müttern.
Hildegard hielt ihr im Gasthof weitestgehend den Rücken frei, sodass sie sich zunächst zurücklehnen und ganz und gar der kleinen Sigrid widmen konnte. Und wenn es sie nach Abwechslung verlangte, sprang die Mutter bei der Säuglingspflege ein und Renate wirbelte durch den Gasthof wie vor der Geburt.
Sie hatte große Pläne mit dem kleinen Mädchen. Niemals sollte sie angebrüllt werden, niemand sollte sie einschüchtern. Sie sollte frei und fröhlich aufwachsen und wenn sie alt genug war, eigene Entscheidungen treffen. Vielleicht würde sie den Betrieb einmal fortführen, vielleicht würde aus ihr aber auch eine Goldschmiedin, Wirtin, Landwirtin oder Friseurin. Bis dahin wollte Renate alles tun, damit ihr Kind sich gesund entwickelte, wertvolle Erfahrungen machte und deutlich fühlte, dass es geliebt wurde. Ulrich sah das ebenso und diese Einigkeit stimmte sie zuversichtlich.
Für Renate war dies das bisher größte Glück in ihrem Leben. Sie blühte auf, strahlte und ging auf in der neuen Aufgabe. Da war einerseits die natürliche Bindung an das eigene Kind, das aufregend Neue, die mit der Geburt verbundene Hormonausschüttung und andererseits die Bestätigung und Anerkennung, die sie in diesem Ausmaß nie zuvor erfahren hatte, dazu Kontakte mit anderen jungen Müttern.
Hildegard hielt ihr im Gasthof weitestgehend den Rücken frei, sodass sie sich zunächst zurücklehnen und ganz und gar der kleinen Sigrid widmen konnte. Und wenn es sie nach Abwechslung verlangte, sprang die Mutter bei der Säuglingspflege ein und Renate wirbelte durch den Gasthof wie vor der Geburt.
Sie hatte große Pläne mit dem kleinen Mädchen. Niemals sollte sie angebrüllt werden, niemand sollte sie einschüchtern. Sie sollte frei und fröhlich aufwachsen und wenn sie alt genug war, eigene Entscheidungen treffen. Vielleicht würde sie den Betrieb einmal fortführen, vielleicht würde aus ihr aber auch eine Goldschmiedin, Wirtin, Landwirtin oder Friseurin. Bis dahin wollte Renate alles tun, damit ihr Kind sich gesund entwickelte, wertvolle Erfahrungen machte und deutlich fühlte, dass es geliebt wurde. Ulrich sah das ebenso und diese Einigkeit stimmte sie zuversichtlich.
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Freitag, 22. November 2024
2nd Spoiler 10
c. fabry, 04:36h
1972
Es war keine Bilderbuchhochzeit, aber ein schönes Fest, als Renate Bierhoff und Ulrich Husemann sich das Jawort gaben und Renate ihren Geburtsnamen aufgab, um im Gegenzug so viel mehr dafür zu gewinnen. Hildegard zog sich in zwei kleine Zimmer zurück und überließ die restlichen Wohnräume der neuen Generation, denn sie waren bereit für das Abenteuer, die Verantwortung für den Betrieb zu übernehmen und ihn den Erfordernissen moderner Ansprüche anzupassen. Beide waren zuversichtlich und voller Tatendrang. Ulrich wollte das Hotelangebot auf Vordermann bringen, die Zimmer nach und nach modernisieren und gezielt bewerben. Renate erweiterte das kulinarische Angebot und war damit erfolgreicher, als sie selbst erwartet hatte.
Die große Nachfrage brachte aber auch Probleme mit sich, denn die Arbeit machte sich nicht von allein und wuchs dem jungen Paar gelegentlich über den Kopf.
Renate konnte ihre Impulse mittlerweile kontrollieren, doch in Zeiten übergroßer Belastung und Anspannung neigte sie nach wie vor zu Gefühlsausbrüchen.
„Wieso hast du denn die Konfirmation auch noch angenommen? Wie soll ich das schaffen, wenn wir am Samstag bis spät in die Nacht die Hütte voll haben?“
„Du musst das nicht allein schaffen.“, beschwichtigte Ulrich seine Frau. „Wir machen das zusammen. Wir stellen Aushilfen ein. Da kommt so viel Geld rein, dass wir uns das leisten können.“
Überall lässt du deine Brocken liegen und ich muss dauernd hinter dir her räumen, als wenn ich sonst nichts zu tun hätte!“
„Du musst nicht hinter mir her räumen. Ich brauche die Sachen ja und spätestens bis zum Wochenende stehen sie woanders rum. Genau wie deine Schuhe oder deine Haarbänder.“
Danach mussten beide lachen.
Und wenn unverschämte Gäste Renate zur Weißglut brachten, bemerkte Ulrich das jedes Mal rechtzeitig, um sie aus der Schusslinie zu lotsen, ihr Recht zu geben in ihrem Zorn, ihr eine Pause zu gönnen und sanft über den Rücken zu streichen. Renate war wie eine Wildkatze und Ulrich verstand, sie zu zähmen mit Liebe, Verständnis, Respekt, Vertrauenswürdigkeit, Loyalität und Humor.
Die Päckchen, die Heinrichs Ausbrüche hinterlassen hatten, würde sie niemals los werden, aber durch Ulrichs Einfluss verloren sie an Gewicht.
Es war keine Bilderbuchhochzeit, aber ein schönes Fest, als Renate Bierhoff und Ulrich Husemann sich das Jawort gaben und Renate ihren Geburtsnamen aufgab, um im Gegenzug so viel mehr dafür zu gewinnen. Hildegard zog sich in zwei kleine Zimmer zurück und überließ die restlichen Wohnräume der neuen Generation, denn sie waren bereit für das Abenteuer, die Verantwortung für den Betrieb zu übernehmen und ihn den Erfordernissen moderner Ansprüche anzupassen. Beide waren zuversichtlich und voller Tatendrang. Ulrich wollte das Hotelangebot auf Vordermann bringen, die Zimmer nach und nach modernisieren und gezielt bewerben. Renate erweiterte das kulinarische Angebot und war damit erfolgreicher, als sie selbst erwartet hatte.
Die große Nachfrage brachte aber auch Probleme mit sich, denn die Arbeit machte sich nicht von allein und wuchs dem jungen Paar gelegentlich über den Kopf.
Renate konnte ihre Impulse mittlerweile kontrollieren, doch in Zeiten übergroßer Belastung und Anspannung neigte sie nach wie vor zu Gefühlsausbrüchen.
„Wieso hast du denn die Konfirmation auch noch angenommen? Wie soll ich das schaffen, wenn wir am Samstag bis spät in die Nacht die Hütte voll haben?“
„Du musst das nicht allein schaffen.“, beschwichtigte Ulrich seine Frau. „Wir machen das zusammen. Wir stellen Aushilfen ein. Da kommt so viel Geld rein, dass wir uns das leisten können.“
Überall lässt du deine Brocken liegen und ich muss dauernd hinter dir her räumen, als wenn ich sonst nichts zu tun hätte!“
„Du musst nicht hinter mir her räumen. Ich brauche die Sachen ja und spätestens bis zum Wochenende stehen sie woanders rum. Genau wie deine Schuhe oder deine Haarbänder.“
Danach mussten beide lachen.
Und wenn unverschämte Gäste Renate zur Weißglut brachten, bemerkte Ulrich das jedes Mal rechtzeitig, um sie aus der Schusslinie zu lotsen, ihr Recht zu geben in ihrem Zorn, ihr eine Pause zu gönnen und sanft über den Rücken zu streichen. Renate war wie eine Wildkatze und Ulrich verstand, sie zu zähmen mit Liebe, Verständnis, Respekt, Vertrauenswürdigkeit, Loyalität und Humor.
Die Päckchen, die Heinrichs Ausbrüche hinterlassen hatten, würde sie niemals los werden, aber durch Ulrichs Einfluss verloren sie an Gewicht.
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Freitag, 15. November 2024
2nd Spoiler 9
c. fabry, 11:23h
1971
Hildegard hatte darauf bestanden, dass Renate ihren Beruf nicht gänzlich an den Nagel hängte, man konnte nie wissen, wofür der noch einmal gut war. Die frisch ausgebildete Konditorin hatte ihrem Lehrherrn daraufhin die schwierige, persönliche Lage geschildert, aber auch ihren Wunsch, beruflich am Ball zu bleiben. So hatte sie eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Teilzeitstelle, um ihre Mutter zu unterstützen und zu entlasten.
Bei einer Messe der Konditoren bewunderte Renate das Ausstellungsstück eines jungen Kollegen: eine perfekt eingestrichene und mit exakten Sahnehäubchen dekorierte Torte mit einer transparenten, aus gekochtem Zucker modellierten Rose von leuchtendem Rot und von der Klarheit eines leuchtenden Edelsteins.
Er grinste bescheiden und geschmeichelt, stammte aus der Gegend, war in ihrem Alter, sah nett aus und stellte sich vor als Ulrich Husemann. Sie verabredeten sich zum Kaffee und Ulrich erklärte, dass er mehr aus Verlegenheit Konditor geworden sei. Eigentlich wollte ich viel lieber ins Hotelfach, aber ich habe einfach keinen passenden Ausbildungsplatz gefunden.“
„Kannst du ja nachholen.“, kicherte Renate. „Wir haben einen Gasthof in Häger: Fremdenzimmer, Gesellschaften, bürgerliche Küche und Theke für Stammgäste. Uns fehlt der Mann im Haus. Das ist doch bestimmt die Erfüllung deiner kühnsten Träume.“
Sie lachten beide herzlich, denn Ulrich hatte natürlich an Hotels der gehobenen Klasse gedacht, aber sie waren sich ungeheuer sympathisch. „Neugierig bin ich schon auf euren Betrieb.“, meinte Ulrich. „Wann schaue ich denn am besten mal bei euch vorbei?“
Renate rechnete nicht mit einer Fortsetzung, doch nach nicht einmal einer Woche saß Ulrich im Gasthof und bestellte ein Bier und ein Schinkenbrot. Auf den wohlwollenden Besuch folgte eine Verabredung fürs Kino, Discotheken, Ausflüge und am Ende des Jahres waren beide sich bereits derartig sicher, das Gegenstück für den Rest ihres Lebens gefunden zu haben, dass sie beschlossen zu heiraten.
Hildegard hatte darauf bestanden, dass Renate ihren Beruf nicht gänzlich an den Nagel hängte, man konnte nie wissen, wofür der noch einmal gut war. Die frisch ausgebildete Konditorin hatte ihrem Lehrherrn daraufhin die schwierige, persönliche Lage geschildert, aber auch ihren Wunsch, beruflich am Ball zu bleiben. So hatte sie eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Teilzeitstelle, um ihre Mutter zu unterstützen und zu entlasten.
Bei einer Messe der Konditoren bewunderte Renate das Ausstellungsstück eines jungen Kollegen: eine perfekt eingestrichene und mit exakten Sahnehäubchen dekorierte Torte mit einer transparenten, aus gekochtem Zucker modellierten Rose von leuchtendem Rot und von der Klarheit eines leuchtenden Edelsteins.
Er grinste bescheiden und geschmeichelt, stammte aus der Gegend, war in ihrem Alter, sah nett aus und stellte sich vor als Ulrich Husemann. Sie verabredeten sich zum Kaffee und Ulrich erklärte, dass er mehr aus Verlegenheit Konditor geworden sei. Eigentlich wollte ich viel lieber ins Hotelfach, aber ich habe einfach keinen passenden Ausbildungsplatz gefunden.“
„Kannst du ja nachholen.“, kicherte Renate. „Wir haben einen Gasthof in Häger: Fremdenzimmer, Gesellschaften, bürgerliche Küche und Theke für Stammgäste. Uns fehlt der Mann im Haus. Das ist doch bestimmt die Erfüllung deiner kühnsten Träume.“
Sie lachten beide herzlich, denn Ulrich hatte natürlich an Hotels der gehobenen Klasse gedacht, aber sie waren sich ungeheuer sympathisch. „Neugierig bin ich schon auf euren Betrieb.“, meinte Ulrich. „Wann schaue ich denn am besten mal bei euch vorbei?“
Renate rechnete nicht mit einer Fortsetzung, doch nach nicht einmal einer Woche saß Ulrich im Gasthof und bestellte ein Bier und ein Schinkenbrot. Auf den wohlwollenden Besuch folgte eine Verabredung fürs Kino, Discotheken, Ausflüge und am Ende des Jahres waren beide sich bereits derartig sicher, das Gegenstück für den Rest ihres Lebens gefunden zu haben, dass sie beschlossen zu heiraten.
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Freitag, 8. November 2024
2nd Spoiler 8
c. fabry, 08:48h
1970
Erste Lieben halten oft nicht länger als zwei Jahre. Die streitbare Renate wurde Klaus irgendwann zu anstrengend; man musste das, was man wollte, doch auch bekommen können, ohne stetige Schimpftiraden und unvorhergesehene Vulkanausbrüche. Schon bald verliebte er sich in ein sanfteres Wesen und beendete die Beziehung zu Renate.
„Gut, dass ich auf mich aufgepasst habe und keinen Bastard von dir an der Backe habe.“, lautete ihr einziger Kommentar. Doch innerlich war sie tief getroffen und verletzt von der unerwarteten Zurückweisung. Sie fühlte sich abgewertet, ausrangiert, benutzt und weggeworfen. Doch sie war zu stolz, sich diese demütigende Verletzlichkeit anmerken zu lassen.
Der Liebeskummer hätte Renate zum Fallstrick werden können, aber das gönnte sie Klaus nicht. Sie stürzte sich stattdessen mit aller Kraft in die Vorbereitungen für ihre Gesellinnen-Prüfung und schloss sie glücklich mit sehr guten Bewertungen ab. Für großartige Feierlichkeiten oder irgendeine Auszeit gab es aber keinen Raum. Im Gasthof musste ein Ereignis nach dem anderen bewältigt werden und Aushilfen waren knapp, weil die Erntezeit alle brauchbaren Landfrauen auf ihren Höfen in Anspruch nahm. Renate hatte vom Betrieb ein Übernahme-Angebot bekommen und dazu ein paar Wochen Bedenkzeit, aber sie fand nie den passenden Augenblick, ihren Eltern diese wunderbare Perspektive zu eröffnen, weil die nun vor allem froh waren, dass ihre Ausbildung abgeschlossen war und sie über die volle Arbeitskraft ihrer Tochter verfügen konnten.
Renate war fest entschlossen, ihrem Ausbildungsbetrieb zuzusagen, aber nicht, bevor sie diesen Entschluss nicht ihren Eltern mitgeteilt und deren Segen erhalten hatte. Sie fand, dass so ein geregeltes Einkommen in der Familie ja auch kein schlechtes Standbein war, falls die Geschäfte einmal nicht so liefen, wie sie sollten.
Anfang November hatte sich eine große Jagdgesellschaft angekündigt. Es gab unendlich viel zu tun mit Einkäufen, Bestellungen, umfangreichen Vorbereitungen in der Küche und bei der Dekoration der Gasträume. Darüber hinaus war abzusehen, dass im Anschluss ein exorbitanter Putzmarathon anstand, denn die Jäger schleppten einen halben Acker und ein kleines Waldstück an ihren Stiefeln in den Gasthof und die letzten sauberen Flächen wurden von den verdreckten Hunden verschmutzt. Entsprechend hoch war der Stresspegel bei Hildegard und Heinrich und übertrug sich auch auf Renate.
Es gab Schwierigkeiten mit dem Bierlieferanten, viel Aufregung und Ärger, bis die Fässer in letzter Minute doch noch in den Keller gerollt wurden.
Für die Jagdgesellschaft selbst war diese Anspannung nicht erkennbar. Sie verlebten einen formidablen Abend voller Horridos, voller deftiger Teller, zischender Biere und bitterer Schnäpse.
Als der letzte Gast gegangen war, atmete Heinrich einmal tief ein und wieder aus. Der nächste Atemzug wollte nicht recht gelingen, da klemmte etwas im Gebälk, er sah das gedämpfte Licht im Schankraum schwächer werden und schließlich ganz verlöschen.
Hildegard räumte noch immer gemeinsam mit Renate die Küche auf und wunderte sich irgendwann, dass aus dem Gastraum so gar kein Gläserklappern oder Stühlerücken mehr zu vernehmen war. Sie sah nach ihrem Mann und konnte ihn zunächst nirgends finden, doch dann entdeckte sie seine Schuhe, die hinter der Theke hervorlugten.Blick und wusste schlagartig, dass nichts mehr so werden würde, wie es war.
Nach der ersten Aufregung und ein paar Stunden unruhigen Schlafes stand Hildegard in der Dunkelheit auf und schaffte Ordnung, kochte sich einen starken Kaffee und als die ersten Sonnenstrahlen die Verbindung zur Außenwelt wiederherstellten, schlüpfte sie in ihren Mantel, schlug ein wollenes Tuch um den Kopf und ging an die frische Luft. Einen Spaziergang in der Natur hatte sie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht unternommen. Während sie einen Fuß vor den anderen setzte und die eisige Morgenluft einsog, als wollte sie die trüben Gedanken in ihrem Kopf hinaus lüften, klärte sie für sich, welche Schritte als nächstes zu unternehmen waren und wie es künftig weitergehen könnte mit ihrem Leben, dem Gasthof und Renate.
Renate dagegen blieb an diesem Morgen so lange es ging im Bett liegen. Hellwach aber wie gelähmt von dem gewaltsamen Hieb des Todes, dessen plötzlicher Einbruch sie mit einer solchen Wucht getroffen hatte, dass sie sogar im Liegen taumelte, entsetzt, fassungslos, ohne jegliche Orientierung. Ihre Gedanken kreisten zunächst ausschließlich um die Ungeheuerlichkeit, dass die Existenz ihres Vaters von einem Augenblick auf den anderen ausgelöscht war. Unwiderruflich. Für immer.
Das zu begreifen, kostete sie weitaus mehr Kraft, als sie sich jemals hätte vorstellen können.
Dann beschritt sie die nächste Stufe: Wie würde in ihrem Zuhause das Leben weitergehen? Würde es überhaupt weitergehen? Auf welche Veränderungen musste sie sich einstellen? Wie würde ihre Mutter diesen Schicksalsschlag verkraften?
Und schließlich beschäftigte sie sich mit ihrer eigenen Rolle in diesem Drama je länger sie darüber nachdachte, umso unausweichlicher schien ihr die Verpflichtung, ihre Mutter mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft zu unterstützen. Schweren Herzens nahm sie Abschied vom Traum von einer eigenständigen Berufstätigkeit, einer inhaltlichen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit, einer eigenen Identität losgelöst vom Elternhaus. Sie wurde gebraucht und konnte ihre Mutter nicht hängen lassen.
Als Hildegard vom Spaziergang zurückkehrte, hatte Renate bereits den Frühstückstisch gedeckt.
„Mama“, sagte sie. „Ich halte zu dir. Zusammen halten wir den Laden zusammen. Und jetzt musst du was esse, damit du bei Kräften bleibst. Ich brauche dich noch.“
Hildegard sank schluchzend in die Arme ihrer so schnell erwachsen gewordenen Tochter. „Ja“, dachte sie, „zusammen können wir das schaffen, mein Mädchen und ich.“
Erste Lieben halten oft nicht länger als zwei Jahre. Die streitbare Renate wurde Klaus irgendwann zu anstrengend; man musste das, was man wollte, doch auch bekommen können, ohne stetige Schimpftiraden und unvorhergesehene Vulkanausbrüche. Schon bald verliebte er sich in ein sanfteres Wesen und beendete die Beziehung zu Renate.
„Gut, dass ich auf mich aufgepasst habe und keinen Bastard von dir an der Backe habe.“, lautete ihr einziger Kommentar. Doch innerlich war sie tief getroffen und verletzt von der unerwarteten Zurückweisung. Sie fühlte sich abgewertet, ausrangiert, benutzt und weggeworfen. Doch sie war zu stolz, sich diese demütigende Verletzlichkeit anmerken zu lassen.
Der Liebeskummer hätte Renate zum Fallstrick werden können, aber das gönnte sie Klaus nicht. Sie stürzte sich stattdessen mit aller Kraft in die Vorbereitungen für ihre Gesellinnen-Prüfung und schloss sie glücklich mit sehr guten Bewertungen ab. Für großartige Feierlichkeiten oder irgendeine Auszeit gab es aber keinen Raum. Im Gasthof musste ein Ereignis nach dem anderen bewältigt werden und Aushilfen waren knapp, weil die Erntezeit alle brauchbaren Landfrauen auf ihren Höfen in Anspruch nahm. Renate hatte vom Betrieb ein Übernahme-Angebot bekommen und dazu ein paar Wochen Bedenkzeit, aber sie fand nie den passenden Augenblick, ihren Eltern diese wunderbare Perspektive zu eröffnen, weil die nun vor allem froh waren, dass ihre Ausbildung abgeschlossen war und sie über die volle Arbeitskraft ihrer Tochter verfügen konnten.
Renate war fest entschlossen, ihrem Ausbildungsbetrieb zuzusagen, aber nicht, bevor sie diesen Entschluss nicht ihren Eltern mitgeteilt und deren Segen erhalten hatte. Sie fand, dass so ein geregeltes Einkommen in der Familie ja auch kein schlechtes Standbein war, falls die Geschäfte einmal nicht so liefen, wie sie sollten.
Anfang November hatte sich eine große Jagdgesellschaft angekündigt. Es gab unendlich viel zu tun mit Einkäufen, Bestellungen, umfangreichen Vorbereitungen in der Küche und bei der Dekoration der Gasträume. Darüber hinaus war abzusehen, dass im Anschluss ein exorbitanter Putzmarathon anstand, denn die Jäger schleppten einen halben Acker und ein kleines Waldstück an ihren Stiefeln in den Gasthof und die letzten sauberen Flächen wurden von den verdreckten Hunden verschmutzt. Entsprechend hoch war der Stresspegel bei Hildegard und Heinrich und übertrug sich auch auf Renate.
Es gab Schwierigkeiten mit dem Bierlieferanten, viel Aufregung und Ärger, bis die Fässer in letzter Minute doch noch in den Keller gerollt wurden.
Für die Jagdgesellschaft selbst war diese Anspannung nicht erkennbar. Sie verlebten einen formidablen Abend voller Horridos, voller deftiger Teller, zischender Biere und bitterer Schnäpse.
Als der letzte Gast gegangen war, atmete Heinrich einmal tief ein und wieder aus. Der nächste Atemzug wollte nicht recht gelingen, da klemmte etwas im Gebälk, er sah das gedämpfte Licht im Schankraum schwächer werden und schließlich ganz verlöschen.
Hildegard räumte noch immer gemeinsam mit Renate die Küche auf und wunderte sich irgendwann, dass aus dem Gastraum so gar kein Gläserklappern oder Stühlerücken mehr zu vernehmen war. Sie sah nach ihrem Mann und konnte ihn zunächst nirgends finden, doch dann entdeckte sie seine Schuhe, die hinter der Theke hervorlugten.Blick und wusste schlagartig, dass nichts mehr so werden würde, wie es war.
Nach der ersten Aufregung und ein paar Stunden unruhigen Schlafes stand Hildegard in der Dunkelheit auf und schaffte Ordnung, kochte sich einen starken Kaffee und als die ersten Sonnenstrahlen die Verbindung zur Außenwelt wiederherstellten, schlüpfte sie in ihren Mantel, schlug ein wollenes Tuch um den Kopf und ging an die frische Luft. Einen Spaziergang in der Natur hatte sie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht unternommen. Während sie einen Fuß vor den anderen setzte und die eisige Morgenluft einsog, als wollte sie die trüben Gedanken in ihrem Kopf hinaus lüften, klärte sie für sich, welche Schritte als nächstes zu unternehmen waren und wie es künftig weitergehen könnte mit ihrem Leben, dem Gasthof und Renate.
Renate dagegen blieb an diesem Morgen so lange es ging im Bett liegen. Hellwach aber wie gelähmt von dem gewaltsamen Hieb des Todes, dessen plötzlicher Einbruch sie mit einer solchen Wucht getroffen hatte, dass sie sogar im Liegen taumelte, entsetzt, fassungslos, ohne jegliche Orientierung. Ihre Gedanken kreisten zunächst ausschließlich um die Ungeheuerlichkeit, dass die Existenz ihres Vaters von einem Augenblick auf den anderen ausgelöscht war. Unwiderruflich. Für immer.
Das zu begreifen, kostete sie weitaus mehr Kraft, als sie sich jemals hätte vorstellen können.
Dann beschritt sie die nächste Stufe: Wie würde in ihrem Zuhause das Leben weitergehen? Würde es überhaupt weitergehen? Auf welche Veränderungen musste sie sich einstellen? Wie würde ihre Mutter diesen Schicksalsschlag verkraften?
Und schließlich beschäftigte sie sich mit ihrer eigenen Rolle in diesem Drama je länger sie darüber nachdachte, umso unausweichlicher schien ihr die Verpflichtung, ihre Mutter mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft zu unterstützen. Schweren Herzens nahm sie Abschied vom Traum von einer eigenständigen Berufstätigkeit, einer inhaltlichen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit, einer eigenen Identität losgelöst vom Elternhaus. Sie wurde gebraucht und konnte ihre Mutter nicht hängen lassen.
Als Hildegard vom Spaziergang zurückkehrte, hatte Renate bereits den Frühstückstisch gedeckt.
„Mama“, sagte sie. „Ich halte zu dir. Zusammen halten wir den Laden zusammen. Und jetzt musst du was esse, damit du bei Kräften bleibst. Ich brauche dich noch.“
Hildegard sank schluchzend in die Arme ihrer so schnell erwachsen gewordenen Tochter. „Ja“, dachte sie, „zusammen können wir das schaffen, mein Mädchen und ich.“
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