Freitag, 29. Juli 2016
Regal 66 – abgeschlossener Kurzkrimi - bin übrigens die nächsten 10 Tage nicht online :-)
Etwas zerstreut schlenderte Judith durch die Regalreihen der Haushaltswaren-Abteilung eines schwedischen Möbelhauses. Sie hatte sich keinen Einkaufszettel gemacht, sondern entschieden, ihr falle schon ein, was sie alles besorgen wolle, wenn sie nur alle Regale abschritt. Ansonsten musste sie noch einen neuen Klapptisch für ihre Dunkelkammer kaufen, dann konnte sie dieser schrecklichen Fabrikhallenatmosphäre wieder entkommen.
Andererseits war sie froh, mal für zwei Stunden aus der Gemeinde rauszukommen. Die Beerdigung heute Vormittag war eine Horrorvorstellung gewesen. Die abgehalfterten Trauergäste hatten sie an die Daheim gebliebene bucklige Verwandtschaft erinnert, mit der sie nie wieder etwas zu tun haben wollte. Alle hatten so unbeholfen und wenig angemessen agiert, sie hatte schon lange keine so unwürdige Bestattung mehr erlebt.
Noch belastender hingegen waren die Erinnerungen an den Vortag: Morgens bei der Pfarrkonferenz hatte der Superintendent sie beiseite genommen und ihr erklärt, sie sei nicht ermächtigt, das Glaubensbekenntnis in einem Gottesdienst nur bei Bedarf einzusetzen. Ihre Erklärung, dass sie stattdessen ein entsprechendes Lied von der Gemeinde hatte singen lassen, hatte er nicht gelten lassen. Er fand immer etwas, das er anmahnen konnte und sie spürte deutlich, dass es niemals um die Sache selbst ging, sondern darum, sie mürbe zu machen, um sie los zu werden. Was hatte sie ihm nur getan, dass er sie so entschieden ablehnte?
Am Nachmittag war sie mit dem Kirchmeister aneinandergeraten, weil der den Haushaltsansatz für Konfirmandenarbeit nicht erhöhen wollte und sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, dies im Presbyterium zu diskutieren. Sie hatte am Ende gesiegt, der Punkt kam auf die Tagesordnung und sie war guten Mutes, die Mehrheit auf ihrer Seite zu haben und bei der Orgelrestaurierung auf die Luxus-Variante zu verzichten, doch die vergiftete Atmosphäre zwischen ihr und ihrem Finanzchef würde ihr das Leben dauerhaft schwer machen.
Abends wurde es dann noch einmal heikel: Steffen, der Jugendreferent hatte sie in dem ihm eigenen, schnarrenden Ton darauf hingewiesen, dass die Teilnehmerlisten fürs Konfi-Camp fertig werden mussten.
„Ja, ich weiß“, hatte sie geantwortet. „Sabine hat im Moment alle Hände voll zu tun mit den Einladungen für die Konfirmationsjubiläen, da ist ihr das wohl durch die Lappen gegangen. Ich erinnere sie morgen noch mal daran. Die werden uns schon nicht zu Hause lassen, nur weil die Teilnehmerlisten drei Tage zu spät kommen.“
„Wenn Sabine das nicht gebacken kriegt, dann musst du dich darum kümmern.“, hatte Steffen sie angeschnauzt. „Konfirmandenarbeit ist vor allem dein Arbeitsgebiet, ich habe danach noch ‘ne Jugendfreizeit und Ferienspiele auf dem Programm, ich kann mich wirklich nicht um alles kümmern, aber bei mir kommen dann die Beschwerden vom Kirchenkreis an. Du machst das doch nicht zum ersten Mal. Kann doch nicht so schwer sein, das einmal gebacken zu kriegen.“
„Ich muss auch eine Menge auf die Reihe kriegen, womit du dich nicht befassen musst.“, hatte sich Judith gerechtfertigt. „Du findest ja auch immer noch Zeit, mit den Jugendlichen zu schäkern.“
Sie hätte es auch schärfer formulieren können, denn ihr war am Freitagabend nicht zum ersten Mal aufgefallen, dass Steffen sich den Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren in ganz besonderer Weise körperlich zuwandte, allerdings nur den Hübschen und Wohlproportionierten und auch seelsorgerlich war er hier viel engagierter als bei denen, die es am nötigsten hatten.
Wie durch Zauberhand hatten sich in ihrem Einkaufswagen Müslischalen, eine Salatschüssel eine Auflaufform und ein Dutzend Trinkgläser eingefunden. Nun brauchte sie nur noch den Klapptisch. Sie ermittelte im Kundencomputer den Standort des Möbels, das sie sich bereits im Katalog ausgesucht hatte. Der Bausatz befand sich in Regal Nr. 66. Langsam schritt sie den breiten Gang in Richtung Kasse, konnte das Regal aber nirgends entdecken, ebenso wenig wie fachkundiges Personal, außer den Angestellten, die dauergestresst an der Kasse Waren einscannten. Schließlich fragte sie eine sympathisch aussehende, junge Frau: „Haben Sie eine Ahnung, wo hier das Real 66 sein könnte?“
„Ja, das kenne ich.“, kicherte die junge Frau. „Wir haben hier mal eine Rally gemacht, das ist ganz weit hinten, in der Nähe der Fundgrube.“
„Ach so, vielen Dank.“
Judith wurde bald fündig und stand schließlich unschlüssig vor den Paketen, was genau sie auf ihren Wagen packen musste. Es war so wunderbar still hier, nicht so ein Gesumme und Gedränge wie in der restlichen Markthalle. Umso schneller richteten sich ihre Nackenhaare auf, als sie plötzlich ein seltsames Klicken hinter sich wahrnahm. Sie wollte sich gerade umdrehen, da war er schon bei ihr. Sein linker Arm umschloss ihre Taille, sein rechter Unterarm tauchte vor ihrem Oberkörper auf. Ein sportlicher Herrenduft stieg ihr in die Nase, dann spürte sie etwas Hartes, Kaltes an ihrem Hals, dann ein seltsames Reißen und Brennen, dann nichts mehr.
Als das Möbelhaus um 21.00 Uhr schließen wollte, entdeckte ein Mitarbeiter die Leiche einer Frau mittleren Alters vor dem Regal 66. Sie lag in einer gigantischen Blutlache, jemand hatte ihr die Kehle durchgeschnitten. Gegen 21.15 Uhr war die Spurensicherung vor Ort, gegen 21.30 Uhr die ermittelnden Kommissare. Die Identität des Opfers stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest, es handelte sich um die evangelische Gemeindepfarrerin Judith van der Groeben. Von den Schultern der hellblonden Frau wurden brünette Kopfhaare sichergestellt, die der Täter vermutlich beim engen Körperkontakt verloren hatte. Das waren alle Spuren – keine Fußabdrücke, keine Tatwaffe, keine Zeugen.
Was dem Täter am Ende das Genick brach, war das Tagebuch der Pfarrerin, in dem sie noch am Morgen ihres Todestages folgendes eingetragen hatte:
„Meine Güte, warum kann ich nicht einfach mal in einer normalen Gemeinde mit psychisch gesunden, anständigen Mitarbeitern unterkommen? Am Samstag hat Irmgard mir erzählt, dass Steffen häufig mit der 16-jährigen Vanessa im Auto unterwegs ist und angeblich hat auch jemand beobachtet, dass das Mädchen an einem Freitagabend zusammen mit Steffen dessen Wohnung in der Innenstadt aufgesucht hat, ohne jeden weiteren Jugendlichen. Vorgestern habe ich selbst ihn dabei erwischt, wie er in einem unbeobachtet geglaubten Moment im Jugendbüro das Mädchen auf höchst unangemessen distanzlose Weise umarmt hat: als ich die Tür öffnete, zuckte gerade seine Hand von Vanessas Po. Ich habe betont neutral reagiert, auch um das Mädchen nicht zusätzlich zu verunsichern, aber in dem Moment als meine Augen denen von Steffen begegneten, war klar, dass er wusste, dass er aufgeflogen war. Doch gestern versuchte er noch immer so zu tun, als habe er sich gar nichts zuschulden kommen lassen und sei in der Situation, andere zurechtweisen zu müssen.
„Wollen wir jetzt die Vorwurfsspirale ankurbeln?“, hat er mich schnippisch gefragt, keine weiteren Angriffe duldend, als ich seine Vorwürfe wegen der nicht fristgerecht abgelieferten Adresslisten fürs Konfi-Camp mit einem Hinweis auf seine Unzulänglichkeit in Bezug auf seine Distanzlosigkeiten gegenüber den Jugendlichen erwidert habe.
„Du hast mit Vorwürfen angefangen.“, habe ich gekontert. “Ich regele das schon mit den Adresslisten. Aber bekomm du deine Männlichkeit in den Griff, sonst muss ich da demnächst auch noch was regeln!“
Dann habe ich auf dem Absatz kehrt gemacht und ihn mit offenem Mund stehen lassen. Ich bin vor meinem eigenen Mut erschrocken und jetzt wünschte ich, ich hätte einfach nichts bemerkt. Das ist alles so unangenehm und auch riskant, denn vielleicht gibt es ja doch für alles eine plausible Erklärung und am Ende wäre Steffen rehabilitiert und ich hätte eine Verleumdungsklage am Hals. Andererseits ist mir klar, dass ich einschreiten muss und nicht tatenlos zusehen kann, wie der alternde Berufsjugendliche eine Minderjährige nach der anderen flachlegt und in seinem rücksichtlosen Bedürfnis nach bedingungsloser Hingabe und Bewunderung ihre Seele auffrisst.“
Der Jugendreferent hatte brünettes Haar und auf den aufwändigen DNA-Test konnte die Polizei verzichten, weil der Täter längst erkannt hatte, dass er überführt worden war. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt – und verloren. Als leidenschaftlicher Motorradfahrer, attraktiver Frauenverschlinger und vielseitiger Freizeitsportler hatte er sich immer auf der Route 66 gesehen. Nun endete es beim jämmerlichen Regal 66 in einem bekannten schwedischen Möbelhaus.

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Freitag, 22. Juli 2016
Konfi-Camp – abgeschlossener Kurzkrimi
Voller Tatendrang und Vorfreude huschte Ruben leichtfüßig durch die Zeile der Bettenhäuser des Camp-Geländes. Seine Bedenken bezüglich des Platzes hatten sich innerhalb von vierundzwanzig Stunden in Luft aufgelöst. Auch wenn der Platz am Frauensee in der Nähe von Berlin wie das Camp in einem amerikanischen Horrorfilm aussah, gemischt mit nostalgischem Ost-Charme, so trug doch die Weitläufigkeit des Geländes sehr zur allgemeinen Entspannung bei. Aber hier in Heino, wo auf Niederländisch platzsparend, praktische Weise alle Konfis und Mitarbeiter zusammenrücken mussten, kam es zu so viel mehr besonderen Begegnungen, und jetzt hatte er sich mit einer Gruppe von Teamern aus den verschiedenen Kirchengemeinden zum nächtlichen Bad im See verabredet. Das war zwar eigentlich vollkommen verboten, weil keine Badeaufsicht anwesend war, aber wer nie gegen irgendeine Regel verstieß, an dem ging das wahre Leben vorbei.
Er joggte an den Bahnschienen entlang, bis er schließlich an der Schranke ankam, die gerade dabei war, sich zu schließen.
„Scheiß der Hund drauf.“, dachte er, „Züge kommen frühestens eine Minute, nachdem die Schranke unten ist.“
Er legte eine passable Hockwende über die Schranke hin, hatte die nächste in Gedanken auch schon übersprungen, als ihn plötzlich etwas zu Boden riss. Er schlug hart mit dem Kopf auf und wie durch dichten Nebel nahm er in seiner Benommenheit wahr, wie der Zug sich unaufhaltsam näherte. Mit letzter Kraft rappelte er sich auf und warf sich über die Schranke, wenn auch nicht so elegant wie beim ersten Sprung. Schneidend und ratternd rauschte die Bahn an ihm vorbei und er musste sich einen Augenblick sammeln, bevor er wieder einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Er blickte sich um. Weit und breit war niemand zu sehen, dabei hätte er schwören können, dass ihn jemand gestoßen hatte. „Wahrscheinlich bin ich doch nur dumm gestolpert.“, murmelte er. Und weil er sich nicht ernsthaft verletzt fühlte, ging er weiter seinem ursprünglichen Ziel entgegen.
Er hörte sie schon planschen und kreischen: Vanessas unverkennbares Gekicher, die überlauten Aufprall- und Verdrängungsgeräusche, wenn Jan-Eric sich von der schwimmenden Insel ins Wasser plumpsen ließ und viele weitere fröhliche Stimmen, die er nicht eindeutig zuordnen konnte. Es waren vor allem die jungen, erwachsenen Mitarbeiter, die zum nächtlichen Badegaudi zusammenkamen, nichts wirklich Verbotenes, aber trotzdem geschah es im Geheimen, weil es von der Camp-Leitung nicht gern gesehen wurde.
Die Nacht war lau und das Wasser im See von der Hitze des Tages fast so warm wie in der Badewanne. Ruben stieß in der Dunkelheit mit jemandem zusammen. Im ersten Moment erschrak er, doch dann stellte er fest, dass es sich um Lilly handelte, die erst ein atemloses Sorry hauchte und dann verlegen kicherte. Er hatte das beflügelnde Gefühl, dass sie sich in den letzten Tagen tatsächlich nähergekommen waren, immer wenn sie sich auf dem Gelände begegneten, hielten sie ein belangloses Schwätzchen, scherzten und neckten sich gegenseitig. Und bei jedem Blick glänzten ihre Augen ein bisschen mehr, manchmal glaubte er sogar, eine zarte Rötung ihrer Wangen zu bemerken. Es war nicht ungewöhnlich, dass ihre fast nackten Körper sich unter Wasser berührten, hatten sie doch täglich eine Gelegenheit gefunden, wenigstens eine Viertelstunde im See zu toben, aber das war im Tageslicht gewesen, zwischen lauter Konfis, unter den Blicken von Pfarrern und Jugendreferenten und im unschuldigen Licht der Sonne. In der Dunkelheit und der Exklusivität ihrer vertrauten Clique hatte dieser Moment eine ganz andere Qualität und er fühlte trotz des kühlen Wassers Hitze in sich aufsteigen. Allerdings wurde die Romanze bereits im Keim erstickt, als Marvin sich brüllend auf Lilly stürzte und sie wie ein Seeungeheuer umklammerte. Lilly kreischte und kicherte abwechselnd und plötzlich war Ruben sich seiner Sache gar nicht mehr so sicher. Immer, wenn Marvin auftauchte, schien sie nur noch Augen für ihn zu haben.
„Esst mehr Erbsen!“, rief Jan-Eric, „Dann könnt ihr nachts im Bio-Whirlpool baden.“
„Oh, Jan-Eric, du bist so eklig!“, keifte Vanessa. „Ich halte ab sofort zehn Meter Abstand. Deine Faulgase sind definitiv schlimmer als die Fenjala-Wolke der Haubentaucher im Hallendbad.“
Nach einer halben Stunde hatte das nächtliche Bad alle Beteiligten erheblich ausgekühlt. Sie zogen sich schlotternd an und liefen eilig zum Platz zurück, um sich wieder aufzuwärmen. Erst auf halben Weg des Viertelstündlichen Fußmarsches stellten sie fest, dass jemand fehlte.
„Wo ist eigentlich Marvin?“, japste Lilly.
„Brauchte vielleicht einen Moment Ruhe.“, beruhigte Ruben sie und hoffte, die Erklärung würde ausreichen. Doch Lilly wurde unruhig.
„Wir müssen zurück und Marvin suchen, vielleicht ist ihm was passiert.“
„Was soll dem denn in dem Planschbecken passiert sein?“, fragte Jan-Eric in rauem Ton. „Keiner kann ihm auf den Kopf gesprungen sein, er ist nicht besoffen und wilde Ungeheuer gibt es in dem See auch nicht.“
„Aber er hätte bestimmt gesagt, dass er noch bleiben will.“, beharrte Lilly auf ihrem Standpunkt. „Ich kann mich auch nicht erinnern, dass er beim Anziehen dabei war.“
„Bestimmt war er dabei.“, meinte Jan-Eric im Brustton der Überzeugung.
„Also ich gehe jetzt zurück und suche ihn.“, erklärte Lilly entschlossen.
„Ich komme mit.“, sagte Ruben und legte schützend seine Hand um Lillys Schultern, deren Körper sich augenblicklich anspannte. War das nun, weil sie die unerwartete Nähe erregte und verlegen machte oder weil sie sich vor ihm ekelte? Er wurde unsicher, ließ seinen Arm wie zufällig wieder herunter gleiten und ging mit angemessenem Abstand neben ihr zurück zum See. Diesmal war die Schranke oben, aber er wäre das Risiko von eben nicht noch einmal eingegangen, schon gar nicht gemeinsam mit Lilly. Ruben zog sich aus, um den See abzusuchen, Lilly erklärte: „Ich glaube nicht, dass wir ihn finden, wenn er irgendwo am Grund liegt, aber vielleicht hat er sich ans Ufer geschleppt. Ich laufe einmal um den See rum.“
Das tat sie, während Ruben trotz aller Sinnlosigkeit verzweifelt nach Marvin tauchte. Plötzlich hörte er seinen Namen über den See hallen. Er ortete Lillys Ruf und schwamm zu der Insel, auf der sich der Hochseilgarten befand. Er musste nicht lange suchen, folgte nur Lillys Wimmern, die am Ufer saß und den nassen, ausgekühlten und ohnmächtigen Marvin in den Armen hielt und ihn schüttelte, damit er aufwachte.
„Hast du ihn gerade aus dem Wasser gezogen?“, rief Ruben erschrocken.
„Nein“, antwortete Lilly weinend. „Er lag hier einfach, aber er wacht nicht auf. Ich fühle seinen Puls nicht.“
„Hast du die Atmung kontrolliert?“
„Nein. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass er atmet.“
Ruben bat Lilly, Marvin auf den Boden zu legen. Dann presste er seine Hände auf Brust und Rippen seines Freundes und nahm ein leichtes sich Heben und Senken des Brustkorbes wahr.
„Er atmet noch.“, erklärte Ruben erleichtert. „Wir müssen ihn aufwärmen, vielleicht wacht er dann auch wieder auf. Am besten wir rubbeln und massieren ihn gründlich durch. Dann hilft es auch wenn du ihn fest umarmst und was von deiner Körperwärme abgibst und ich laufe in der Zwischenzeit auf die andere Seite und hole seine Klamotten, damit wir ihm etwas anziehen können.“
Ruben rannte zu der Stelle, an der sie sich umgezogen hatten, doch er konnte Marvins Kleidung nirgendwo finden. Dann würde er ihm eben seine Sachen leihen. Es war zwar kühl, aber er blieb ja in Bewegung. Als er zurückkam, war Marvin tatsächlich aufgewacht.
„Ein Glück.“, stieß er erleichtert hervor. „Alter, was ist passiert?“
„Ich glaube, jemand hat versucht, mich umzubringen.“, stammelte Marvin.
„Wie das?“
„Ich bin ein Stück von euch weg geschwommen in Richtung Insel, weil ich Bock hatte, einmal kurz durch den Seilgarten zu turnen, also hier unten, nicht da, wo man abstürzen kann. Auf einmal hing ich mit dem Fuß irgendwo fest, so als wären da Schlingpflanzen. Ich hab gegengehalten und normalerweise reißen solche Pflanzen dann ab, aber das, was sich da um meinen Fuß klammerte, wurde immer fester und zog mich runter. Als ich fast schon dachte, jetzt ist es vorbei, hat es mich los gelassen und ich bin an die Oberfläche gekommen, aber dann hat mich was von hinten angesprungen und wieder unter Wasser gedrückt. Ich habe euch noch von weitem gehört, aber ich konnte ja nicht um Hilfe schreien. Irgendwann hab ich dann instinktiv dem Typen in die Eier getreten. Er hat laut geschrien, nach Luft geschnappt und sich verpisst. Ich bin mit letzter Kraft an Land geschwommen und auf die Insel geklettert, das war super anstrengend, weil hier ja kein flaches Ufer ist. Und als ich endlich an Land war, war ich plötzlich weg.“
„Scheiße, das müssen wir Sabrina erzählen.“, sagte Lilly.
„Bist du bescheuert?“, wies Ruben sie zurecht. „Die rasiert uns die Eier und wir dürfen nie wieder ins Konfi-Camp mitfahren.“
„Kapierst du denn nicht, was hier los ist?“, schrie Lilly ihn an. „Hier läuft ein Killer rum. Wer weiß, wen er sich als Nächstes vorknöpft.“
„Scheiße, ja.“, erwiderte Ruben. „Ich glaube, als ich eben gekommen bin, hat auch einer versucht, mir das Licht auszublasen. Ich dachte zwischendurch, dass ich nur dumm gestolpert bin, aber jetzt glaube ich, da hat mich einer geschubst.“
„Wo denn?“, keuchte Marvin.
„Auf den Bahnschienen, als gerade ein Zug kam. Ich bin über die Schranke geklettert, weil sie gerade erst runter gegangen war und da hat mich irgendwas umgehauen - oder eben irgendwer.“
Als die Jugendreferentin hörte, was passiert war, reagierte sie zuerst schockiert, danach erleichtert, dass alle noch gesund und am Leben waren und schließlich verärgert, dass sie sich mutwillig in solche Gefahr gebracht hatten.
„Weil ihr so ehrlich seid, würde ich euch künftig nicht von weiteren Camps ausschließen, aber wir müssen das gründlich aufarbeiten und ich muss mich in Zukunft darauf verlassen können, dass so etwas nie wieder vorkommt. Keine Mutproben, keine nächtlichen Bäder ohne DLRG-Aufsicht. Ist das klar?“
„Ja natürlich.“, nuschelte Ruben betreten.
„Ich setze mich jetzt mit dem Leitungsteam in Verbindung und ich denke, wir werden die Polizei einschalten. Achtet darauf, dass keiner irgendwo allein hingeht und verlasst das Gelände nicht.“
Wim war jetzt wieder warm und trocken. Er stand hinter seinem Baum und wartete. Er würde sie schon noch erwischen, all diese selbstbewussten Jungs, die voll im Saft standen und den Mädchen wie selbstverständlich an die Wäsche gingen und ihre vollendete Unschuld schamlos beschmutzten. Seit Tagen beobachtete er sie und hatte seine Wahl getroffen, und er würde sein Ziel erreichen, genau wie im letzten Jahr an der Nordsee. Er war ein Racheengel, der Engel der Reinheit, der die Welt säuberte von allem Übel, so dass die Unschuld und Reinheit weiter erstrahlen konnte, schon hier und jetzt und nicht erst im Paradies.
Er musste nicht lange warten. Der Koloss, der mit seinen Blähungen geprotzt hatte, kam den Weg entlang. Er trug etwas bei sich. „Ja“, raunte Wim fast lautlos. „Komm du nur und versuch mich zu jagen. Du wirst schneller zum Gejagten, als du einen Furz lassen kannst.“
Als die Schranke sich schloss, schoss Wim das Adrenalin ins Blut. Er setzte zum Sprung an. Wie er erwartet hatte, sprang der Koloss über die Schranke. Er sprang blitzschnell hinterher, doch diesmal war er zu langsam, der Koloss hatte schon die zweite Schranke erreicht, als er beim verzweifelten Versuch, ihn zurück zu zerren umknickte und stürzte. Das Letzte, was er sah, waren die Lichter, das Letzte, was er hörte, das Rauschen des Zuges und das Signal. Dann stürzte er in die Ewigkeit.
Wim van Geldern wurde in den frühen Morgenstunden von der Gerichtsmedizin identifiziert. Ein unauffälliger, einsamer Mann mittleren Alters, der in einem winzigen Apartment in Zwolle gelebt hatte. Ein Niemand, ohne Angehörige, mit einem Job in einer Reinigungsfirma. Eine Mordserie in einem Camp an der Nordsee im vergangenen Jahr hatte sich zeitgleich mit seinem Jahresurlaub ereignet. Die Polizei schloss den Fall ab. Das Konfi-Camp ging für die meisten fröhlich zu Ende, nur die, die miterlebt hatten, was in der furchtbaren Nacht geschehen war, waren sich nicht mehr so sicher, ob sie jemals wieder an einem Konfi-Camp teilnehmen wollten.

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Freitag, 15. Juli 2016
Erntedankfest – abgeschlossener Kurzkrimi
„...Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“
Gemessenen Schrittes verließ der Lektor das Lesepult und steuerte seinen Sitzplatz in der ersten Bankreihe an. Wie ein magisches Rad leuchtete die gewaltige Erntekrone über ihm, als er in die Vierung trat. In drei Wochen mühevoller Handarbeit hatten acht Landfrauen dieses groteske Kunstwerk aus Stroh, Draht,Trockenblumen und Schleifen hergestellt und nur mit Hilfe der freiwilligen Feuerwehr konnte das drei Meter hohe Schmuckstück von zwei Meter Durchmesser an dem stabilen Haken im Dachfirst aufgehängt werden. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Lektor Johann Witte einen Heiligenschein und manch einer glaubte sogar, das Flügelrauschen himmlischer Heerscharen zu vernehmen. Als die Sekunde vorüber war, stand die Erntekrone auf dem Boden und zierte Johann Wittes Kopf ganz unmittelbar, nur dass er selbst dieses Phänomen nicht wahrzunehmen schien, weil er bewusstlos am Boden lag.
„Genickbruch“, stellte die Gerichtsmedizinerin fest. „Die Kollegen von der KTU untersuchen gerade die Aufhängung. Vielleicht hat da jemand dran manipuliert.“
„Dann wäre es wohl Mord.“, bemerkte Kriminalhauptkommissar Stefan Keller.
„Oder fahrlässige Tötung.“, überlegte seine junge Kollegin Sabine Kerkenbrock. „Wie wahrscheinlich ist es, dass so ein Gerät genau im richtigen Moment im richtigen Winkel abstürzt? Es könnte doch auch sein, dass jemand nur mit einem Knalleffekt im Gottesdienst rumschocken wollte und gar nicht damit gerechnet hat, dass die Vierung durchquert wird.“
„Die was?“
„Ich verstehe Ihre Frage nicht.“
„Wie heißt das, von dem der Täter nicht vermutet hat, dass es durchquert wird?“
„Ach so. Die Vierung.“
„Und was ist das?“
„Der Knotenpunkt, sozusagen der Kreuzungsbereich zwischen Längsschiff und Querschiff. Der Grundriss der Kirche hat ja eine Kreuzform und das Rechteck, in dem die beiden imaginären Balken sich überlagern, nennt man Vierung.“
„Woher wissen Sie so etwas?“
„Keine Ahnung. Woher wissen Sie, dass die Erde um die Sonne kreist?“
„Tut sie das?“
„Ach, Herr Keller, lassen wir das. Da vorn ist der Pfarrer. Vielleicht kann der uns weiterhelfen.“
Kerkenbrock ging auf ihn zu. „Entschuldigen Sie, ich bin Sabine Kerkenbrock von der Kriminalpolizei Bielefeld. Hätten Sie einen Moment Zeit für ein paar Fragen?“
Der Pfarrer, ein unscheinbarer Typ der offensichtlich den Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung zu seinem Lebensthema auserkoren hatte, sah sie nur kurz unwillig an und ließ den Blick dann hektisch in der Kirche umher schweifen.
„Tut mir leid, aber ich muss mich hier jetzt erst einmal um einiges kümmern. Ich suche unseren Küster und einen Verantwortlichen der freiwilligen Feuerwehr, denn irgendjemand hat hier offenbar schlampig gearbeitet.“
Dann rauschte er ohne eine Reaktion abzuwarten von dannen, weil er offenkundig jemanden von denen, die er suchte in der aufgeregten Menge entdeckt hatte.
Eine Dame zwischen fünfzig und sechzig Jahren, mit großen, übertrieben wachen Augen trat an Kerkenbrock heran. Sie war etwas voll um die Hüften und trug daher über einer schmal geschnittenen, petrolfarbenen Kordhose eine weit schwingende weiße Bluse. In ihrem Nacken lag locker ein bunter Seidenschal mit Farbverlauf überwiegend in Grün- und Blautönen, die perfekt mit der Farbe der Hose harmonierten. Sie öffnete die runden, zartrosa pomadierten Lippen die vom dichten Flaum des Klimakteriumsdamenbartes gesäumt waren. „Vielleicht kann ich Ihnen weiter helfen.“, erklärte sie, „der Pfarrer ist ja viel zu beschäftigt. Mir ist da nämlich etwas aufgefallen. Wissen Sie, Johann Witte hat mit mir im Gospelchor gesungen, darum kenne ich ihn ganz gut. Er war ein äußerst vermögender Holzhändler, der auch wohl deshalb finanziell so weit gekommen ist, weil er laxer Zahlungsmoral von Kunden immer aufs entschiedenste entgegengetreten ist. Nun hat er ja ausgerechnet heute den Text vom reichen Kornbauer gelesen. Wer sich mit Gottesdienst und Kirchenjahr einigermaßen auskennt, wusste das schon vorher, auch wer lesen würde, denn das steht ja im Lektorenplan und der hängt im Gemeindehaus. Also in dem Text ging es um einen reichen Bauern, der sich immer Sorgen machte, ob er auch eine reiche Ernte einfahren könnte. Und dann hat er so viel Ertrag, dass er gar nicht weiß, wohin damit. Aber statt die Überschüsse an die Armen zu verschenken, lässt er riesige Scheunen bauen, um große Vorräte anzulegen. Als alles fertig ist, geht er am Abend zufrieden schlafen und ist beruhigt und gut gelaunt. Und da sagt Gott zu ihm, dass er ein Narr ist, weil er noch in dieser Nacht sterben wird und dass ihm dort, wo er dann sein wird, diese ganzen Reichtümer gar nichts nützen werden.“
„Und Sie meinen Herr Witte hat sich so verhalten wie dieser reiche Bauer?“
„Allerdings. Wissen Sie, bei uns im Gospelchor singt auch Marco Steinkämper und der hat einen kleinen Betrieb, eine Tischlerei. Er ist Meister und hat drei Angestellte. Vor ein paar Monaten hat er eine umfangreiche Holzlieferung von Witte bekommen, weil er einen großen Auftrag an Land gezogen hatte, einen kompletten Innenausbau mit Treppen, Türen, Rigips und Fußböden. Das war toll für seine Firma, nur hat der Kunde noch nicht bezahlt und die vielen kleinen Kunden sind teilweise abgesprungen, weil er über längere Zeit keine Aufträge annehmen konnte. Ihm steht das Wasser bis zum Hals, aber Witte bestand auf fristgerechter Zahlung und wenn seine Frau in dem Stil weitermacht, ist Marco Steinkämper in ein paar Wochen pleite. Es könnte doch sein, dass da irgendwem der Kragen geplatzt ist. Und wenn es nicht Marco war, dann vielleicht ein guter Freund, der meinte, ihm das schuldig zu sein oder einer seiner Gesellen.“
„Das wäre nicht undenkbar.“, gab Kerkenbrock ihr Recht. „Aber bitte, tun Sie mir den Gefallen und behalten Ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen vorerst für sich, auch in ihrem eigenen Interesse. Denn wenn der Mörder spitzkriegt, dass Sie über derartig umfangreiche Erkenntnisse verfügen, könnten Sie das nächste Opfer sein. Sagen Sie mir bitte Ihren Namen, Ihre Anschrift und Telefonnummer?“
„Aber selbstverständlich. Annerose Hecht.“
Die eifrige Zeugin reichte Kerkenbrock eine Visitenkarte und verließ würdig schreitend das Gebäude.
„Ich weiß ja nicht, was dieser üppige Paradiesvogel Ihnen verraten hat“, raunte Keller seiner jungen Kollegin ins Ohr, „aber ich habe gerade von der Spusi erfahren, dass an der Aufhängung auf ganz absonderliche Weise manipuliert worden ist.“
„Absonderlich inwiefern?“, fragte Kerkenbrock.
„Nun, der Täter oder die Täterin hat den den Haken im First, an dem das Nylonseil mit einem Bulinknoten eingehängt war unter Strom gesetzt. Die Hitze hat das Seil durchschmoren lassen, bis es zu schwach war, die schwergewichtige Krone zu halten. Den Zeitpunkt für den Absturz kann man berechnen, wenn man Ahnung davon hat und wenn nicht, kann man das sicherlich im Internet herausfinden..“
„Wie hat er denn den Haken unter Strom gesetzt?“
„Er hat an den Lichtleitungen manipuliert. Einen Draht an den Haken geführt und im passenden Moment den Lichtschalter betätigt.“
„Gibt das keinen Kurzschluss?“
„Kann man alles austricksen. Es ist ja auch kein Fi-Schutzschalter rausgeflogen. Es sollte wohl jemand zu Werke gegangen sein, der sich mit Elektrik gut auskennt – oder eben jemand, der sich lang und schmutzig in das Thema eingelesen hat. Vor allem aber jemand, der nach Anbringung der Krone Zugang zur Kirche hatte, über eine hohe Leiter verfügte und Gelegenheit hatte, lang und schmutzig an den Kabeln herumzubasteln.“
Inzwischen hatte Der Pfarrer endlich den Küster ausfindig gemacht, den er ebenso zur Rede stellen wollte, wie die Verantwortlichen der Feuerwehr. Die Information bezüglich der manipulierten Stromleitungen war noch nicht zu ihm durchgedrungen, er glaubte weiterhin an schlichte Schlamperei. Neben der Sakristei sprach er seinen Angestellten nun an.
„Hab ich Sie endlich Gefunden, Herr Kleemann.“, fauchte der Pfarrer. „Zuerst mähen Sie den Rasen nicht, weil Sie angeblich zu viel mit der Erntekrone zu tun haben und dann machen Sie das auch noch nicht einmal richtig! Und jetzt gibt es einen Toten. Ihnen ist ja wohl klar, dass die Kündigung damit jetzt endgültig fällig ist.“
„Wieso geben Sie mir die Schuld?“, zischte der Küster zurück. „Ich habe die Krone nicht aufgehängt, ich musste die Handwerker nur unterstützten: Licht an , Licht aus, Werkzeug holen, Leiter hier, Leiter da.“
„Sie sollten die Arbeiten überwachen. Für die Schlampereien sind Sie persönlich verantwortlich. Sie müssen gar nicht versuchen, sich herauszureden.“
„Für mich sah alles ganz normal aus, so wie im letzten Jahr. Vielleicht hat da jemand heimlich und absichtlich einen Fehler gemacht, weil er es auf Herrn Witte abgesehen hatte. Aber ich hatte nichts gegen Herrn Witte, der hat mich immer anständig behandelt.“
In den Augen des Küsters glitzerten Tränen. In seinem Kopf lief ein Film im Zeitraffer: Sein hoffnungsvoller Dienstantritt in der Gemeinde vor 14 Jahren, die Freude nicht nur Hausmeister zu sein, sondern auch ein geistliches Amt auszuüben, das hohes Ansehen genoss. Dann die ersten Demütigungen: Wie man selbstverständlich von ihm erwartet hatte, dass er jedes Problem ohne Unterstützung löste, er könne doch seine Familie mit einspannen, wenn er Hundebesitzer bat, ihre Tiere nicht auf die Wiese kacken zu lassen und von denen als Lakai beschimpft wurde, den man schließlich dafür bezahle, dass er die Scheiße wegräume, durfte er sich nicht wehren, sollte alles herunter schlucken und freundlich bleiben. Niemand setzte sich für ihn ein, man verlangte nur, dass alles funktionierte und das mit immer weniger Stunden, immer weniger ehrenamtlichen Helfern und immer geringeren Finanzmitteln für Werkzeug, Putzutensilien und so weiter. Zwei Mal war ihm in den vergangenen drei Jahren der Kragen geplatzt:er hatte sich einmal ermächtigt, ein Gemeindefest vorzeitig zu verlassen, ein anderes Mal Mitglieder des Presbyteriums mit einer Schimpftirade übergossen. Jedes Mal hatte er eine Abmahnung erhalten. Als er gestern klipp und klar gesagt hatte, dass er den Rasen erst am Montag mähen könne, weil er dafür am Samstag keine Zeit mehr habe, hatte der Pfarrer angedeutet, dass dies wohl der dritte Vorfall auf dem Weg zur Kündigung sei und einer solchen nun nichts mehr im Wege stehe. Jetzt stand der erbarmungslose Vorgesetzte ihm gegenüber und blaffte ihn an.
„Natürlich hat Herr Witte Sie anständig behandelt, wie im übrigen jeder hier in der Gemeinde. Der Einzige, der seine Mitmenschen hier nicht anständig behandelt, sind Sie!“
Wütend wandte der Pfarrer sich zum Gehen. Dann drehte er sich noch einmal um: „Und glauben Sie nicht, dass irgendeine Mitarbeitervertretung Sie noch einmal retten kann. Diesmal haben Sie einen Fehler gemacht, den Sie nicht mehr ausbügeln können.“
Der Pfarrer verschwand in der Sakristei. Der Küster blickte ihm nach und murmelte: „Ja, da ist mir wirklich ein schwerwiegender Fehler unterlaufen. Es hat leider den Falschen getroffen.“

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Freitag, 8. Juli 2016
Erbarmungslos - zweiteiliger Kurzkrimi – Teil II
Die Polizistin blickte irritiert von dem Lebenslauf auf und stellte fest: „Hier steht 2005 – 2010 Leitung der evangelischen Kita Kunterbunt.“
„Ja“, mischte die Leiterin der städtischen Kita sich ein. „So eine junge Erzieherin als Leitung finde ich auch unverantwortlich. Sicherlich hat sie daher ihren Größenwahn gehabt.“
Charlotte Schweppe war von der Nachricht, dass es nun die dritte Kollegin aus ihrer Einrichtung – wenn auch diesmal eine ehemalige – getroffen hatte, mehr als beunruhigt. „Schließlich war sie meine Vorgängerin:“, sagte sie zitternd. „Vielleicht läuft da irgendjemand mit einem Wahn herum, dass dieser Ort vom Teufel besessen ist. Wie kann ich meine Kolleginnen und mich denn vor weiteren Anschlägen schützen?“
„Sie müssen äußerst wachsam sein.“, erklärte Keller. „Und so gut es Ihnen möglich ist, mit uns zusammenarbeiten. Gibt es alte Geschichten? Themen, wo plötzlich alle betreten den Blick senken oder den Raum verlassen?“
„Na ja, Gerüchte gibt es in einem Laden, in dem praktisch nur Frauen arbeiten immer.“, seufzte die Leiterin. „Ich kann mich ja mal umhören, ob vor meiner Zeit etwas Besonderes vorgefallen ist.“
Es klopfte an der Tür. Eine junge Mitarbeiterin trat ein, eine aparte Erscheinung, die allerdings noch nicht ganz realisiert hatte, dass mit dem Eintritt in die dritte Lebensdekade das Girlie-Dasein endgültig beendet ist.
„Ist es wirklich wahr, dass jetzt auch noch Nicole Potthoff ermordet wurde?“, fragte sie mit großen angstvollen Augen und entsetzlich gekünstelter Piepsstimme.
„Ja.“, erwiderte Charlotte Schweppe betroffen. Und wandte sich dann an die Polizeibeamten. „Das ist meine Kollegin Denise Reuter. Komm doch rein Denise. Kannst du dich an irgendeine Geschichte aus der Vergangenheit erinnern, die uns jetzt einholt? Irgendeine Idee, wer hinter diesen gemeinen Morden stecken könnte?“
„Nein.“, piepste Denise Reuter, „Woher soll ich das wissen? Ich bin ja schließlich auch erst seit sieben Jahren hier.“
„Dann können Sie sich also noch an die Amtszeit von Frau Potthoff erinnern?“, fragte Keller.
„Ja, natürlich. Wir haben ein Jahr lang zusammengearbeitet.“
„Und warum ist sie gegangen?“
Denise Reuter zuckte mit den Schultern und blickte betont unschuldig drein. „Das weiß ich nicht mehr.“, sagte sie. „Ich schätze sie wollte einfach woanders Erfahrungen sammeln, um sich beruflich weiter zu entwickeln.“
„Aber wenn Sie gar keine Ahnung haben, was dahinter stecken könnte, warum haben Sie dann so große Angst, Frau Reuter?“, fragte Kerkenbrock.
Denise Reuter errötete Feuermelder-artig. „Ich weiß nicht, vielleicht, weil alle getöteten Frauen hier arbeiten oder gearbeitet haben. Ich verstehe es ja auch nicht. Die einzige, die etwas gegen uns haben könnte, ist Susanne Schnarre. Aber ich kann mir irgendwie weder vorstellen, dass die den Mut hat, Leute zu ermorden noch dass sie es sich leisten kann, jemanden dafür zu bezahlen.“
„Wer bitte ist Susanne Schnarre?“, fragte Keller.
„Eine ehemalige Kollegin.“, erklärte die Erzieherin. „Sie ist ein halbes Jahr vor Nicole gegangen.“
„Und warum?“
„Sie war krank.“
„Woran war sie erkrankt?“
„Irgendwas psychisches. So genau weiß ich das auch nicht mehr. Auf jeden Fall konnte man nicht mehr mit ihr arbeiten, es wurde immer schlimmer und irgendwann ist sie in der Psychiatrie gelandet.“
„Gab es einen Zusammenhang zwischen ihrer psychischen Erkrankung und Konflikten am Arbeitsplatz?“
„Kann sein.“, erklärte Denise Reuter. „Wir hatten ja alle Schwierigkeiten mit ihr, niemand wollte gern mit ihr zusammenarbeiten. Sie ging allen auf die Nerven, weil sie nichts geregelt kriegte, einen merkwürdigen Umgang mit den Kindern hatte, denn sie war oft viel zu ungeduldig und bei ihren Vorschlägen in den Team-Sitzungen stellten sich uns regelmäßig die Nackenhaare auf. Wir waren schon froh, als sie endlich weg war, es ging einfach nicht mit ihr.“
Die Beamten ließen sich von Charlotte Schweppe die Personalakte von Susanne Schnarre geben. Nachdem auch andere ältere Kolleginnen die Eindrücke von Frau Reuter bestätigt hatten, machten sie sich zu der angegebenen Adresse der verdächtigen Person auf.
Susanne Schnarre bewohnte mit ihrem Mann und ihrem Sohn eine großzügige Wohnung im gleichen Innenstadtviertel, in dem auch Stefan Keller lebte. Die Frau war ihm in der Vergangenheit schon häufiger aufgefallen, wenn er gelegentlich an freien Vormittagen auf dem Wochenmarkt eingekauft hatte. Sie war stark übergewichtig und ihr zusätzlich wie von Medikamenten aufgedunsenes Gesicht wurde von einer unvorteilhaften Frisur in einem extrem künstlichen Dunkelblond-Ton eingerahmt. Sie trug legere Kleidung in schreienden Farben und blickte, nachdem die Beamten sich vorgestellt hatten, unruhig von einem zum anderen. Ihre Festnahme gestaltete sich hochdramatisch, weil sie sich berechtigterweise um ihr Kind sorgte, dessen Vater noch bei der Arbeit war. Sie durfte den Jungen mitnehmen, der Vater könne ihn ja später abholen, versicherte Kerkenbrock.
Sie warteten mit dem Verhör, bis der Vater das Kind abholen konnte und begannen schon einmal mit der Dokumentation ihrer bisherigen Vorgehensweise – zu der Befragung sollte es nicht mehr kommen.
Die letzten aufgeregten Kinderstimmen waren verklungen in der Kita Kunterbunt und Charlotte Schweppe war beim Spätdienst von Denise Reuter unterstützt worden. Die verließ nun die Einrichtung und steuerte auf ihren Libido-roten Austin Mini zu. Sie wunderte sich, dass beim Drücken der ferngesteuerten Türentriegelung kein Schnappen zu vernehmen war. „Oh“, dachte sie. „Hab ich vergessen abzuschließen oder ist die Fernsteuerung kaputt?“ , doch die Fahrertür ließ sich problemlos öffnen.
Sie warf ihre Handtasche auf den Beifahrersitz, legte den Sicherheitsgurt an und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Plötzlich war da Bewegung im Auto und alles geschah blitzschnell. Etwas Dünnes, Hartes drückte gegen ihre Kehle und schnürte ihr langsam die Luft ab. Sie griff danach, doch es war ihr unmöglich mit den Fingern zwischen den dünnen Draht und ihre Hals zu gelangen. Panisch versuchte sie um Hilfe zu schreien, als plötzlich ein ohrenbetäubendes, berstendes Geräusch hinter ihr ertönte und der Druck auf ihren Hals sich lockerte. Eine Tür wurde aufgerissen und jemand lief weg. Dann wurde die Fahrertür geöffnet. Es war Charlotte, die sich über sie beugte und den Sicherheitsgurt löste. „Komm da raus, Denise.“, sagte sie. „Sie können dir nichts mehr tun. Wir gehen rein und ich rufe einen Krankenwagen.“
Im Augenwinkel nahm die junge Frau wahr, dass jemand auf dem Rücksitz saß. Sie fuhr herum: Es war eine alte Frau, die mit leerem Blick unter das Autodach starrte. Aus ihrer Schläfe sickerte Blut und neben ihr lag ein Ziegelstein. Und dann schrie sie und glaubte, sie würde nie wieder damit aufhören.
Bereits eine Stunde später hatte die Polizei den zweiten Attentäter ausfindig gemacht, es handelte sich um den Ehemann der Frau, die versucht hatte, Denise Reuter mit einer Gitarrensaite zu garrottieren. Die Frau hatte Charlotte Schweppes Maßnahme zur Rettung ihrer Kollegin nicht überlebt. Der in das hintere Seitenfenster geworfene Ziegelstein sollte nur den Mord verhindern, nicht die Täterin töten, aber das war nicht zu vermeiden gewesen. Der Ehemann, der in Panik geflüchtet war, hatte sich kurz darauf der Polizei gestellt. Sein Name war Erwin Bruns, er war der Vater von Susanne Schnarre. Er legte ein umfassendes Geständnis ab:
„Meine Frau und ich konnten nicht länger hinnehmen, dass unsere Tochter von diesen Hyänen systematisch zugrunde gerichtet worden ist und die einfach so weitermachten, als wäre nichts passiert.“
„Was ist denn damals passiert?“, fragte Keller.
„Meine Tochter hat 1999 angefangen in dem Kindergarten zu arbeiten. Damals gehörte er noch zur Kirchengemeinde, wurde von einem Pastor und einer Presbyterin begleitet, die Leiterin war eine nette, erfahrene, ältere Dame und im Kindergarten mussten sie sich damals ja auch noch nicht so überschlagen mit Aufbewahrung von 7-16 Uhr, für Kinder ab 3 Monaten und den ganzen Anforderungen, dass die Kinder schon ganz viel lernen müssen, damit man später in der Schule noch mehr in sie rein stopfen kann. Dann ging 2005 Frau Nolte in Ruhestand und die Potthoff kam und das war der Anfang vom Ende. Sie war jünger als meine Tochter und machte sich immer über sie lustig, so als wäre sie vollkommen von gestern, weil sie nicht mit durch die Kneipen und Diskotheken zog, sich am Wochenende nicht betrinken wollte und nicht wie die Potthoff durch sämtliche Betten rutschte, obwohl ich persönlich ja glaube, dass ihre Liebhaber sich diese Trulla regelmäßig schön trinken mussten. Jedenfalls hat diese Leiterin meine Tochter auch bei den Kolleginnen immer wieder schlecht gemacht, bis sie alle gegen sich hatte. Am schlimmsten waren die ganz jungen Mädels, also die Reuter und die Dünker. Das waren fast noch Backfische und dazu dumm wie Brot und furchtbar eingebildet. Aber auch die Depenbrock hat fleißig mit gemobbt, obwohl die damals auch schon fast vierzig war und verantwortlich für zwei kleine Kinder. Am Ende ist meine Tochter zusammengebrochen und sie hat sich bis heute nicht davon erholt. Sie muss immer noch hohe Dosen Antidepressiva einnehmen, davon ist sie auseinandergegangen wie ein Hefekloß, regelmäßige Klinikaufenthalte bringen ihr Familienleben durcheinander und gefährden ihre Ehe. Sie war eine liebenswerte, fleißige Familienmutter, ein anständiges funktionierendes Glied der Gesellschaft und da fallen so ein paar nichtsnutzige Hyänen über sie her und fressen ihre Seele, und niemand kommt auf die Idee, sie zu bestrafen. Zu der Zeit, als die Potthoff anfing, hatten sie die Kindergärten alle zentralisiert, der Pfarrer kümmerte sich nicht mehr so wie vorher und die Leitung dieser ganzen vielen Einrichtungen bekam überhaupt nichts mit von dem, was da lief. Ich bin da mal im Büro aufgelaufen, aber da hätte ich genauso gut eine Parkuhr voll quatschen können. Da haben meine Frau und ich den Entschluss gefasst, unsere Tochter zu rächen. Wir wollten ein Exempel statuieren, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Leider ist die Letzte davon gekommen und stattdessen hat es mein Frau erwischt. Das bedaure ich aus tiefster Seele. Und dass ich meinen Enkel nicht aufwachsen sehen werde, das tut mir auch Leid. Aber sonst bedaure ich nichts.“
Kerkenbrock bezweifelte, dass Susanne Schnarres Eltern ihrer Tochter oder auch der Menschheit einen Gefallen getan hatten. Die Tochter würde durch den gewaltsamen und unehrenhaften Verlust der Mutter und die Straffälligkeit ihres Vaters nur zusätzlich belastet, das hatten die Eltern in ihrer grenzenlosen Verzweiflung nicht bedacht. „So viel Leid.“, dachte sie, „und nur weil niemand rechtzeitig eingegriffen hat.“
Keller vermied es in der folgenden Zeit, auf dem Wochenmarkt einzukaufen. Er wollte Susanne Schnarre nicht in die Augen sehen müssen, auch wenn er keine Schuld an ihrem Elend trug. Für sie zählte er zu denen, die ihr wehgetan hatten.
ENDE

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