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Dienstag, 20. September 2016
25. Arche-Noah-Kita - aus dem Kriminalroman "Rache für Dina" von Cristina Fabry
c. fabry, 13:12h
Regina Heuer schloss die Bürotür und ging an der Küche vorbei. „Läuft die Spülmaschine?“ scherzte sie. „Spülmaschine läuft.“, antwortete Sabine Krönke im Kasernenton. „Grothaus schon gesichtet?“ fragte sie.
„Bis jetzt noch nicht.“, antwortete Regina Heuer, aber er hat ja noch dreizehn Minuten. Der Countdown zur jährlichen Horror-Andacht läuft.“
„Wieso?“, fragte Sabine. „Der kommt doch jede Woche.“
„Jeden Freitag Horror-Andacht?“, überlegte Regina. „Ja, so kann man das natürlich auch sehen. Aber heute ist mal wieder Kreuzigung dran. Ich sehe schon wieder die Schreck-geweiteten Kinderaugen und höre wie das Telefon heiß klingelt. Genau wie im letzten Jahr. Tränen, Alpträume und aufgebrachte Eltern.“
„Sag ihm das doch.“, schlug Sabine vor.
„Das mache ich auch.“, antwortete Regina.
„Guck mal. Da kommt er schon.“
Mit einer Aktentasche ausgestattet ging Pfarrer Christoph Grothaus auf den Eingang der KiTa zu. Er wirkte so, als sei er zu einem Fachvortrag unterwegs und nicht zu einem religionspädagogischen Angebot für Kindergartenkinder.
„Guten Morgen Herr Grothaus.“, begrüßte Regina ihn. „Können Sie vorher noch einmal ganz kurz in mein Büro kommen?“
Grothaus erwiderte den Gruß und folgte der Einladung.
„Ich wollte Sie noch einmal daran erinnern“, erklärte Regina, „dass im letzten Jahr einige Kinder durch die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu regelrecht traumatisiert waren. Es wäre ganz gut, wenn Sie die Dramatik und die erschreckenden Details aus der Beschreibung heraus lassen könnten.“
„Aber Frau Heuer“, antwortete Christoph Grothaus. „Ich kann den Kindern doch keine Passions-Geschichte light auftischen, nur weil Leiden, Sterben und Tod heute überall ausgeblendet und verdrängt werden. Die Kinder müssen frühzeitig an diese Themen heran geführt werden, damit sie Schritt für Schritt lernen, damit umzugehen. Und die Botschaft des Evangeliums ist auch schwerlich zu begreifen, wenn man nur erzählt, dass die Männer des hohen Rates und die römischen Soldaten gemein zu Jesus waren und ihn am Ende ganz lange gefesselt haben, so dass er gar nichts mehr machen konnte.“
Regina protestierte: „Drei- bis Sechsjährige sind aber zu klein für so grausame Details wie blutige Peitschenhiebe oder das Durchbohren von Händen und Füßen mit dicken Nägeln. Das können die noch nicht verarbeiten. Bei Siebenjährigen sieht das schon anders aus.“
„Wissen Sie, Frau Heuer“, antwortete Grothaus mit einem süffisanten Lächeln, „Ich habe zwölf Semester Theologie studiert und etliche Vorlesungen und Seminare besucht zur Religionspädagogik mit Kindern. Ich weiß, was ich da tue. Ich halte mich aus Ihrem Fachgebiet heraus, halten Sie sich bitte aus dem meinen heraus, dann können wir wunderbar zusammenarbeiten.“
„Die Eltern machen mir nächste Woche die Hölle heiß!“, protestierte Regina empört.
„Dann leiten Sie sie an mich weiter. Ich bin gern bereit, unwissenden Eltern die Bedeutung der Passionsgeschichte für die Glaubensbiographie ihrer lieben Kleinen zu erläutern. Und jetzt würde ich gern anfangen.“
Er verließ das Büro, ohne eine Antwort abzuwarten und ließ Regina mit offenem Mund zurück. Als sie sich einigermaßen gefasst hatte, ging sie in den Gruppenraum, in dem die Andacht heute stattfand.
Die Kinder sangen zur Einstimmung gerade „Guten Morgen, lieber Gott“, wie jedes Mal zu Beginn der Andacht.
„Wisst ihr denn, was am übernächsten Sonntag für ein großes Fest ist?“, fragte er die Kinder.
Einige Fünf- und Sechsjährige riefen eifrig: „Ostern!“
„Da kommt der Osterhase!“, brüllte der vierjährige Cedric, und die übrigen Kinder jubelten begeistert. Der Pfarrer bemühte sich, seinen säuerlichen Ausdruck, der sich reflexartig in sein Gesicht grub, tapfer hinweg zu lächeln.
„Der Osterhase“, erklärte er, „ist ein lustiger Frühlingsspaß, den die Erwachsenen sich ausgedacht haben, um den Kindern eine Freude zu machen.“
Regina vergrub entsetzt ihr Gesicht in den Händen.
Grothaus fuhr fort: „Worum es beim Osterfest eigentlich geht, ist, dass Jesus von den Toten auferstanden ist..“
Die Kinder starrten ihn mit großen Augen und offenen Mündern an. Sie mussten ein bisschen zu viel auf einmal verarbeiten: Der Osterhase war nur ausgedacht und Jesus war bei den Toten und ist irgendwie aufgestanden. Wie hing das nun alles zusammen?
„Dass Jesus auferstanden ist“, erklärte der Pfarrer weiter, „ist das Wichtigste für alle, die an ihn glauben. Darum ist Ostern auch wichtiger als Weihnachten.“
„Das glaube ich nicht!“, widersprach Cindy. „Weihnachten gibt es viel mehr und auch viel tollere Geschenke und ganz viel Leckeres zu Essen und alle besuchen sich. Weihnachten ist viel viel toller!“
„Das Fest ist vielleicht schöner und größer“, erklärte Grothaus geduldig, „aber an Weihnachten feiern wir, dass Jesus geboren ist. Geboren wurden wir alle, aber noch keiner von uns ist von den Toten auferstanden. Das ist ein Wunder.“
„Ja“, erklärte Viktoria eifrig. „Wenn man tot ist, dann muss man eigentlich liegen bleiben und kann sich nicht mehr bewegen, außer man ist ein Vampir oder ein Gespenst.“
Jetzt hatte auch Jonas etwas beizutragen: „In meiner Kinderbibel hat Jesus ein weißes Kleid an. Der war bestimmt ein Gespenst.“
„Nein nein!“, widersprach Grothaus. „Das weiße Kleid hatte er ja schon vorher. Aber wir wollen heute auch nicht ausführlich von Ostern und der Auferstehung erzählen, sondern von dem, was kurz vorher geschehen ist. Was musste denn passieren, damit Jesus von den Toten auferstehen konnte?“
Lara meldete sich zaghaft: „Vielleicht musste jemand Feenstaub auf das Grab streuen?“
„Nein, das ist ja Unsinn!“, erwiderte Grothaus ungehalten. „Es gibt weder Feen noch Feenstaub. Das sind alles Märchen. Ich stelle die Frage mal anders: Was muss passieren, damit jemand tot ist?“
„Erschießen. Peng Peng Peng!, rief Justin.
„Gewehre gab es damals noch nicht.“, erklärte der Pfarrer. „Aber Jesus musste sterben. Er wurde getötet. Und wie es dazu kam, will ich euch erzählen.“
Gespannt hielten die Kinder den Atem an, als der Pastor einen Filzteppich und eine Schachtel aus der Tasche holte. In der Schachtel befanden sich Figuren, die ebenfalls aus Filz gearbeitet waren und der Visualisierung der erzählten Geschichte dienten. Er holte eine Jesus-Figur und ein paar Jünger aus der Schachtel und begann, die Passionsgeschichte zu erzählen. Er ließ nichts aus: das letzte Abendmahl, die Stunden der Angst in Gethsemane, der Verrat des Judas und dessen Suizid, die Verhaftung Jesu und das von Petrus abgeschlagene Ohr des Soldaten, die Peitschenhiebe, die schmerzenden Stacheln der Dornenkrone und wie ihm wohl Schweiß und Blut in die Augen gelaufen waren, das Verhör durch Pilatus, die Rettung des Barabas, das Tragen und der Zusammenbruch unter der Last des Kreuzes, das Einschlagen der Nägel in Hände und Füße, der entsetzliche Schmerz und so weiter, bis zum bitteren Ende. Die Kinder verfolgten mucksmäuschenstill diesen Horror-Film in Filzoptik und der Pfarrer sprach am Ende zufrieden ein Gebet und einen Segen, packte seine Filzfiguren wieder ein, wünschte allen frohe Ostern und lief eilig zu seinem Auto. Die Kinder – froh, dass die beängstigende Situation endlich vorüber war – schalteten einfach um auf Spiel und Spaß und verdrängten zunächst erfolgreich die grausamen Bilder, die Grothaus in ihrem Kopf hatte entstehen lassen. Karin ging mit einer größeren Gruppe in den Garten, und diejenigen, die im Haus blieben, beschäftigten sich zunächst selbst, so dass Regina sich leise mit ihrer Kollegin Sabine unterhalten konnte.
„Wie kann man nur so einem Kinderhasser religionspädagogische Verantwortung übertragen? Mal eben alle schönen Träume zerstören, ein paar Alpträume säen und dann die Kinder in ihrem Elend allein lassen. Ich würde mich sofort an den Superintendenten wenden, aber der Reimler ist ja auch so eine Wurst.“
„Gibt es überhaupt Pfarrer, die mit Kindern umgehen können? Muss man nicht schon total balla balla sein, wenn man überhaupt Theologie studiert?“, fragte Sabine.
„Nee, das kann man so nicht sagen.“, antwortete Regina. „Es sind ja auch nicht alle Erzieherinnen phantasielose Basteltanten, die nix drauf haben als schwarze Pädagogik und Zickenkrieg. Es gibt, glaube ich, schon eine große Menge Theologen, die das studiert haben, weil die Kirche der einzige Ort war, wo sie nicht ständig fertig gemacht wurden, aber es gibt auch ganz tolle und engagierte und auch welche, die super mit Kindern können. Der Winter zum Beispiel, das war der Vorgänger vom Grothaus. Die Kinder haben sich immer total gefreut, wenn der kam. Und der hätte sich bei dieser Geschichte die Details geschenkt. Er hätte mit den Kindern reflektiert wie das ist, wenn alle einen rum schubsen und vielleicht ein paar Übungen dazu gemacht. Der hätte den Kindern auch den Osterhasen nicht ausgeredet, sondern erzählt, dass der der Deko-Beauftragte für die Welt-weite Auferstehungsparty ist und zwar in einer Sprache, die die Kleinen auch verstehen. Zu schade, dass die Guten immer verschwinden.“
„Was ist denn mit ihm passiert?“
„Hat'n Posten in der Landeskirche bekommen.“
„Aber das ist doch schön, wenn ausnahmsweise mal die Guten Karriere machen.“
„Schon“, gab Regina ihr recht, „aber wenn sie gehen, kommen meistens nur die Luschen nach. Kassieren ein fettes Gehalt, obwohl sie nichts können. Das ist einfach zum Kotzen!“
„Und unsereins mit unserem schmalen Geld will man noch Dumping-Löhne aufdrücken.“, fiel Sabine in das Lamento ein. „Was ist eigentlich bei eurem Gespräch im Kirchenkreis raus gekommen? Gibt’s was Neues?“
„Nicht viel.“, antwortete Regina. „Fünf Kolleginnen haben den Dreck mittlerweile unterschrieben. Jens Carstensen hat sich gestern in Bielefeld mit dem landeskirchlichen Beauftragten getroffen und ich habe alle Einrichtungsleitungen geimpft, damit keiner mehr unterschreibt. Ich habe echt viel telefoniert letztes Wochenende. Reimler will weiter sparen und meint, die neuen Verträge könne er auch gar nicht rückgängig machen. Da hat Jens die Sitzung platzen lassen und gesagt, dass wir dann eben den Rechtsweg einschlagen müssen. Wir versuchen es jetzt erst noch einmal mit der kostengünstigeren Variante „Neutraler Berater“. Reimler will sich um einen geeigneten Kandidaten kümmern. Ich bin echt mal gespannt.“
„Ich auch.“, erklärte Sabine. Dann mussten beide ihr Gespräch beenden, weil die Kinder ihre volle Aufmerksamkeit einforderten.
Bis zum Mittagessen lief alles normal. Es gab Chicken-Nuggets, kleine runde Petersilienkartoffeln und Erbsen mit Möhren. Außerdem stand rote Traubenschorle auf dem Tisch.
„Ich will Blut trinken!“, rief Cedric und lachte irre. „Ich bin ein Vampir, und ich trinke das ganze Blut von Jesus alleine aus.“
„Und ich esse sein Fleisch.“, erklärte Dustin und biss in ein Stück Hühnchen wie ein Raubtier.“
„So war das mit dem Abendmahl aber nicht gemeint.“, erklärte Regina. „Damals haben die Menschen sich besser vorstellen können, was Jesus meinte, wenn er es so erklärte. Eigentlich wollte er sagen, dass er viel Schlimmes erleben müsste, damit die Welt besser werden kann.“
„Die haben den ja auch gar nicht gegessen.“, erklärte Cindy weise. „Weil dann hätte der nach dem Sterben ja nicht einfach aufstehen können.“
„Ja, sonst wär' der ja als Kacke rumgelaufen.“, überlegte Rico und kriegte sich vor Lachen gar nicht mehr ein.
„Gar nicht dumm, der Rico.“, dachte Regina, wollte aber verhindern, dass diese von den Kindern selbst initiierte gruppentherapeutische Verarbeitung in einen wüsten Klamauk ausartete. Darum sagte sie: „Das, was Pastor Grothaus euch heute erzählt hat, das waren eigentlich mehrere Geschichten auf einmal. Das kann ich auch nicht alles mal eben so erklären. Aber ich mache euch einen Vorschlag. Nächste Woche erzähle ich euch Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag immer nur ein bisschen von der Geschichte, erkläre euch das und dann reden wir darüber. Wollen wir das so machen?“
Die Kinder stimmten zu und wechselten dankbar das Thema beim Essen.
„Dem Grothaus mache ich die Hölle heiß!“, zischte Regina. „Ich weiß noch nicht wie, aber diesmal wird der Passions-Horrortrip ein Nachspiel haben. Das war das letzte Mal, dass der diese Nummer abgezogen hat.“
„Bis jetzt noch nicht.“, antwortete Regina Heuer, aber er hat ja noch dreizehn Minuten. Der Countdown zur jährlichen Horror-Andacht läuft.“
„Wieso?“, fragte Sabine. „Der kommt doch jede Woche.“
„Jeden Freitag Horror-Andacht?“, überlegte Regina. „Ja, so kann man das natürlich auch sehen. Aber heute ist mal wieder Kreuzigung dran. Ich sehe schon wieder die Schreck-geweiteten Kinderaugen und höre wie das Telefon heiß klingelt. Genau wie im letzten Jahr. Tränen, Alpträume und aufgebrachte Eltern.“
„Sag ihm das doch.“, schlug Sabine vor.
„Das mache ich auch.“, antwortete Regina.
„Guck mal. Da kommt er schon.“
Mit einer Aktentasche ausgestattet ging Pfarrer Christoph Grothaus auf den Eingang der KiTa zu. Er wirkte so, als sei er zu einem Fachvortrag unterwegs und nicht zu einem religionspädagogischen Angebot für Kindergartenkinder.
„Guten Morgen Herr Grothaus.“, begrüßte Regina ihn. „Können Sie vorher noch einmal ganz kurz in mein Büro kommen?“
Grothaus erwiderte den Gruß und folgte der Einladung.
„Ich wollte Sie noch einmal daran erinnern“, erklärte Regina, „dass im letzten Jahr einige Kinder durch die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu regelrecht traumatisiert waren. Es wäre ganz gut, wenn Sie die Dramatik und die erschreckenden Details aus der Beschreibung heraus lassen könnten.“
„Aber Frau Heuer“, antwortete Christoph Grothaus. „Ich kann den Kindern doch keine Passions-Geschichte light auftischen, nur weil Leiden, Sterben und Tod heute überall ausgeblendet und verdrängt werden. Die Kinder müssen frühzeitig an diese Themen heran geführt werden, damit sie Schritt für Schritt lernen, damit umzugehen. Und die Botschaft des Evangeliums ist auch schwerlich zu begreifen, wenn man nur erzählt, dass die Männer des hohen Rates und die römischen Soldaten gemein zu Jesus waren und ihn am Ende ganz lange gefesselt haben, so dass er gar nichts mehr machen konnte.“
Regina protestierte: „Drei- bis Sechsjährige sind aber zu klein für so grausame Details wie blutige Peitschenhiebe oder das Durchbohren von Händen und Füßen mit dicken Nägeln. Das können die noch nicht verarbeiten. Bei Siebenjährigen sieht das schon anders aus.“
„Wissen Sie, Frau Heuer“, antwortete Grothaus mit einem süffisanten Lächeln, „Ich habe zwölf Semester Theologie studiert und etliche Vorlesungen und Seminare besucht zur Religionspädagogik mit Kindern. Ich weiß, was ich da tue. Ich halte mich aus Ihrem Fachgebiet heraus, halten Sie sich bitte aus dem meinen heraus, dann können wir wunderbar zusammenarbeiten.“
„Die Eltern machen mir nächste Woche die Hölle heiß!“, protestierte Regina empört.
„Dann leiten Sie sie an mich weiter. Ich bin gern bereit, unwissenden Eltern die Bedeutung der Passionsgeschichte für die Glaubensbiographie ihrer lieben Kleinen zu erläutern. Und jetzt würde ich gern anfangen.“
Er verließ das Büro, ohne eine Antwort abzuwarten und ließ Regina mit offenem Mund zurück. Als sie sich einigermaßen gefasst hatte, ging sie in den Gruppenraum, in dem die Andacht heute stattfand.
Die Kinder sangen zur Einstimmung gerade „Guten Morgen, lieber Gott“, wie jedes Mal zu Beginn der Andacht.
„Wisst ihr denn, was am übernächsten Sonntag für ein großes Fest ist?“, fragte er die Kinder.
Einige Fünf- und Sechsjährige riefen eifrig: „Ostern!“
„Da kommt der Osterhase!“, brüllte der vierjährige Cedric, und die übrigen Kinder jubelten begeistert. Der Pfarrer bemühte sich, seinen säuerlichen Ausdruck, der sich reflexartig in sein Gesicht grub, tapfer hinweg zu lächeln.
„Der Osterhase“, erklärte er, „ist ein lustiger Frühlingsspaß, den die Erwachsenen sich ausgedacht haben, um den Kindern eine Freude zu machen.“
Regina vergrub entsetzt ihr Gesicht in den Händen.
Grothaus fuhr fort: „Worum es beim Osterfest eigentlich geht, ist, dass Jesus von den Toten auferstanden ist..“
Die Kinder starrten ihn mit großen Augen und offenen Mündern an. Sie mussten ein bisschen zu viel auf einmal verarbeiten: Der Osterhase war nur ausgedacht und Jesus war bei den Toten und ist irgendwie aufgestanden. Wie hing das nun alles zusammen?
„Dass Jesus auferstanden ist“, erklärte der Pfarrer weiter, „ist das Wichtigste für alle, die an ihn glauben. Darum ist Ostern auch wichtiger als Weihnachten.“
„Das glaube ich nicht!“, widersprach Cindy. „Weihnachten gibt es viel mehr und auch viel tollere Geschenke und ganz viel Leckeres zu Essen und alle besuchen sich. Weihnachten ist viel viel toller!“
„Das Fest ist vielleicht schöner und größer“, erklärte Grothaus geduldig, „aber an Weihnachten feiern wir, dass Jesus geboren ist. Geboren wurden wir alle, aber noch keiner von uns ist von den Toten auferstanden. Das ist ein Wunder.“
„Ja“, erklärte Viktoria eifrig. „Wenn man tot ist, dann muss man eigentlich liegen bleiben und kann sich nicht mehr bewegen, außer man ist ein Vampir oder ein Gespenst.“
Jetzt hatte auch Jonas etwas beizutragen: „In meiner Kinderbibel hat Jesus ein weißes Kleid an. Der war bestimmt ein Gespenst.“
„Nein nein!“, widersprach Grothaus. „Das weiße Kleid hatte er ja schon vorher. Aber wir wollen heute auch nicht ausführlich von Ostern und der Auferstehung erzählen, sondern von dem, was kurz vorher geschehen ist. Was musste denn passieren, damit Jesus von den Toten auferstehen konnte?“
Lara meldete sich zaghaft: „Vielleicht musste jemand Feenstaub auf das Grab streuen?“
„Nein, das ist ja Unsinn!“, erwiderte Grothaus ungehalten. „Es gibt weder Feen noch Feenstaub. Das sind alles Märchen. Ich stelle die Frage mal anders: Was muss passieren, damit jemand tot ist?“
„Erschießen. Peng Peng Peng!, rief Justin.
„Gewehre gab es damals noch nicht.“, erklärte der Pfarrer. „Aber Jesus musste sterben. Er wurde getötet. Und wie es dazu kam, will ich euch erzählen.“
Gespannt hielten die Kinder den Atem an, als der Pastor einen Filzteppich und eine Schachtel aus der Tasche holte. In der Schachtel befanden sich Figuren, die ebenfalls aus Filz gearbeitet waren und der Visualisierung der erzählten Geschichte dienten. Er holte eine Jesus-Figur und ein paar Jünger aus der Schachtel und begann, die Passionsgeschichte zu erzählen. Er ließ nichts aus: das letzte Abendmahl, die Stunden der Angst in Gethsemane, der Verrat des Judas und dessen Suizid, die Verhaftung Jesu und das von Petrus abgeschlagene Ohr des Soldaten, die Peitschenhiebe, die schmerzenden Stacheln der Dornenkrone und wie ihm wohl Schweiß und Blut in die Augen gelaufen waren, das Verhör durch Pilatus, die Rettung des Barabas, das Tragen und der Zusammenbruch unter der Last des Kreuzes, das Einschlagen der Nägel in Hände und Füße, der entsetzliche Schmerz und so weiter, bis zum bitteren Ende. Die Kinder verfolgten mucksmäuschenstill diesen Horror-Film in Filzoptik und der Pfarrer sprach am Ende zufrieden ein Gebet und einen Segen, packte seine Filzfiguren wieder ein, wünschte allen frohe Ostern und lief eilig zu seinem Auto. Die Kinder – froh, dass die beängstigende Situation endlich vorüber war – schalteten einfach um auf Spiel und Spaß und verdrängten zunächst erfolgreich die grausamen Bilder, die Grothaus in ihrem Kopf hatte entstehen lassen. Karin ging mit einer größeren Gruppe in den Garten, und diejenigen, die im Haus blieben, beschäftigten sich zunächst selbst, so dass Regina sich leise mit ihrer Kollegin Sabine unterhalten konnte.
„Wie kann man nur so einem Kinderhasser religionspädagogische Verantwortung übertragen? Mal eben alle schönen Träume zerstören, ein paar Alpträume säen und dann die Kinder in ihrem Elend allein lassen. Ich würde mich sofort an den Superintendenten wenden, aber der Reimler ist ja auch so eine Wurst.“
„Gibt es überhaupt Pfarrer, die mit Kindern umgehen können? Muss man nicht schon total balla balla sein, wenn man überhaupt Theologie studiert?“, fragte Sabine.
„Nee, das kann man so nicht sagen.“, antwortete Regina. „Es sind ja auch nicht alle Erzieherinnen phantasielose Basteltanten, die nix drauf haben als schwarze Pädagogik und Zickenkrieg. Es gibt, glaube ich, schon eine große Menge Theologen, die das studiert haben, weil die Kirche der einzige Ort war, wo sie nicht ständig fertig gemacht wurden, aber es gibt auch ganz tolle und engagierte und auch welche, die super mit Kindern können. Der Winter zum Beispiel, das war der Vorgänger vom Grothaus. Die Kinder haben sich immer total gefreut, wenn der kam. Und der hätte sich bei dieser Geschichte die Details geschenkt. Er hätte mit den Kindern reflektiert wie das ist, wenn alle einen rum schubsen und vielleicht ein paar Übungen dazu gemacht. Der hätte den Kindern auch den Osterhasen nicht ausgeredet, sondern erzählt, dass der der Deko-Beauftragte für die Welt-weite Auferstehungsparty ist und zwar in einer Sprache, die die Kleinen auch verstehen. Zu schade, dass die Guten immer verschwinden.“
„Was ist denn mit ihm passiert?“
„Hat'n Posten in der Landeskirche bekommen.“
„Aber das ist doch schön, wenn ausnahmsweise mal die Guten Karriere machen.“
„Schon“, gab Regina ihr recht, „aber wenn sie gehen, kommen meistens nur die Luschen nach. Kassieren ein fettes Gehalt, obwohl sie nichts können. Das ist einfach zum Kotzen!“
„Und unsereins mit unserem schmalen Geld will man noch Dumping-Löhne aufdrücken.“, fiel Sabine in das Lamento ein. „Was ist eigentlich bei eurem Gespräch im Kirchenkreis raus gekommen? Gibt’s was Neues?“
„Nicht viel.“, antwortete Regina. „Fünf Kolleginnen haben den Dreck mittlerweile unterschrieben. Jens Carstensen hat sich gestern in Bielefeld mit dem landeskirchlichen Beauftragten getroffen und ich habe alle Einrichtungsleitungen geimpft, damit keiner mehr unterschreibt. Ich habe echt viel telefoniert letztes Wochenende. Reimler will weiter sparen und meint, die neuen Verträge könne er auch gar nicht rückgängig machen. Da hat Jens die Sitzung platzen lassen und gesagt, dass wir dann eben den Rechtsweg einschlagen müssen. Wir versuchen es jetzt erst noch einmal mit der kostengünstigeren Variante „Neutraler Berater“. Reimler will sich um einen geeigneten Kandidaten kümmern. Ich bin echt mal gespannt.“
„Ich auch.“, erklärte Sabine. Dann mussten beide ihr Gespräch beenden, weil die Kinder ihre volle Aufmerksamkeit einforderten.
Bis zum Mittagessen lief alles normal. Es gab Chicken-Nuggets, kleine runde Petersilienkartoffeln und Erbsen mit Möhren. Außerdem stand rote Traubenschorle auf dem Tisch.
„Ich will Blut trinken!“, rief Cedric und lachte irre. „Ich bin ein Vampir, und ich trinke das ganze Blut von Jesus alleine aus.“
„Und ich esse sein Fleisch.“, erklärte Dustin und biss in ein Stück Hühnchen wie ein Raubtier.“
„So war das mit dem Abendmahl aber nicht gemeint.“, erklärte Regina. „Damals haben die Menschen sich besser vorstellen können, was Jesus meinte, wenn er es so erklärte. Eigentlich wollte er sagen, dass er viel Schlimmes erleben müsste, damit die Welt besser werden kann.“
„Die haben den ja auch gar nicht gegessen.“, erklärte Cindy weise. „Weil dann hätte der nach dem Sterben ja nicht einfach aufstehen können.“
„Ja, sonst wär' der ja als Kacke rumgelaufen.“, überlegte Rico und kriegte sich vor Lachen gar nicht mehr ein.
„Gar nicht dumm, der Rico.“, dachte Regina, wollte aber verhindern, dass diese von den Kindern selbst initiierte gruppentherapeutische Verarbeitung in einen wüsten Klamauk ausartete. Darum sagte sie: „Das, was Pastor Grothaus euch heute erzählt hat, das waren eigentlich mehrere Geschichten auf einmal. Das kann ich auch nicht alles mal eben so erklären. Aber ich mache euch einen Vorschlag. Nächste Woche erzähle ich euch Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag immer nur ein bisschen von der Geschichte, erkläre euch das und dann reden wir darüber. Wollen wir das so machen?“
Die Kinder stimmten zu und wechselten dankbar das Thema beim Essen.
„Dem Grothaus mache ich die Hölle heiß!“, zischte Regina. „Ich weiß noch nicht wie, aber diesmal wird der Passions-Horrortrip ein Nachspiel haben. Das war das letzte Mal, dass der diese Nummer abgezogen hat.“
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Sonntag, 18. September 2016
7. Arche-Noah-Kita – Minden - aus dem Kriminalroman "Rache für Dina" von Cristina Fabry
c. fabry, 12:34h
Frau Schlatter hat Cindy schon wieder mit Fieber vorbei gebracht.“ Sabine Krönke goss kochendes Wasser in die Früchteteekanne.
„Na dann ruf' ich da doch gleich mal an.“, erwiderte Regina Heuer. „Wird's wieder nix mit in Ruhe Window Colours malen. Die Ärmste. Seit sie Mutter ist, hat sie kaum noch Zeit für sich.“
„Immerhin holt sie ihre Tochter nicht auf Inlineskatern ab wie damals Frau Ludwig.“
„Das würde ihr auch erhebliche Probleme bereiten, im Hinblick auf ihren Körperschwerpunkt.“
„Ihr Körper ist ein einziger Schwerpunkt.“
„Sabine! Wie gemein!“, tadelte Regina Heuer sie grinsend und verschwand im Leitungszimmer. Sie konnte verstehen, wenn erwerbstätige Mütter mit gnadenlosen Vorgesetzten ihre Kinder nur im äußersten Notfall zu Hause behielten; insbesondere, wenn sie alleinerziehend waren. Da konnte es schon mal zu einer Fehleinschätzung kommen. Aber Frau Schlatter hatte nur einen Mini-Job in den Abendstunden, einen anständig verdienenden Gatten, und sie schob ihr Kind ab, wo sie nur konnte, damit sie Zeit für ihre infantilen Hobbys hatte. Cindy wurde wie ein Accessoire präsentiert, wenn sie damit punkten konnte, ansonsten interessierte sie sich nur für sich selbst. Zum sicherlich zehnten Mal in diesem Jahr wählte sie die bekannte Nummer, die sie – wenn auch unfreiwillig – auswendig wusste: „Frau Schlatter, hier ist Frau Heuer von der Kita. Sie müssen Cindy sofort abholen, sie hat Fieber.“
Nach einem kurzen betretenen Schweigen folgte am anderen Ende der Leitung der gewohnte Redeschwall: „Oh je! Das ist ja ganz ungünstig. Dann muss ich das heute Nachmittag ja absagen und einen neuen Termin machen. Die werden aber gar nicht begeistert sein. Wir müssen doch heute Nachmittag noch zum Leukopäden.“
„Zum was?“ Regina Heuer dachte, sie hätte sich verhört.
„Zum Leukopäden. Cindy spricht doch so schlecht. Ich kann aber nicht jetzt gleich kommen. Ich muss erst noch die Konturen zuende malen, dann kann die Konturenpaste fest werden, wenn ich Cindy hole, und wenn sie dann schläft, kann ich mit ausmalen anfangen.“
Regina Heuer war fassungslos: „Frau Schlatter, Sie kommen jetzt sofort und holen Ihr Kind! Cindy geht es schlecht. Sie muss so schnell wie möglich ins Bett. Sie hätten sie gar nicht erst bringen dürfen. Sie kann die anderen Kinder und die Erzieherinnen anstecken. Wenn Sie in zehn Minuten nicht hier sind, lasse ich Cindy von der Polizei abholen und schalte das Jugendamt ein.“
Regina Heuer knallte den Hörer auf die Gabel. Sie sah auf die Uhr: 7.41 Uhr. „Okay Schnecke“, dachte sie, „bis 51 hast du Zeit, sonst knallt's.“
Es war erst 7.46 Uhr, als Frau Schlatter flammend rot vor Zorn ins Leitungszimmer stürmte. Sie machte sofort den Mund auf: „Sie! So reden Sie mit mir nicht! Das wird ein Nachspiel haben! Ich beschwere mich bei ihrem Superintendanten.“
„Falls Sie den Superintendenten meinen“, erwiderte Regina Heuer gelassen, „das dürfte schwierig werden. Der ist gestern Morgen ermordet worden.“
„Er-mordet?“, stammelte Frau Schlatter und bekam den Mund vor Entsetzten nicht wieder zu. Reglos starrte sie die Kita-Leiterin an.
„Keine Angst, ich war's nicht.“, beruhigte Regina Heuer sie. „Cindy liegt im Krankenzimmer. Und ich bin schon dabei, den Meldebogen fürs Jugendamt wegen Kindeswohlgefährdung auszufüllen. Noch so ein Vorfall und ich schicke ihn ab; seien Sie versichert. Dann machen die Kollegen aus der Erziehungshilfe Ihnen Dampf.“
Wortlos drehte Frau Schlatter sich um und warf die Bürotür ins Schloss. Wenig später sah Regina Heuer sie Cindy hinter sich her schleifen. „Jetzt mach schon!“, zischte sie. „Wegen dir konnte ich meine Konturenpaste nicht zuende auftragen.“
Sabine Krönke kam mit einer Tasse Tee herein. „Hier, zur Beruhigung.“, sagte sie und stellte die Tasse auf den Schreibtisch.
„Cindy muss zum Leukopäden.“, sagte Regina mit todernster Miene.
„Zum was?“, fragte Sabine irritiert.
Regina prustete los: „So hab ich auch reagiert und dann erklärte Frau Schlatter: 'Cindy spricht doch so schlecht'. Ich bin nicht mehr dazu gekommen, sie aufzuklären, weil sie mir nahtlos von ihrem kreativen Flow berichtete, den sie auf keinen Fall für ihre Tochter unterbrechen wollte. Ich hab' sie zusammengefaltet. Sie war innerhalb von fünf Minuten hier und drohte mir mit dem 'Superintendanten'. Da habe ich sie verbessert, aber wer weiß, vielleicht meinte sie Tom Buhrow.“
Sabine kicherte während des gesamten Berichtes. Dann fragte sie: „Was ist denn gestern bei der Konfrontation MAV-'Superintendant' raus gekommen?“
„Nichts Richtiges. Volkmann ist tot.“
„Wie bitte?“
„Ermordet. Hast du nicht Zeitung gelesen?“
„Nee. Wer macht denn so was?“
„Woher soll ich das wissen? Ich war's jedenfalls nicht. Das hab' ich Frau Schlatter auch schon gesagt; sie sah mich nämlich so an, als würde sie's mir zutrauen.“
„Und was passiert jetzt?“, fragte Sabine.
„Zum einen werde ich mit jeder Mitarbeiterin in unserer Kita und mit jeder Leiterin der anderen Einrichtungen ein Vier-Augen-Gespräch führen, damit alle gewarnt sind; denn Volkmann war ja auch nur die Spitze des Eisberges. Jens Carstensen spricht mit dem Landeskirchen-Fuzzi, der für seine Berufsgruppe zuständig ist. Der ist arbeitsrechtlich sehr vernünftig, sicher auf unserer Seite und stellt die passenden Kontakte im Landeskirchenamt her, damit die unseren Vorgesetzten auf die Finger hauen und in die Suppe spucken.“
„Und bei denen, die unterschrieben haben?“
„Die können vors Arbeitsgericht gehen, aber da prüft mein Hajo noch die Rechtslage.“
„Wenn wir den nicht hätten.“
„Langsam, langsam.“, mahnte Regina Heuer. „Er ist immer noch mein Mann. Kein mein-dein-euer-unser Hajo!“
„Kommst du gleich zum Frühstück zu den Sonnenkäfern? Karin kommt später, hat'n Termin beim Arzt.“
„Ja, klar. Besser ich gewöhne mich schon mal dran. Bis sie in Mutterschutz und Elternzeit geht, haben wir eh keine qualifizierte Vertretung.“
In der Sonnenkäfergruppe herrschte eine ausgelassene Stimmung. Rico zog den Neid aller anderen Kinder auf sich, weil er ein verbotenes Schoko-Croissant dabei hatte. Pierre warf seinen Kakaobecher um und färbte damit Finnjas Rüschenrock schokobraun, die heulend aufsprang und von Sabine in den Waschraum begleitet wurde, um die Kleidung zu wechseln und das Gröbste auszuwaschen.
Dustin sagte mehrmals „Fick deine Mutter!“, was Regina ausnahmsweise zu schwarzer Pädagogik veranlasste: „Dustin, du setzt dich jetzt in die Kuschelecke bis die anderen fertig gefrühstückt haben. Du frühstückst dann danach und dann reden wir noch einmal mit dir.“
„Ich hab' aber ganz doll Hunger!“, brüllte Dustin aus Leibeskräften.
„Das kann gar nicht sein.“, erwiderte Regina ruhig. „Wer so viel Zeit hat, andere zu beleidigen, der kann gar keinen Hunger haben. Wenn du wirklich doll Hunger hättest, hättest du einfach gegessen und nicht geredet. Und jetzt setz' dich bitte in die Kuschelecke und warte, bis ich dich hole.“
Das hätte auch daneben gehen können, aber Dustin gehorchte. Später, beim Frühstück unter vier Augen erklärte Regina Dustin, warum sie solche Ausdrücke im Kindergarten nicht hören wollte und warum er sich selbst schadete, wenn er so redete. Dustin vermied für den Rest des Tages jedes Wort mit F.
Zum Glück war Karin zum Osterbasteln wieder da. Regina hatte genug im Büro zu tun und sie hasste diese Wir-machen-Mutti-eine Freude-Basteleien, wo weniger der Spaß der Kinder und die Entwicklung ihrer Kreativität im Vordergrund stand, als vielmehr die vor Stolz und Rührung glänzenden Elternaugen. Ekelhaft. Aber mittlerweile forderten Eltern so etwas ein: „Warum bastelt ihr nicht mal wieder was Nettes?“
Aber wehe, das Kind kommt mit schmutziger Kleidung nach Hause: „Die Lackschuhe waren ganz neu! Die sollte sie noch zur Silberhochzeit meiner Eltern anziehen. Und die haben 90 Euro gekostet! Können Sie uns das ersetzen?“
Ja ja. 90 Euro für Lackschuhe, aber keinen Cent mehr übrig für Gummistiefel. Was für eine Generation zogen diese Eltern da heran? Und konnten sie in der Kita das Schlimmste verhindern oder war sowieso schon alles zu spät? „Bloß nicht drüber nachdenken.“, murmelte Regina und öffnete ihr e-mail-Postfach.
„Na dann ruf' ich da doch gleich mal an.“, erwiderte Regina Heuer. „Wird's wieder nix mit in Ruhe Window Colours malen. Die Ärmste. Seit sie Mutter ist, hat sie kaum noch Zeit für sich.“
„Immerhin holt sie ihre Tochter nicht auf Inlineskatern ab wie damals Frau Ludwig.“
„Das würde ihr auch erhebliche Probleme bereiten, im Hinblick auf ihren Körperschwerpunkt.“
„Ihr Körper ist ein einziger Schwerpunkt.“
„Sabine! Wie gemein!“, tadelte Regina Heuer sie grinsend und verschwand im Leitungszimmer. Sie konnte verstehen, wenn erwerbstätige Mütter mit gnadenlosen Vorgesetzten ihre Kinder nur im äußersten Notfall zu Hause behielten; insbesondere, wenn sie alleinerziehend waren. Da konnte es schon mal zu einer Fehleinschätzung kommen. Aber Frau Schlatter hatte nur einen Mini-Job in den Abendstunden, einen anständig verdienenden Gatten, und sie schob ihr Kind ab, wo sie nur konnte, damit sie Zeit für ihre infantilen Hobbys hatte. Cindy wurde wie ein Accessoire präsentiert, wenn sie damit punkten konnte, ansonsten interessierte sie sich nur für sich selbst. Zum sicherlich zehnten Mal in diesem Jahr wählte sie die bekannte Nummer, die sie – wenn auch unfreiwillig – auswendig wusste: „Frau Schlatter, hier ist Frau Heuer von der Kita. Sie müssen Cindy sofort abholen, sie hat Fieber.“
Nach einem kurzen betretenen Schweigen folgte am anderen Ende der Leitung der gewohnte Redeschwall: „Oh je! Das ist ja ganz ungünstig. Dann muss ich das heute Nachmittag ja absagen und einen neuen Termin machen. Die werden aber gar nicht begeistert sein. Wir müssen doch heute Nachmittag noch zum Leukopäden.“
„Zum was?“ Regina Heuer dachte, sie hätte sich verhört.
„Zum Leukopäden. Cindy spricht doch so schlecht. Ich kann aber nicht jetzt gleich kommen. Ich muss erst noch die Konturen zuende malen, dann kann die Konturenpaste fest werden, wenn ich Cindy hole, und wenn sie dann schläft, kann ich mit ausmalen anfangen.“
Regina Heuer war fassungslos: „Frau Schlatter, Sie kommen jetzt sofort und holen Ihr Kind! Cindy geht es schlecht. Sie muss so schnell wie möglich ins Bett. Sie hätten sie gar nicht erst bringen dürfen. Sie kann die anderen Kinder und die Erzieherinnen anstecken. Wenn Sie in zehn Minuten nicht hier sind, lasse ich Cindy von der Polizei abholen und schalte das Jugendamt ein.“
Regina Heuer knallte den Hörer auf die Gabel. Sie sah auf die Uhr: 7.41 Uhr. „Okay Schnecke“, dachte sie, „bis 51 hast du Zeit, sonst knallt's.“
Es war erst 7.46 Uhr, als Frau Schlatter flammend rot vor Zorn ins Leitungszimmer stürmte. Sie machte sofort den Mund auf: „Sie! So reden Sie mit mir nicht! Das wird ein Nachspiel haben! Ich beschwere mich bei ihrem Superintendanten.“
„Falls Sie den Superintendenten meinen“, erwiderte Regina Heuer gelassen, „das dürfte schwierig werden. Der ist gestern Morgen ermordet worden.“
„Er-mordet?“, stammelte Frau Schlatter und bekam den Mund vor Entsetzten nicht wieder zu. Reglos starrte sie die Kita-Leiterin an.
„Keine Angst, ich war's nicht.“, beruhigte Regina Heuer sie. „Cindy liegt im Krankenzimmer. Und ich bin schon dabei, den Meldebogen fürs Jugendamt wegen Kindeswohlgefährdung auszufüllen. Noch so ein Vorfall und ich schicke ihn ab; seien Sie versichert. Dann machen die Kollegen aus der Erziehungshilfe Ihnen Dampf.“
Wortlos drehte Frau Schlatter sich um und warf die Bürotür ins Schloss. Wenig später sah Regina Heuer sie Cindy hinter sich her schleifen. „Jetzt mach schon!“, zischte sie. „Wegen dir konnte ich meine Konturenpaste nicht zuende auftragen.“
Sabine Krönke kam mit einer Tasse Tee herein. „Hier, zur Beruhigung.“, sagte sie und stellte die Tasse auf den Schreibtisch.
„Cindy muss zum Leukopäden.“, sagte Regina mit todernster Miene.
„Zum was?“, fragte Sabine irritiert.
Regina prustete los: „So hab ich auch reagiert und dann erklärte Frau Schlatter: 'Cindy spricht doch so schlecht'. Ich bin nicht mehr dazu gekommen, sie aufzuklären, weil sie mir nahtlos von ihrem kreativen Flow berichtete, den sie auf keinen Fall für ihre Tochter unterbrechen wollte. Ich hab' sie zusammengefaltet. Sie war innerhalb von fünf Minuten hier und drohte mir mit dem 'Superintendanten'. Da habe ich sie verbessert, aber wer weiß, vielleicht meinte sie Tom Buhrow.“
Sabine kicherte während des gesamten Berichtes. Dann fragte sie: „Was ist denn gestern bei der Konfrontation MAV-'Superintendant' raus gekommen?“
„Nichts Richtiges. Volkmann ist tot.“
„Wie bitte?“
„Ermordet. Hast du nicht Zeitung gelesen?“
„Nee. Wer macht denn so was?“
„Woher soll ich das wissen? Ich war's jedenfalls nicht. Das hab' ich Frau Schlatter auch schon gesagt; sie sah mich nämlich so an, als würde sie's mir zutrauen.“
„Und was passiert jetzt?“, fragte Sabine.
„Zum einen werde ich mit jeder Mitarbeiterin in unserer Kita und mit jeder Leiterin der anderen Einrichtungen ein Vier-Augen-Gespräch führen, damit alle gewarnt sind; denn Volkmann war ja auch nur die Spitze des Eisberges. Jens Carstensen spricht mit dem Landeskirchen-Fuzzi, der für seine Berufsgruppe zuständig ist. Der ist arbeitsrechtlich sehr vernünftig, sicher auf unserer Seite und stellt die passenden Kontakte im Landeskirchenamt her, damit die unseren Vorgesetzten auf die Finger hauen und in die Suppe spucken.“
„Und bei denen, die unterschrieben haben?“
„Die können vors Arbeitsgericht gehen, aber da prüft mein Hajo noch die Rechtslage.“
„Wenn wir den nicht hätten.“
„Langsam, langsam.“, mahnte Regina Heuer. „Er ist immer noch mein Mann. Kein mein-dein-euer-unser Hajo!“
„Kommst du gleich zum Frühstück zu den Sonnenkäfern? Karin kommt später, hat'n Termin beim Arzt.“
„Ja, klar. Besser ich gewöhne mich schon mal dran. Bis sie in Mutterschutz und Elternzeit geht, haben wir eh keine qualifizierte Vertretung.“
In der Sonnenkäfergruppe herrschte eine ausgelassene Stimmung. Rico zog den Neid aller anderen Kinder auf sich, weil er ein verbotenes Schoko-Croissant dabei hatte. Pierre warf seinen Kakaobecher um und färbte damit Finnjas Rüschenrock schokobraun, die heulend aufsprang und von Sabine in den Waschraum begleitet wurde, um die Kleidung zu wechseln und das Gröbste auszuwaschen.
Dustin sagte mehrmals „Fick deine Mutter!“, was Regina ausnahmsweise zu schwarzer Pädagogik veranlasste: „Dustin, du setzt dich jetzt in die Kuschelecke bis die anderen fertig gefrühstückt haben. Du frühstückst dann danach und dann reden wir noch einmal mit dir.“
„Ich hab' aber ganz doll Hunger!“, brüllte Dustin aus Leibeskräften.
„Das kann gar nicht sein.“, erwiderte Regina ruhig. „Wer so viel Zeit hat, andere zu beleidigen, der kann gar keinen Hunger haben. Wenn du wirklich doll Hunger hättest, hättest du einfach gegessen und nicht geredet. Und jetzt setz' dich bitte in die Kuschelecke und warte, bis ich dich hole.“
Das hätte auch daneben gehen können, aber Dustin gehorchte. Später, beim Frühstück unter vier Augen erklärte Regina Dustin, warum sie solche Ausdrücke im Kindergarten nicht hören wollte und warum er sich selbst schadete, wenn er so redete. Dustin vermied für den Rest des Tages jedes Wort mit F.
Zum Glück war Karin zum Osterbasteln wieder da. Regina hatte genug im Büro zu tun und sie hasste diese Wir-machen-Mutti-eine Freude-Basteleien, wo weniger der Spaß der Kinder und die Entwicklung ihrer Kreativität im Vordergrund stand, als vielmehr die vor Stolz und Rührung glänzenden Elternaugen. Ekelhaft. Aber mittlerweile forderten Eltern so etwas ein: „Warum bastelt ihr nicht mal wieder was Nettes?“
Aber wehe, das Kind kommt mit schmutziger Kleidung nach Hause: „Die Lackschuhe waren ganz neu! Die sollte sie noch zur Silberhochzeit meiner Eltern anziehen. Und die haben 90 Euro gekostet! Können Sie uns das ersetzen?“
Ja ja. 90 Euro für Lackschuhe, aber keinen Cent mehr übrig für Gummistiefel. Was für eine Generation zogen diese Eltern da heran? Und konnten sie in der Kita das Schlimmste verhindern oder war sowieso schon alles zu spät? „Bloß nicht drüber nachdenken.“, murmelte Regina und öffnete ihr e-mail-Postfach.
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Freitag, 16. September 2016
13. Minden – Arche-Noah-Kita – Aus dem Kriminalroman „Rache für Dina“ von Cristina Fabry
c. fabry, 22:14h
„Du musst mir die Kekse holen, ich bin die Prinzessin, du bist die Fee.“, befahl Jodie.
„Muss ich nicht.“, widersprach Joelina. „Ich bin nämlich auch eine Prinzessin.“
„Aber du bist doch die Fee.“
„Ja, aber ich bin eine Feenprinzessin.“
„Das gibt es nicht!“
„Gibt es wohl. Karneval war ich auch eine Feenprinzessin.“
„Das ist Quatsch! Das war nur, weil du gern beides sein wolltest. Fee und Prinzessin. Das geht gar nicht.“
„Das geht wohl!“, erklärte Joelina. „In meinem Märchenbuch zu Hause da gibt es ein Feenreich, da gibt es auch einen Feenkönig und eine Feenkönigin und die haben eine Kind und das ist die Feenprinzessin.“
„Ja, aber“, protestierte Jodie, „das ist ja im Märchen. Aber in echt gibt es keine Feenprinzessinnen.“
„In echt gibt es aber auch keine Feen.“, erklärte Joelina.
„Aber Prinzessinnen“, triumphierte Jodie. „Und darum musst du mir jetzt die Kekse holen.“
„Aber in echt bist du ja gar keine Prinzessin.“, enttarnte Joelina ihre Spielkameradin, „nur im Spiel.“
„Aber dann bist du auch keine Feenprinzessin.“
„Eben.“
„Hä?“
„Ich hab' keine Lust mehr. Ich gehe nach draußen.“ Und schwups, entschwebte die Feenprinzessin in Richtung Schaukel. Jodie hielt indes Ausschau nach einem würdigen Ersatz, der gewillt war, den unterwürfigen Diener zu spielen.
Regina Heuer hatte die Szene interessiert beobachtet, ebenso wie ihre Kollegin Sabine Krönke.
„Die lieben Kleinen ziehen doch schon die gleichen Nummern ab wie die Großen.“, flüsterte Regina ihrer Kollegin zu.
„Ja“, erwiderte diese leise. „Aber die haben viel mehr Möglichkeiten, sich cool aus der Affäre zu ziehen. Joelinas Abgang fand ich grandios.“
„Stell dir mal vor, das hättest du bei Volkmann gebracht.“, phantasierte Regina. „Aber in echt bist du ja gar kein richtiger Superintendent, sondern nur eine aufgeblasene Wurst.“
„Genau“, kicherte Sabine. „Ich hab' keine Lust mehr, ich geh' schaukeln.“
„Arbeitslos in drei Minuten.“, erklärte Regina.
„Aber vielleicht“, gab Sabine flüsternd zu bedenken, „hätte er auch vor Aufregung einen Herzinfarkt erlitten und jetzt müssten keine Steuergelder verschwendet werden, weil die Polizei seinen Mörder sucht.“
Jodie kam auf die beiden Erzieherinnen zu. „Sabine, kannst du mir eine Krone aufmalen, zum ausmalen?“
„Klar kann ich das.“, antwortete Sabine, „aber warum machst du das nicht selbst?“
„Ich kann das nicht.“
„Aber Prinzessinnen müssen gut malen können, sonst sind sie keine richtigen Prinzessinnen. Wenn du es nicht kannst, musst du es üben.“
„Ich weiß aber nicht wie.“, maulte Jodie und formte mit dem Mund eine Schüppe.
„Komm, wir malen die Krone zusammen.“, forderte Sabine sie auf. Regina ging in die Bauecke, einen Streit schlichten, um eine Prügelei zu vermeiden. Etwas später überließen sie Karin die Aufsicht und gingen in die Küche, um das Mittagessen bereit zu stellen.
„Wann findet jetzt eigentlich der Ersatztermin statt für den, der wegen des Mordes an Volkmann ausgefallen ist?“, erkundigte sich Sabine.
„Morgen um 17.00 Uhr.“, antwortete Regina. „Wird ein langer Tag.“
„Du Ärmste.“
„Ich werd's überleben. Hab' es ja selbst so gewollt. Als MAV-Vertreterin bin ich ja schließlich unkündbar. Ist das nichts?“
„Bei deinen Dienstjahren bist du das auch so.“
„Okay, ich bin Politik-süchtig.“
„Na dann viel Vergnügen morgen Nachmittag.“
„Werd' ich haben.“
„Wer ist denn jetzt euer Verhandlungspartner?“
„Reimler, der Schleimer:“
„Ist der auch so ekelhaft wie Volkmann?“
„Ja, und auch genauso machtgeil. Aber nicht so schlau. Und außerdem sitzt er nicht ganz so fest im Sattel. Er ist da nur reingerutscht. Niemand hätte ihn gewählt. Jetzt will er sich natürlich da halten. Wenn er das tut, indem er möglichst niemandem Ärger machen will, wird das gut für uns. Wenn er sich allerdings ein Denkmal setzen will, damit ihn alle begeistert wählen, wenn seine kommissarische Amtszeit endet, dann kommt viel Arbeit auf uns zu.“
„Aber wenn die ihn damals zum Stellvertreter gewählt haben, dann werden die ihn doch jetzt auch sicher zum Chef wählen.“, gab Sabine zu bedenken.
„Das glaube ich nicht.“, entgegnete Regina. „Die Wahl damals war zwischen Pest und Cholera: der dumme, faule Schleimer-Reimler gegen den psychopathischen, selbstverliebten Zimmer-Spinner.“
„Der Typ, der damit angibt, dass die Konfirmanden in Socken und Schneidersitz in seinem Wohnzimmer abhängen?“
„Genau der.“
„Hat der keine Familie?“
„Nee, als Päderast hält man sich sowas besser vom Leib.“
„Echt? Ist das 'n Kinderficker?“
„Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir lebhaft vorstellen, und ich denke, andere tun das auch. Darum hat den natürlich keiner gewählt.“
„Aber warum kandidieren denn keine vernünftigen Leute für diesen Posten?“
„Viel Arbeit, kaum Entlastung und dabei die ganze Zeit im Schatten des großen Sup. Sowas machen nur Idioten oder Kontrollfreaks.“
„Kontrollfreaks sind Idioten.“
„Eben.“
Die ersten Kinder wurden abgeholt, die übrigen nahmen das Mittagessen zusammen ein.
Am Nachmittag wurde Regina Heuer in der Gruppenbetreuung nicht mehr gebraucht. Es gab einiges abzuarbeiten und dann musste sie sich ja auch noch auf die MAV-Sitzung am morgigen Freitag vorbereiten. Sie rief Jens Carstensen an, um die gemeinsame Strategie abzusprechen und um zu vermeiden, dass ihr Informationen fehlten, die sie längst hätte bekommen können. Sie plante, pünktlich Feierabend zu machen. „Einfach mal ein ganz normaler Tag, bevor der Wahnsinn morgen weiter geht.“, dachte sie und wandte sich seufzend ihren Unterlagen zu.
„Muss ich nicht.“, widersprach Joelina. „Ich bin nämlich auch eine Prinzessin.“
„Aber du bist doch die Fee.“
„Ja, aber ich bin eine Feenprinzessin.“
„Das gibt es nicht!“
„Gibt es wohl. Karneval war ich auch eine Feenprinzessin.“
„Das ist Quatsch! Das war nur, weil du gern beides sein wolltest. Fee und Prinzessin. Das geht gar nicht.“
„Das geht wohl!“, erklärte Joelina. „In meinem Märchenbuch zu Hause da gibt es ein Feenreich, da gibt es auch einen Feenkönig und eine Feenkönigin und die haben eine Kind und das ist die Feenprinzessin.“
„Ja, aber“, protestierte Jodie, „das ist ja im Märchen. Aber in echt gibt es keine Feenprinzessinnen.“
„In echt gibt es aber auch keine Feen.“, erklärte Joelina.
„Aber Prinzessinnen“, triumphierte Jodie. „Und darum musst du mir jetzt die Kekse holen.“
„Aber in echt bist du ja gar keine Prinzessin.“, enttarnte Joelina ihre Spielkameradin, „nur im Spiel.“
„Aber dann bist du auch keine Feenprinzessin.“
„Eben.“
„Hä?“
„Ich hab' keine Lust mehr. Ich gehe nach draußen.“ Und schwups, entschwebte die Feenprinzessin in Richtung Schaukel. Jodie hielt indes Ausschau nach einem würdigen Ersatz, der gewillt war, den unterwürfigen Diener zu spielen.
Regina Heuer hatte die Szene interessiert beobachtet, ebenso wie ihre Kollegin Sabine Krönke.
„Die lieben Kleinen ziehen doch schon die gleichen Nummern ab wie die Großen.“, flüsterte Regina ihrer Kollegin zu.
„Ja“, erwiderte diese leise. „Aber die haben viel mehr Möglichkeiten, sich cool aus der Affäre zu ziehen. Joelinas Abgang fand ich grandios.“
„Stell dir mal vor, das hättest du bei Volkmann gebracht.“, phantasierte Regina. „Aber in echt bist du ja gar kein richtiger Superintendent, sondern nur eine aufgeblasene Wurst.“
„Genau“, kicherte Sabine. „Ich hab' keine Lust mehr, ich geh' schaukeln.“
„Arbeitslos in drei Minuten.“, erklärte Regina.
„Aber vielleicht“, gab Sabine flüsternd zu bedenken, „hätte er auch vor Aufregung einen Herzinfarkt erlitten und jetzt müssten keine Steuergelder verschwendet werden, weil die Polizei seinen Mörder sucht.“
Jodie kam auf die beiden Erzieherinnen zu. „Sabine, kannst du mir eine Krone aufmalen, zum ausmalen?“
„Klar kann ich das.“, antwortete Sabine, „aber warum machst du das nicht selbst?“
„Ich kann das nicht.“
„Aber Prinzessinnen müssen gut malen können, sonst sind sie keine richtigen Prinzessinnen. Wenn du es nicht kannst, musst du es üben.“
„Ich weiß aber nicht wie.“, maulte Jodie und formte mit dem Mund eine Schüppe.
„Komm, wir malen die Krone zusammen.“, forderte Sabine sie auf. Regina ging in die Bauecke, einen Streit schlichten, um eine Prügelei zu vermeiden. Etwas später überließen sie Karin die Aufsicht und gingen in die Küche, um das Mittagessen bereit zu stellen.
„Wann findet jetzt eigentlich der Ersatztermin statt für den, der wegen des Mordes an Volkmann ausgefallen ist?“, erkundigte sich Sabine.
„Morgen um 17.00 Uhr.“, antwortete Regina. „Wird ein langer Tag.“
„Du Ärmste.“
„Ich werd's überleben. Hab' es ja selbst so gewollt. Als MAV-Vertreterin bin ich ja schließlich unkündbar. Ist das nichts?“
„Bei deinen Dienstjahren bist du das auch so.“
„Okay, ich bin Politik-süchtig.“
„Na dann viel Vergnügen morgen Nachmittag.“
„Werd' ich haben.“
„Wer ist denn jetzt euer Verhandlungspartner?“
„Reimler, der Schleimer:“
„Ist der auch so ekelhaft wie Volkmann?“
„Ja, und auch genauso machtgeil. Aber nicht so schlau. Und außerdem sitzt er nicht ganz so fest im Sattel. Er ist da nur reingerutscht. Niemand hätte ihn gewählt. Jetzt will er sich natürlich da halten. Wenn er das tut, indem er möglichst niemandem Ärger machen will, wird das gut für uns. Wenn er sich allerdings ein Denkmal setzen will, damit ihn alle begeistert wählen, wenn seine kommissarische Amtszeit endet, dann kommt viel Arbeit auf uns zu.“
„Aber wenn die ihn damals zum Stellvertreter gewählt haben, dann werden die ihn doch jetzt auch sicher zum Chef wählen.“, gab Sabine zu bedenken.
„Das glaube ich nicht.“, entgegnete Regina. „Die Wahl damals war zwischen Pest und Cholera: der dumme, faule Schleimer-Reimler gegen den psychopathischen, selbstverliebten Zimmer-Spinner.“
„Der Typ, der damit angibt, dass die Konfirmanden in Socken und Schneidersitz in seinem Wohnzimmer abhängen?“
„Genau der.“
„Hat der keine Familie?“
„Nee, als Päderast hält man sich sowas besser vom Leib.“
„Echt? Ist das 'n Kinderficker?“
„Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir lebhaft vorstellen, und ich denke, andere tun das auch. Darum hat den natürlich keiner gewählt.“
„Aber warum kandidieren denn keine vernünftigen Leute für diesen Posten?“
„Viel Arbeit, kaum Entlastung und dabei die ganze Zeit im Schatten des großen Sup. Sowas machen nur Idioten oder Kontrollfreaks.“
„Kontrollfreaks sind Idioten.“
„Eben.“
Die ersten Kinder wurden abgeholt, die übrigen nahmen das Mittagessen zusammen ein.
Am Nachmittag wurde Regina Heuer in der Gruppenbetreuung nicht mehr gebraucht. Es gab einiges abzuarbeiten und dann musste sie sich ja auch noch auf die MAV-Sitzung am morgigen Freitag vorbereiten. Sie rief Jens Carstensen an, um die gemeinsame Strategie abzusprechen und um zu vermeiden, dass ihr Informationen fehlten, die sie längst hätte bekommen können. Sie plante, pünktlich Feierabend zu machen. „Einfach mal ein ganz normaler Tag, bevor der Wahnsinn morgen weiter geht.“, dachte sie und wandte sich seufzend ihren Unterlagen zu.
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Freitag, 9. September 2016
Homophobie – abgeschlossener Kurzkrimi
c. fabry, 23:01h
Philipp Tiemann erschien mit dem Fahrrad zum Gottesdienst. Sibylle war entzückt von dem neuen Pfarrer, der mit seinem fröhlichen, offenen Lächeln einfach jeden sofort für sich einnahm. Tizian erwartete sicher eine tolle Konfirmandenzeit. Als Philipp Tiemann sein Fahrrad abschloss, bemerkte Sibylle diesen entzückenden Aufkleber auf der Hinterradverkleidung seines Hollandrads. Eine niedliche Fahne in den Farben des Regenbogens.
„Ist das ein Hoffnungssymbol?“, fragte Sibylle um Aufmerksamkeit heischend.
„Das könnte man so sehen.“, gab Philipp Tiemann Auskunft.
„Ich meine, in der Geschichte von der Arche war der Regenbogen ja auch ein Zeichen der Hoffnung.“
„Ja, das stimmt.“, erklärte der Pfarrer. „In diesem Fall geht es aber vor allem um das Bunte, Darum, dass Menschen unterschiedlich sind und die Fahne ist ein Symbol für lesbischen und schwulen Stolz und die Vielfalt dieser Lebensweise.“
Sibylle erbleichte augenblicklich, um kurz darauf vor Scham rot anzulaufen. Sie bedankte sich steif für die Auskunft und bemühte sich würdigen Schrittes in die Kirche zu gehen, in der ihr Mann schon auf sie wartete.
Während des Gottesdienstes nahm sie keinerlei Hinweis auf die Homosexualität des Theologen war, er sprach ja auch über nichts, was man damit hätte in Verbindung bringen können. Aber hatte er nicht doch auch diesen weibischen Singsang in der Stimme? Bewegte er sich nicht ein bisschen zu wiegend in den Hüften? Und war sein Lächeln, das sie als offen und fröhlich empfunden hatte, nicht doch das eines lüsternen Perversen? Sibylle wusste, dass man solche Gedanken heutzutage nicht mehr öffentlich äußern durfte, ohne dafür von allen Seiten angegriffen zu werden, aber sie war in ordentlichen Verhältnissen aufgewachsen, hatte einen anständigen Mann geheiratet und mit ihm einen wunderbaren Jungen in die Welt gesetzt, den sie um jeden Preis auf den rechten Weg bringen wollte.
Beim Mittagessen berichtete sie Burkhard, ihrem Mann, von ihrem erschreckenden Erlebnis.
„Das ist doch wirklich nicht zu fassen!“, echauffierte sich Burkhard. „Sitzen die im Presbyterium auf ihren Augen und Ohren? Haben die keinen Verstand? So einen Perversen kann man doch nicht auf Konfirmanden loslassen, das ist doch nur eine Frage der Zeit, wann der einen Jungen in die Sakristei lockt und ihn zu unsittlichen Handlungen überredet. Diese Widerlinge, die sich gegenseitig ihre Geschlechtsteile in den Darm schieben, ich glaube, das will ich mir gar nicht vorstellen.“
„Ich wette, die im Presbyterium wissen das und scheren sich gar nicht darum.“, überlegte Sibylle. „Heutzutage finden das ja alle normal.“
„Das ist auch so etwas,das ich nicht verstehen kann.“, setzte Burkhard seine Tirade fort. „Alle finden es mittlerweile egal oder sogar irgendwie niedlich oder sogar toll, wenn jemand homosexuell ist, als wäre das eine besondere Lebensleistung. Die machen sich doch überall breit, ob im Sport, als Lehrer, Polizisten, Unternehmer, ja sogar Politiker. Und statt sich dafür zu schämen und es geheim zu halten, posaunen sie es auch noch extra laut heraus. In den Medien und als Künstler kannst du als normaler Mann ja heutzutage gar nichts mehr werden, die nehmen nur noch schwule Paradiesvögel und stahlharte Kampflesben. Aber eins sage ich dir: unseren Tizian kriegt der nicht in die Finger.“
„Natürlich nicht.“, sagte Sibylle. „Das wäre ja wohl der Gipfel!“
Burkhard und Sibylle meinten es ernst. Als am Dienstag der Konfirmanden-Unterricht begann, entschuldigten sie ihren Sohn mit einem Zahnarztbesuch. In der nächsten Woche hatte er angeblich Kopfschmerzen. So ging es noch zwei Mal und dann stand plötzlich an einem Montag Morgen ein skandalöser Bericht in einer bekannten Boulevard-Zeitung:
VIKAR MACHT KONFI ZUM JUNKIE
Philipp T. war nur ein einfacher Vikar in einer evangelischen Gemeinde und gab Konfirmanden-Unterricht. Doch was er nach dem Unterricht in einem Hinterzimmer dem damals 13-Jährigen Alexander S. antat, trieb diesen vor Verzweiflung in die Drogensucht. „Er zwang mich, sein Glied anzufassen und sogar zu küssen.“, erklärt der heute 17-jährige, schwer Drogenabhängige. „Mein Leben ist eine Katastrophe, ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren. Der Schmerz ist einfach zu groß.“
„Skandalös, dass man so einen auch noch Pfarrer werden lässt.“ erklärte unsere
Informantin, deren Name aus Quellenschutz-Gründen nicht bekannt gegeben werden darf. Heute ist Philipp T. ordinierter Gemeindepfarrer und darf seelenruhig Ausschau halten nach neuen Opfern. Die Sex-Skandale aus der katholischen Kirche, machen auch vor der Evangelischen nicht halt. Eltern, schützt Eure Kinder!
Philipp Tiemanns Unschuldsbeteuerungen erschienen dem Presbyterium glaubwürdig und sie unterstützten ihn bei seiner Verleumdungsklage gegen die Boulevard-Zeitung. Aber die polizeilichen Untersuchungen, die den Anschuldigungen auf den Fuß folgten, ließen die Mehrheit der Gemeindeglieder deutlich auf Distanz gehen und schon bald wurde erkennbar, dass der Pfarrer in der Gemeinde nicht mehr zu halten war. Sie unterstützten ihn bei der Suche nach einer neuen Stelle, wo er noch einmal ganz von vorn anfangen konnte.
Nur wenige Wochen später bekam die Gemeinde eine freundliche Vakanzvertretung: Ulrike Grönefeld, Pfarrerin zur Anstellung. Es war nicht ausgeschlossen, dass aus dem Vertretungsverhältnis ein dauerhaftes Anstellungsverhältnis würde und man die patente, junge Frau wählen würde.
Zufrieden fuhr Sybille ihren Sohn zum Unterricht und brachte auf dem Rückweg Kuchen mit. Burkhard hatte den Nachmittag frei und sie tranken gemeinsam Kaffee auf der Terrasse.
„Ich bin ja so froh, dass die Frau Grönefeld jetzt da ist.“, sagte Sibylle. „ich hatte schon befürchtet, wir müssten Tizian woanders zum Konfirmanden-Unterricht anmelden. Und die Frau Grönefeld ist ja so freundlich und herzlich, da bin ich ganz zuversichtlich.“
„Ja, und durchgreifen kann sie, glaube ich, auch.“, gab Burkhard seiner Frau recht. „Nicht so ein butterweiches, seichtes Gesäusel sondern eine klare Kante. Ich war ja zwischendurch unsicher, ob wir das Recht so beugen dürfen, aber jetzt denke ich, wir haben alles richtig gemacht und die Welt vor einem potentiellen Täter bewahrt.“
„Wer weiß, ob der nicht vielleicht wirklich Dreck am Stecken hatte?“, überlegte Sibylle. „Warum sonst hätte dieser Fixer so bereitwillig mitgespielt?“
„Weil er das Geld gebrauchen konnte.“
„Ja aber warum ist er überhaupt zum Fixer geworden? Ich habe neulich noch gelesen, dass die meisten Drogenabhängigen Opfer von sexuellem Missbrauch sind.“
„Wenn du mich fragst, sind das alles Sozialversager. Aber so was darf man ja heute nicht mehr laut sagen. Glaubst du unser Sohn würde Drogen nehmen, wenn man ihm so etwas antun würde? Der würde sich wehren und uns hinterher erzählen, was passiert ist. Dann würde der Täter bestraft und das wäre für Tizian Therapie genug. So sieht das nämlich aus.“
Siebzehn Monate später radelte Tizian zu einem Gespräch mit der Pfarrerin, die tatsächlich mittlerweile gewählt worden war. Er stand kurz vor der Konfirmation und musste wie alle anderen auch zu einem persönlichen Einzelgespräch erscheinen. Seine Eltern waren begeistert, dass sie sich so viel Zeit für ihre Konfirmanden nahm. Tizian hätte gern darauf verzichtet, aber das sagte er nicht, denn er wollte seine Eltern nicht enttäuschen.
Die Pfarrerin empfing ihn in Jeans und legerer Bluse, das stufig geschnittene Haar trug sie offen. Sie strahlte ihn an und bat ihn, in ihrem Arbeitszimmer Platz zu nehmen, sie hole in der Zwischenzeit etwas zu trinken.Tizian sah sich um. Alles wirkte irgendwie Puppenstuben-artig, die Möbel, die Farben, gar nicht wie ein Arbeitszimmer. Er hatte auf dem plüschigen orange-braunen Sofa Platz genommen, was er augenblicklich bereute, denn die Pfarrerin setzte sich neben ihn. Es ging um seinen Konfirmationsspruch, aber er konnte sich kaum auf das konzentrieren, was sie sagte, weil ihm ihr scharfer Geruch nach längst getrocknetem und sich nun auf der Haut zersetzenden Schweiß in die Nase zog. Würde sie doch nur etwas mehr Abstand halten! Er musste sich irgendwelche Bilder ansehen, die zu seinem Spruch passten und dabei kam sie mit ihrem Gesicht so nah an seines, dass er nun auch ihren schlechten Atem riechen konnte. Als das Gespräch endlich beendet schien und die Theologin bereits aufgestanden war, hielt sie plötzlich inne.
„Sag mal Tizian“, sprach sie ihn noch einmal an. „Deine Eltern haben mir erzählt, dass du ganz ausgezeichnet Klarinette spielst und gern häufiger eine Möglichkeit zum Auftreten hättest. Wie wäre es denn, wenn du am Sonntag nach den Konfirmationen etwas zum Ausgang spielen würdest?“
„Ja, das könnte ich machen.“, brachte Tizian mühsam hervor. Er wollte nur brav zu allem ja und Amen sagen, damit er nur möglichst schnell hier herauskam. Eigentlich war er froh, dass er nach der Konfirmation nicht mehr sonntags morgens in die Kirche gehen musste.
„Toll!“, sagte die Pfarrerin, beugte sich über ihn und drückte ihn unvermittelt an sich, so dass sie sein Gesicht gegen ihre stinkenden Brüste presste, die halb nackt aus dem leicht geöffneten Blusenausschitt herauslugten. Und dann flüsterte sie: „Siehst du, Tizian, das ist eben der Vorteil, wenn man sich ein bisschen näher kommt. Deine Eltern werden sich sicher freuen.“
Als er ihr hastig zum Abschied die Hand reichte, sagte sie noch einmal: „Und grüß deine Eltern ganz lieb von mir.“, dann radelte er wie ein Wahnsinniger nach Hause, um bloß möglichst schnell weg zu kommen, von dem Puppenstuben-Arbeitszimmer und der zudringlicheren Pfarrerin, auch wenn er ahnte, dass es eine ganze Weile dauern würde, bis er ihr endgültig entkommen sollte.
„Ist das ein Hoffnungssymbol?“, fragte Sibylle um Aufmerksamkeit heischend.
„Das könnte man so sehen.“, gab Philipp Tiemann Auskunft.
„Ich meine, in der Geschichte von der Arche war der Regenbogen ja auch ein Zeichen der Hoffnung.“
„Ja, das stimmt.“, erklärte der Pfarrer. „In diesem Fall geht es aber vor allem um das Bunte, Darum, dass Menschen unterschiedlich sind und die Fahne ist ein Symbol für lesbischen und schwulen Stolz und die Vielfalt dieser Lebensweise.“
Sibylle erbleichte augenblicklich, um kurz darauf vor Scham rot anzulaufen. Sie bedankte sich steif für die Auskunft und bemühte sich würdigen Schrittes in die Kirche zu gehen, in der ihr Mann schon auf sie wartete.
Während des Gottesdienstes nahm sie keinerlei Hinweis auf die Homosexualität des Theologen war, er sprach ja auch über nichts, was man damit hätte in Verbindung bringen können. Aber hatte er nicht doch auch diesen weibischen Singsang in der Stimme? Bewegte er sich nicht ein bisschen zu wiegend in den Hüften? Und war sein Lächeln, das sie als offen und fröhlich empfunden hatte, nicht doch das eines lüsternen Perversen? Sibylle wusste, dass man solche Gedanken heutzutage nicht mehr öffentlich äußern durfte, ohne dafür von allen Seiten angegriffen zu werden, aber sie war in ordentlichen Verhältnissen aufgewachsen, hatte einen anständigen Mann geheiratet und mit ihm einen wunderbaren Jungen in die Welt gesetzt, den sie um jeden Preis auf den rechten Weg bringen wollte.
Beim Mittagessen berichtete sie Burkhard, ihrem Mann, von ihrem erschreckenden Erlebnis.
„Das ist doch wirklich nicht zu fassen!“, echauffierte sich Burkhard. „Sitzen die im Presbyterium auf ihren Augen und Ohren? Haben die keinen Verstand? So einen Perversen kann man doch nicht auf Konfirmanden loslassen, das ist doch nur eine Frage der Zeit, wann der einen Jungen in die Sakristei lockt und ihn zu unsittlichen Handlungen überredet. Diese Widerlinge, die sich gegenseitig ihre Geschlechtsteile in den Darm schieben, ich glaube, das will ich mir gar nicht vorstellen.“
„Ich wette, die im Presbyterium wissen das und scheren sich gar nicht darum.“, überlegte Sibylle. „Heutzutage finden das ja alle normal.“
„Das ist auch so etwas,das ich nicht verstehen kann.“, setzte Burkhard seine Tirade fort. „Alle finden es mittlerweile egal oder sogar irgendwie niedlich oder sogar toll, wenn jemand homosexuell ist, als wäre das eine besondere Lebensleistung. Die machen sich doch überall breit, ob im Sport, als Lehrer, Polizisten, Unternehmer, ja sogar Politiker. Und statt sich dafür zu schämen und es geheim zu halten, posaunen sie es auch noch extra laut heraus. In den Medien und als Künstler kannst du als normaler Mann ja heutzutage gar nichts mehr werden, die nehmen nur noch schwule Paradiesvögel und stahlharte Kampflesben. Aber eins sage ich dir: unseren Tizian kriegt der nicht in die Finger.“
„Natürlich nicht.“, sagte Sibylle. „Das wäre ja wohl der Gipfel!“
Burkhard und Sibylle meinten es ernst. Als am Dienstag der Konfirmanden-Unterricht begann, entschuldigten sie ihren Sohn mit einem Zahnarztbesuch. In der nächsten Woche hatte er angeblich Kopfschmerzen. So ging es noch zwei Mal und dann stand plötzlich an einem Montag Morgen ein skandalöser Bericht in einer bekannten Boulevard-Zeitung:
VIKAR MACHT KONFI ZUM JUNKIE
Philipp T. war nur ein einfacher Vikar in einer evangelischen Gemeinde und gab Konfirmanden-Unterricht. Doch was er nach dem Unterricht in einem Hinterzimmer dem damals 13-Jährigen Alexander S. antat, trieb diesen vor Verzweiflung in die Drogensucht. „Er zwang mich, sein Glied anzufassen und sogar zu küssen.“, erklärt der heute 17-jährige, schwer Drogenabhängige. „Mein Leben ist eine Katastrophe, ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren. Der Schmerz ist einfach zu groß.“
„Skandalös, dass man so einen auch noch Pfarrer werden lässt.“ erklärte unsere
Informantin, deren Name aus Quellenschutz-Gründen nicht bekannt gegeben werden darf. Heute ist Philipp T. ordinierter Gemeindepfarrer und darf seelenruhig Ausschau halten nach neuen Opfern. Die Sex-Skandale aus der katholischen Kirche, machen auch vor der Evangelischen nicht halt. Eltern, schützt Eure Kinder!
Philipp Tiemanns Unschuldsbeteuerungen erschienen dem Presbyterium glaubwürdig und sie unterstützten ihn bei seiner Verleumdungsklage gegen die Boulevard-Zeitung. Aber die polizeilichen Untersuchungen, die den Anschuldigungen auf den Fuß folgten, ließen die Mehrheit der Gemeindeglieder deutlich auf Distanz gehen und schon bald wurde erkennbar, dass der Pfarrer in der Gemeinde nicht mehr zu halten war. Sie unterstützten ihn bei der Suche nach einer neuen Stelle, wo er noch einmal ganz von vorn anfangen konnte.
Nur wenige Wochen später bekam die Gemeinde eine freundliche Vakanzvertretung: Ulrike Grönefeld, Pfarrerin zur Anstellung. Es war nicht ausgeschlossen, dass aus dem Vertretungsverhältnis ein dauerhaftes Anstellungsverhältnis würde und man die patente, junge Frau wählen würde.
Zufrieden fuhr Sybille ihren Sohn zum Unterricht und brachte auf dem Rückweg Kuchen mit. Burkhard hatte den Nachmittag frei und sie tranken gemeinsam Kaffee auf der Terrasse.
„Ich bin ja so froh, dass die Frau Grönefeld jetzt da ist.“, sagte Sibylle. „ich hatte schon befürchtet, wir müssten Tizian woanders zum Konfirmanden-Unterricht anmelden. Und die Frau Grönefeld ist ja so freundlich und herzlich, da bin ich ganz zuversichtlich.“
„Ja, und durchgreifen kann sie, glaube ich, auch.“, gab Burkhard seiner Frau recht. „Nicht so ein butterweiches, seichtes Gesäusel sondern eine klare Kante. Ich war ja zwischendurch unsicher, ob wir das Recht so beugen dürfen, aber jetzt denke ich, wir haben alles richtig gemacht und die Welt vor einem potentiellen Täter bewahrt.“
„Wer weiß, ob der nicht vielleicht wirklich Dreck am Stecken hatte?“, überlegte Sibylle. „Warum sonst hätte dieser Fixer so bereitwillig mitgespielt?“
„Weil er das Geld gebrauchen konnte.“
„Ja aber warum ist er überhaupt zum Fixer geworden? Ich habe neulich noch gelesen, dass die meisten Drogenabhängigen Opfer von sexuellem Missbrauch sind.“
„Wenn du mich fragst, sind das alles Sozialversager. Aber so was darf man ja heute nicht mehr laut sagen. Glaubst du unser Sohn würde Drogen nehmen, wenn man ihm so etwas antun würde? Der würde sich wehren und uns hinterher erzählen, was passiert ist. Dann würde der Täter bestraft und das wäre für Tizian Therapie genug. So sieht das nämlich aus.“
Siebzehn Monate später radelte Tizian zu einem Gespräch mit der Pfarrerin, die tatsächlich mittlerweile gewählt worden war. Er stand kurz vor der Konfirmation und musste wie alle anderen auch zu einem persönlichen Einzelgespräch erscheinen. Seine Eltern waren begeistert, dass sie sich so viel Zeit für ihre Konfirmanden nahm. Tizian hätte gern darauf verzichtet, aber das sagte er nicht, denn er wollte seine Eltern nicht enttäuschen.
Die Pfarrerin empfing ihn in Jeans und legerer Bluse, das stufig geschnittene Haar trug sie offen. Sie strahlte ihn an und bat ihn, in ihrem Arbeitszimmer Platz zu nehmen, sie hole in der Zwischenzeit etwas zu trinken.Tizian sah sich um. Alles wirkte irgendwie Puppenstuben-artig, die Möbel, die Farben, gar nicht wie ein Arbeitszimmer. Er hatte auf dem plüschigen orange-braunen Sofa Platz genommen, was er augenblicklich bereute, denn die Pfarrerin setzte sich neben ihn. Es ging um seinen Konfirmationsspruch, aber er konnte sich kaum auf das konzentrieren, was sie sagte, weil ihm ihr scharfer Geruch nach längst getrocknetem und sich nun auf der Haut zersetzenden Schweiß in die Nase zog. Würde sie doch nur etwas mehr Abstand halten! Er musste sich irgendwelche Bilder ansehen, die zu seinem Spruch passten und dabei kam sie mit ihrem Gesicht so nah an seines, dass er nun auch ihren schlechten Atem riechen konnte. Als das Gespräch endlich beendet schien und die Theologin bereits aufgestanden war, hielt sie plötzlich inne.
„Sag mal Tizian“, sprach sie ihn noch einmal an. „Deine Eltern haben mir erzählt, dass du ganz ausgezeichnet Klarinette spielst und gern häufiger eine Möglichkeit zum Auftreten hättest. Wie wäre es denn, wenn du am Sonntag nach den Konfirmationen etwas zum Ausgang spielen würdest?“
„Ja, das könnte ich machen.“, brachte Tizian mühsam hervor. Er wollte nur brav zu allem ja und Amen sagen, damit er nur möglichst schnell hier herauskam. Eigentlich war er froh, dass er nach der Konfirmation nicht mehr sonntags morgens in die Kirche gehen musste.
„Toll!“, sagte die Pfarrerin, beugte sich über ihn und drückte ihn unvermittelt an sich, so dass sie sein Gesicht gegen ihre stinkenden Brüste presste, die halb nackt aus dem leicht geöffneten Blusenausschitt herauslugten. Und dann flüsterte sie: „Siehst du, Tizian, das ist eben der Vorteil, wenn man sich ein bisschen näher kommt. Deine Eltern werden sich sicher freuen.“
Als er ihr hastig zum Abschied die Hand reichte, sagte sie noch einmal: „Und grüß deine Eltern ganz lieb von mir.“, dann radelte er wie ein Wahnsinniger nach Hause, um bloß möglichst schnell weg zu kommen, von dem Puppenstuben-Arbeitszimmer und der zudringlicheren Pfarrerin, auch wenn er ahnte, dass es eine ganze Weile dauern würde, bis er ihr endgültig entkommen sollte.
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