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Freitag, 1. Juli 2016
Erbarmungslos - zweiteiliger Kurzkrimi – Teil I
c. fabry, 18:37h
Der Geruch war so entsetzlich, wie es in einem derartigen, anonymen Wohnsilo bei der gegenwärtigen sommerlichen Schwüle zu erwarten war. Hier fühlte sich niemand für irgendetwas oder irgendwen außerhalb seiner eigenen, privaten Wohnräume verantwortlich. Es stank nach Urin, saurer Milch und geronnenem Blut, von dem sich eine gewaltige Pfütze auf dem Boden ausgebreitet hatte. Die Leiche der jungen Frau lag zwar in der halb geöffneten Wohnungstür, aber ihre Mitbewohner hatten sie entweder beim Verlassen der eigenen Wohnungen oder bei der Rückkehr in dieselben nicht bemerkt oder – was wahrscheinlicher war – ignoriert, weil Hilfestellung Ärger mit sich bringen konnte oder zumindest den persönlichen Zeitplan durcheinander brachte.
In einem weißen Overall trat Kriminalkommissarin Sabine Kerkenbrock aus der Wohnung und sah ihren ranghöheren Kollegen herausfordernd an. „Na, Herr, Keller? Auch schon am Tatort?“, fragte sie keck.
„Ich hatte noch einen Arzttermin“, entschuldigte Stefan Keller sich. „Aber Sie haben in der Zwischenzeit doch sicherlich schon alle wesentlichen Spuren zusammengetragen und mir eine Menge zu erzählen.“
„In der Tat.“, erwiderte die junge Polizistin. „Das Opfer heißt Nadine Dünker, 28 Jahre alt, alleinstehend, Erzieherin in einer Kindertageseinrichtung. Die Einrichtungsleitung hat ihr heute Morgen auf den AB gesprochen, weil sie nicht zur Arbeit erschienen ist. Wir können gleich dorthin fahren und erste Gespräche führen, denn von der Familie, deren Nummern im Adressbuch stehen, haben wir noch niemanden erreicht. Ach ja, Konstanze Flegel meint, sie muss gestern Abend, etwa gegen 23 Uhr mit mehreren Messerstichen getötet worden sein. Sie hat dem Täter selbst die Tür geöffnet und ist dann hier im Eingangsbereich niedergestochen worden. Von den Nachbarn hat niemand etwas gemerkt, nur ein früher Paketbote, der ein Stockwerk höher etwas abgeben wollte, hat die Tote gefunden.“
In der KiTa herrschte blankes Entsetzen. Alle beschrieben Nadine Dünker als eine lebenslustige junge Frau, bei den Kindern und den Kolleginnen gleichermaßen beliebt, attraktiv und sympathisch, aber auch keine leichtsinnige Partylöwin, die an jedem Wochenende eine andere Zufallsbekanntschaft aus der Disco abgeschleppt hätte. Niemand hatte den Hauch einer Ahnung, wer einen Grund gehabt hätte, ihr das anzutun.
Sie hatten nach zwei Tagen noch keinen nennenswerten Ermittlungsansatz, da wurde die nächste Frauenleiche aufgefunden: Anja Depenbrock, 45 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, war beim abendlichen Joggen mit einem Stein erschlagen worden. Normalerweise hätten die ermittelnden Beamten keinen Zusammenhang hergestellt: der erste Mord geschah im Stadtgebiet, der zweite im ländlichen Umfeld. Das erste Opfer war jung und alleinstehend gewesen, das zweite eine gestandene Familienfrau. Der erste Mord geschah in den eigenen vier Wänden, der zweite in der Öffentlichkeit; das erste Opfer war niedergestochen worden, das zweite erschlagen. Doch es gab zwei wesentliche Gemeinsamkeiten: erstens grenzenlose Brutalität, die auf ungezügelte Wut deutete und zweitens der gemeinsame Arbeitsplatz der beiden Frauen: Die Kita Kunterbunt des Evangelischen Trägerverbundes im Stadtgebiet.
Die Einrichtungsleiterin Charlotte Schweppe fühlte sich sichtlich unbehaglich, als die Beamten zum zweiten Mal bei ihr vorstellig wurden.
„Ich habe absolut keine Idee, was hier vor sich geht.“, erklärte sie. „Offen gestanden sind wir neben der Trauer und dem Entsetzen im Moment auch viel zu sehr damit beschäftigt, die Ausfälle zu kompensieren. Beide Kolleginnen sind voll eingeplant und zwei weitere befinden sich zur Zeit im Jahresurlaub, die kann ich auch nicht zurückholen, die eine ist ohne Handy auf Wandertour in Schottland unterwegs, die andere liegt in Thailand am Strand.“
„Seit wann können Hungerlohn-gebeutelte Erzieherinnen sich so kostspielige Ferien leisten?“, fragte Keller hellhörig.
„Gute Frage.“, antwortete Charlotte Schweppe. Unsere Schottland-Expertin lebt so reduziert, dass sie praktisch nur die Anreise finanzieren muss: wandern, zelten, einkaufen im Supermarkt und selbst kochen. Die andere Kollegin ist mit einem Pfarrer verheiratet. Noch Fragen?“
„Ja.“, erklärte Keller, „aber keine die das Urlaubsverhalten ihrer Mitarbeiterinnen betreffen. Gibt es in ihrem Team vielleicht eine Kollegin, die die beiden im Visier hatte? Oder gab es in der letzten Zeit auffällige Helikopter-Eltern, die ihre Kolleginnen möglicherweise für eine Fehlentwicklung bei ihrem Kind verantwortlich machten?“
Die Leiterin überlegte kurz, schüttelte dann aber entschieden den Kopf. „Nein, solche Geschichten hört man ja immer wieder, sowohl von Zickenkrieg unter Kolleginnen als auch von besagten Übereltern, die überall mitbestimmen wollen und immer etwas zu nörgeln haben und die Defizite ihrer selbst verzogenen Kinder der Kita ankreiden. Aber ich bin jetzt schon einige Jahre hier und habe so etwas noch nicht erleben müssen.“
„Wie sieht denn der Stellenplan aus?“, fragte Kerkenbrock. „Vollzeit, Teilzeit, befristet, unbefristet und so weiter.“
„Also bis auf unsere Jahrespraktikantin und eine Berufseinsteigerin sind alle unbefristet beschäftigt. Anja hatte eine halbe Stelle, genauso wie Karin – die ist gerade in Thailand – und Janine, die ist vor einem Jahr nach der zweiten Schwangerschaft wieder eingestiegen.“
„Das heißt, niemand mit Teilzeitbeschäftigung sehnt sich nach einer vollen Stelle?“
„Doch, Franziska, das habe ich vergessen. Sie ist erst seit kurzem bei diesem Träger und im Sozialplan ganz unten. Als im letzten Herbst mehr Kinder gingen als dazu kamen, mussten wir eine viertel Stelle abgeben und da war Franziska dran. Normalerweise einigen wir uns im Team, wer vorübergehend mal ein paar Stunden abgeben möchte, manchmal passt das ja ganz gut in die Lebensplanung, aber diesmal wollte keine verzichten, da hat es eben Franziska getroffen. Wenn die Anmeldezahlen wieder steigen, kann sie aber wieder aufstocken. Sie hätte auch ein paar Stunden in einer anderen Kita dazunehmen können, aber dazu hatte sie keine Lust.“
„In welcher anderen Kita?“, fragte Keller.
„Das weiß ich nicht mehr.“, erwiderte die Erzieherin. „Da ist ja ständig alles in Bewegung. Wir sind alle zentral angestellt und werden nach Bedarf auf die Einrichtungen verteilt oder lösen das Problem mit flexiblen Stundenkontingenten. Es gibt immer welche, die sich gelegentliche Reduzierungen leisten können.“
„Da kommt eine Menge Arbeit auf uns zu.“, erklärte Keller im Auto. „Wir müssen etwa zweihundert Beschäftigte überprüfen, von denen vermutlich ein Drittel in Teilzeit arbeitet und im Detail herauszukriegen, wer von denen das wirklich freiwillig tut, erfordert ein wenig Fingerspitzengefühl.“
„Glauben Sie wirklich, eine Erzieherin mordet, um ihr Stundenkontingent aufzustocken? Wer braucht denn bitte schön eine Aufstockung von eineinhalb Stellen?“
Die systematische Überprüfung der Erzieherinnen des Evangelischen Trägers stellten sie hintenan, als zwei Tage später die dritte Frauenleiche auftauchte, die mit Benzin übergossen und angezündet worden war. Es handelte sich auch bei dieser um eine Erzieherin, allerdings um eine, die zurzeit ohne Beschäftigung war. Sie lebte allein, war siebenunddreißig Jahre alt und hatte stapelweise Bewerbungen geschrieben, nachdem sie vor drei Monaten ihr Arbeitsverhältnis auf eigenen Wunsch beendet hatte. Keller und Kerkenbrock suchten die städtische Kita am Rosengarten auf und sprachen mit der Leiterin. Die erklärte: „Frau Potthoff ist es in den zweieinhalb Jahren, die sie bei uns war, nicht gelungen, sich in das Team einzufinden. Ich habe mittlerweile mit der Einrichtung telefoniert, bei der sie vor ihrer mehrmonatigen Arbeitslosigkeit und dem Beschäftigungsverhältnis bei uns angestellt war. Sie hatte es mal in der ostwestfälischen Provinz versucht, ist da aber wohl überall angeeckt, weil ihr immer alles nicht professionell genug war, aber niemand auf ihre Verbesserungsvorschläge eingehen wollte. So ähnlich hat sie damals ihren Wechsel zu uns auch erklärt, aber auch damit, dass es sie zurück in die Großstadt zog. Doch das Problem, das sie bei den von ihr so bezeichneten Landpomeranzen hatte, hatte sie offensichtlich auch bei uns.“
„Haben Sie ihre Bewerbungsunterlagen noch da?“
„Ja, selbstverständlich.“, antwortete die Leiterin und stellte sie den Beamten zur Verfügung. Beim Lesen der Unterlagen riss Kerkenbrock plötzlich die Augen auf.
ENDE TEIL I – Fortsetzung folgt am 08.07.
In einem weißen Overall trat Kriminalkommissarin Sabine Kerkenbrock aus der Wohnung und sah ihren ranghöheren Kollegen herausfordernd an. „Na, Herr, Keller? Auch schon am Tatort?“, fragte sie keck.
„Ich hatte noch einen Arzttermin“, entschuldigte Stefan Keller sich. „Aber Sie haben in der Zwischenzeit doch sicherlich schon alle wesentlichen Spuren zusammengetragen und mir eine Menge zu erzählen.“
„In der Tat.“, erwiderte die junge Polizistin. „Das Opfer heißt Nadine Dünker, 28 Jahre alt, alleinstehend, Erzieherin in einer Kindertageseinrichtung. Die Einrichtungsleitung hat ihr heute Morgen auf den AB gesprochen, weil sie nicht zur Arbeit erschienen ist. Wir können gleich dorthin fahren und erste Gespräche führen, denn von der Familie, deren Nummern im Adressbuch stehen, haben wir noch niemanden erreicht. Ach ja, Konstanze Flegel meint, sie muss gestern Abend, etwa gegen 23 Uhr mit mehreren Messerstichen getötet worden sein. Sie hat dem Täter selbst die Tür geöffnet und ist dann hier im Eingangsbereich niedergestochen worden. Von den Nachbarn hat niemand etwas gemerkt, nur ein früher Paketbote, der ein Stockwerk höher etwas abgeben wollte, hat die Tote gefunden.“
In der KiTa herrschte blankes Entsetzen. Alle beschrieben Nadine Dünker als eine lebenslustige junge Frau, bei den Kindern und den Kolleginnen gleichermaßen beliebt, attraktiv und sympathisch, aber auch keine leichtsinnige Partylöwin, die an jedem Wochenende eine andere Zufallsbekanntschaft aus der Disco abgeschleppt hätte. Niemand hatte den Hauch einer Ahnung, wer einen Grund gehabt hätte, ihr das anzutun.
Sie hatten nach zwei Tagen noch keinen nennenswerten Ermittlungsansatz, da wurde die nächste Frauenleiche aufgefunden: Anja Depenbrock, 45 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, war beim abendlichen Joggen mit einem Stein erschlagen worden. Normalerweise hätten die ermittelnden Beamten keinen Zusammenhang hergestellt: der erste Mord geschah im Stadtgebiet, der zweite im ländlichen Umfeld. Das erste Opfer war jung und alleinstehend gewesen, das zweite eine gestandene Familienfrau. Der erste Mord geschah in den eigenen vier Wänden, der zweite in der Öffentlichkeit; das erste Opfer war niedergestochen worden, das zweite erschlagen. Doch es gab zwei wesentliche Gemeinsamkeiten: erstens grenzenlose Brutalität, die auf ungezügelte Wut deutete und zweitens der gemeinsame Arbeitsplatz der beiden Frauen: Die Kita Kunterbunt des Evangelischen Trägerverbundes im Stadtgebiet.
Die Einrichtungsleiterin Charlotte Schweppe fühlte sich sichtlich unbehaglich, als die Beamten zum zweiten Mal bei ihr vorstellig wurden.
„Ich habe absolut keine Idee, was hier vor sich geht.“, erklärte sie. „Offen gestanden sind wir neben der Trauer und dem Entsetzen im Moment auch viel zu sehr damit beschäftigt, die Ausfälle zu kompensieren. Beide Kolleginnen sind voll eingeplant und zwei weitere befinden sich zur Zeit im Jahresurlaub, die kann ich auch nicht zurückholen, die eine ist ohne Handy auf Wandertour in Schottland unterwegs, die andere liegt in Thailand am Strand.“
„Seit wann können Hungerlohn-gebeutelte Erzieherinnen sich so kostspielige Ferien leisten?“, fragte Keller hellhörig.
„Gute Frage.“, antwortete Charlotte Schweppe. Unsere Schottland-Expertin lebt so reduziert, dass sie praktisch nur die Anreise finanzieren muss: wandern, zelten, einkaufen im Supermarkt und selbst kochen. Die andere Kollegin ist mit einem Pfarrer verheiratet. Noch Fragen?“
„Ja.“, erklärte Keller, „aber keine die das Urlaubsverhalten ihrer Mitarbeiterinnen betreffen. Gibt es in ihrem Team vielleicht eine Kollegin, die die beiden im Visier hatte? Oder gab es in der letzten Zeit auffällige Helikopter-Eltern, die ihre Kolleginnen möglicherweise für eine Fehlentwicklung bei ihrem Kind verantwortlich machten?“
Die Leiterin überlegte kurz, schüttelte dann aber entschieden den Kopf. „Nein, solche Geschichten hört man ja immer wieder, sowohl von Zickenkrieg unter Kolleginnen als auch von besagten Übereltern, die überall mitbestimmen wollen und immer etwas zu nörgeln haben und die Defizite ihrer selbst verzogenen Kinder der Kita ankreiden. Aber ich bin jetzt schon einige Jahre hier und habe so etwas noch nicht erleben müssen.“
„Wie sieht denn der Stellenplan aus?“, fragte Kerkenbrock. „Vollzeit, Teilzeit, befristet, unbefristet und so weiter.“
„Also bis auf unsere Jahrespraktikantin und eine Berufseinsteigerin sind alle unbefristet beschäftigt. Anja hatte eine halbe Stelle, genauso wie Karin – die ist gerade in Thailand – und Janine, die ist vor einem Jahr nach der zweiten Schwangerschaft wieder eingestiegen.“
„Das heißt, niemand mit Teilzeitbeschäftigung sehnt sich nach einer vollen Stelle?“
„Doch, Franziska, das habe ich vergessen. Sie ist erst seit kurzem bei diesem Träger und im Sozialplan ganz unten. Als im letzten Herbst mehr Kinder gingen als dazu kamen, mussten wir eine viertel Stelle abgeben und da war Franziska dran. Normalerweise einigen wir uns im Team, wer vorübergehend mal ein paar Stunden abgeben möchte, manchmal passt das ja ganz gut in die Lebensplanung, aber diesmal wollte keine verzichten, da hat es eben Franziska getroffen. Wenn die Anmeldezahlen wieder steigen, kann sie aber wieder aufstocken. Sie hätte auch ein paar Stunden in einer anderen Kita dazunehmen können, aber dazu hatte sie keine Lust.“
„In welcher anderen Kita?“, fragte Keller.
„Das weiß ich nicht mehr.“, erwiderte die Erzieherin. „Da ist ja ständig alles in Bewegung. Wir sind alle zentral angestellt und werden nach Bedarf auf die Einrichtungen verteilt oder lösen das Problem mit flexiblen Stundenkontingenten. Es gibt immer welche, die sich gelegentliche Reduzierungen leisten können.“
„Da kommt eine Menge Arbeit auf uns zu.“, erklärte Keller im Auto. „Wir müssen etwa zweihundert Beschäftigte überprüfen, von denen vermutlich ein Drittel in Teilzeit arbeitet und im Detail herauszukriegen, wer von denen das wirklich freiwillig tut, erfordert ein wenig Fingerspitzengefühl.“
„Glauben Sie wirklich, eine Erzieherin mordet, um ihr Stundenkontingent aufzustocken? Wer braucht denn bitte schön eine Aufstockung von eineinhalb Stellen?“
Die systematische Überprüfung der Erzieherinnen des Evangelischen Trägers stellten sie hintenan, als zwei Tage später die dritte Frauenleiche auftauchte, die mit Benzin übergossen und angezündet worden war. Es handelte sich auch bei dieser um eine Erzieherin, allerdings um eine, die zurzeit ohne Beschäftigung war. Sie lebte allein, war siebenunddreißig Jahre alt und hatte stapelweise Bewerbungen geschrieben, nachdem sie vor drei Monaten ihr Arbeitsverhältnis auf eigenen Wunsch beendet hatte. Keller und Kerkenbrock suchten die städtische Kita am Rosengarten auf und sprachen mit der Leiterin. Die erklärte: „Frau Potthoff ist es in den zweieinhalb Jahren, die sie bei uns war, nicht gelungen, sich in das Team einzufinden. Ich habe mittlerweile mit der Einrichtung telefoniert, bei der sie vor ihrer mehrmonatigen Arbeitslosigkeit und dem Beschäftigungsverhältnis bei uns angestellt war. Sie hatte es mal in der ostwestfälischen Provinz versucht, ist da aber wohl überall angeeckt, weil ihr immer alles nicht professionell genug war, aber niemand auf ihre Verbesserungsvorschläge eingehen wollte. So ähnlich hat sie damals ihren Wechsel zu uns auch erklärt, aber auch damit, dass es sie zurück in die Großstadt zog. Doch das Problem, das sie bei den von ihr so bezeichneten Landpomeranzen hatte, hatte sie offensichtlich auch bei uns.“
„Haben Sie ihre Bewerbungsunterlagen noch da?“
„Ja, selbstverständlich.“, antwortete die Leiterin und stellte sie den Beamten zur Verfügung. Beim Lesen der Unterlagen riss Kerkenbrock plötzlich die Augen auf.
ENDE TEIL I – Fortsetzung folgt am 08.07.
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Sonntag, 26. Juni 2016
Liebe Kurzkrimi-LeserInnen!
c. fabry, 19:15h
Ab sofort schaffe ich es nur noch wöchentlich, eine neue Geschichte einzustellen, weil ich mich auf mein neues Buchprojekt , den Krimi „Ich hab den Ausbau nicht gewollt!“ konzentrieren will. Ich werde meinen Blog trotzdem täglich aktualisieren, damit ich nicht verschwinde :-)
Und ich hoffe, die geringere Schlagzahl wirkt sich positiv auf die Qualität aus. Hoffentlich habt Ihr / haben Sie weiterhin Spaß beim Lesen.
Und ich hoffe, die geringere Schlagzahl wirkt sich positiv auf die Qualität aus. Hoffentlich habt Ihr / haben Sie weiterhin Spaß beim Lesen.
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Samstag, 25. Juni 2016
Rattenloch - Prolog aus dem Kriminalroman „Brauseflocken – totes Kind, liebes Kind“ von Cristina Fabry
c. fabry, 15:21h
„Jetzt lass ich dich da oben verhungern!“, krakeelte der große Junge und sie glaubte ihm, denn er war viel größer und schwerer als sie und sie hatte keine Chance von der riesigen Wippe herunter zu klettern.
„Is' doch langweilig.“, maulte das große Mädchen von unten. „Wieso spielen wir nicht woanders?“
„Au ja, ich weiß was!“, rief der Junge und stieg so schnell von der Wippe, dass sie krachend hinunter sauste. Es fühlte sich so an, als würde alles in ihrem Bauch von unten nach oben bis in den Kopf gedrückt.
„Los, wir klettern auf den Heuboden!“, rief er.
„Wie denn?“, fragte das große Mädchen.
„Über die Schweinewaage. Ich mach Räuberleiter für dich. Vom Dach aus kriechen wir unters Scheunendach und dann sind wir schon oben.“
„Und die Kleine?“
„Na, dann nehmen wir die eben mit.“
„Ich darf aber nicht aufs Dach klettern.“
„Egal. Wir dürfen uns nur nicht erwischen lassen. Müssen wir eben leise sein.“
Die großen Kinder schnappten sie. Ihre Beine zitterten noch vom Wippen-Absturz, sie wollte nicht klettern, hatte Angst, herunter zu fallen. Doch alles ging so schnell: Mit der Räuberleiter half der große Junge dem großen Mädchen aufs Dach, dann hob er das kleine Mädchen hoch und das große Mädchen zog an ihren Händen.
„Los, streng dich mal ‘n bisschen an!“, keuchte der Junge. Das kleine Mädchen gab alles. Sie war es nicht gewohnt, Widerstand zu leisten.
Schließlich krochen die Kinder zwischen dem Bitumen-gedeckten Dach der Schweinewaage und dem Überstand des Scheunendachs auf den Heuboden. Hier war es ein bisschen unheimlich, aber auch gemütlich. Die Heuballen dämpften jedes Geräusch, durch die kleinen Giebelfenster drang nur ein Bruchteil des draußen gleißenden Sonnenlichts ein, die Luft war dämmrig, staubig und duftete nach Sommerhitze. Das kleine Mädchen war aufgeregt, beeindruckt von der eigenen Leistung, an so einen spannenden Ort gelangt zu sein. Sie plapperte mit lauter Stimme drauf los: „Hier können wir klettern und von oben ins Heu springen oder ein Sofa bauen.“ Sie hüpfte begeistert wie ein Gummiball.
„Sei still!“, zischte der große Junge. „Wenn die Großen uns hören, werden wir erwischt und dann verkloppt Mama mich mit dem Teppichklopfer.“
„Unser Papa macht das bei mir immer mit der Zeitung.“, erwiderte das große Mädchen.
„Wenn ich sie von Papa kriege“, sagte der Junge, „nimmt er seinen Gürtel. Oder er haut mich einfach mit der Hand.“
Das kleine Mädchen machte große Augen, die älteren Kinder waren ihr unheimlich. Sie wollte von diesem Ort verschwinden. Ihre Beine begannen wieder zu zittern, aber irgendetwas hinderte sie daran, ihren Wunsch laut auszusprechen. Stattdessen fragte sie: „Was spielen wir denn jetzt?“
„Pssst!“, machte der Junge, dann flüsterte er: „Wir spielen Zirkus. Ich bin der Pferdebändiger und du bist das Pferd. Und da ist der Direktor.“ Er zeigte auf das große Mädchen. Die rückte einen Heuballen auf die freie Fläche und flüsterte: „Meine Damen und Herren, hier kommt die Pferdenummer!“
Der Junge sah sich um und entdeckte zwei Stricke aus Hanf. Den einen band er dem kleinen Mädchen um den Hals, so dass sie praktisch an der Lounge lief, den anderen setzte er als Peitsche ein. „So Pferdchen“, zischte er, „immer schön im Kreis laufen.“ Er stellte sich auf den Heuballen und peitschte mit dem kurzen Strick auf den Boden. Das kleine Mädchen lief im Kreis, als ginge es um sein Leben. Sie sagte sich, dass dies sicher nur ein lustiges Spiel sei und lachte hysterisch. Dann traf sie der peitschende Strick auf dem Rücken. Ihr Lachen erstarb. Das große Mädchen sagte: „Du hast sie getroffen. Mit der Peitsche.“
„Na und?“, erwiderte der Junge. Dann zog er an der Lounge und machte „Brrr.“
Das kleine Mädchen blieb stehen. Sie rang nach Luft, hustete und griff sich an den Hals. Das große Mädchen sprang herbei und lockerte die Schlinge. „Braves Pferdchen.“, beruhigte sie sie.
„Jetzt lassen wir das Pferdchen springen.“, flüsterte der Junge. „Los, nimm Anlauf und dann spring über den Heuballen!“
Das kleine Mädchen nahm Anlauf, sprang ab, blieb aber mit dem linken Fuß am Heuballen hängen und stürzte mit dem Gesicht zuerst ins trockene Heu. Die Schlinge hatte sich wieder zugezogen und die reduzierte Luft, die sie durch die verengte Luftröhre einatmete, war staubig und stickig. Mit letzter Kraft entfuhr ihr ein panischer Aufschrei. Der Junge schwang die Peitsche, einmal auf den Rücken, einmal auf die nackten Beine.
„Du sollst sie nicht hauen!“, rief das große Mädchen.
„Wenn ich sie haue, ist sie still.“, rechtfertigte der Junge sich, eilte zu dem kleinen Mädchen, lockerte die Schlinge um den Hals und fasste sie unter die Achseln, um sie wieder auf die Beine zu stellen. Er baute sich vor dem kleinen Mädchen auf und schlug ihr mit dem Strick von vorn auf die Beine. Sie wimmerte.
„Jetzt springst du nochmal, Pferdchen.“, flüsterte der Junge mit eiskalter Stimme und seine Augen funkelten bedrohlich. Sie waren groß und eisblau und das kleine Mädchen hatte trotz der Sommerhitze das Gefühl, unter diesem Eisesblick zu erfrieren.
„Wenn du es wieder nicht schaffst“, wisperte der Junge, „kriegst du den Strick gleich nochmal vor die Beine. Los!“
Er peitschte auf den Boden und das kleine Mädchen nahm verzweifelt Anlauf. Diesmal schaffte sie den Sprung. „Guckt mal, ich kann's, ich kann's!“, plapperte sie, „Gar nicht so schwer, ich muss bloß üben, dann...“
Diesmal traf der Strick sie mitten im Gesicht. Sie sah etwas aufblitzen und als sie die schmerzende Lippe leckte, schmeckte sie Blut.
„Da kommt einer!“, zischte das große Mädchen.
„Los, weg hier!“, flüsterte der Junge. Er packte das kleine Mädchen und sagte: „Du gehst jetzt ins Rattenloch und machst keinen Mucks. Wenn doch, kommen die Ratten und fressen dich. Wir holen dich nachher.“ Er schob das kleine Mädchen mit dem Kopf zuerst in eine Lücke in der Wand aus Heuballen und deckte die Hüften und Beine, die immer noch heraus sahen, mit losem Heu zu. Dann verschwand er mit dem großen Mädchen über das Dach der Schweinewaage.
„Is' doch langweilig.“, maulte das große Mädchen von unten. „Wieso spielen wir nicht woanders?“
„Au ja, ich weiß was!“, rief der Junge und stieg so schnell von der Wippe, dass sie krachend hinunter sauste. Es fühlte sich so an, als würde alles in ihrem Bauch von unten nach oben bis in den Kopf gedrückt.
„Los, wir klettern auf den Heuboden!“, rief er.
„Wie denn?“, fragte das große Mädchen.
„Über die Schweinewaage. Ich mach Räuberleiter für dich. Vom Dach aus kriechen wir unters Scheunendach und dann sind wir schon oben.“
„Und die Kleine?“
„Na, dann nehmen wir die eben mit.“
„Ich darf aber nicht aufs Dach klettern.“
„Egal. Wir dürfen uns nur nicht erwischen lassen. Müssen wir eben leise sein.“
Die großen Kinder schnappten sie. Ihre Beine zitterten noch vom Wippen-Absturz, sie wollte nicht klettern, hatte Angst, herunter zu fallen. Doch alles ging so schnell: Mit der Räuberleiter half der große Junge dem großen Mädchen aufs Dach, dann hob er das kleine Mädchen hoch und das große Mädchen zog an ihren Händen.
„Los, streng dich mal ‘n bisschen an!“, keuchte der Junge. Das kleine Mädchen gab alles. Sie war es nicht gewohnt, Widerstand zu leisten.
Schließlich krochen die Kinder zwischen dem Bitumen-gedeckten Dach der Schweinewaage und dem Überstand des Scheunendachs auf den Heuboden. Hier war es ein bisschen unheimlich, aber auch gemütlich. Die Heuballen dämpften jedes Geräusch, durch die kleinen Giebelfenster drang nur ein Bruchteil des draußen gleißenden Sonnenlichts ein, die Luft war dämmrig, staubig und duftete nach Sommerhitze. Das kleine Mädchen war aufgeregt, beeindruckt von der eigenen Leistung, an so einen spannenden Ort gelangt zu sein. Sie plapperte mit lauter Stimme drauf los: „Hier können wir klettern und von oben ins Heu springen oder ein Sofa bauen.“ Sie hüpfte begeistert wie ein Gummiball.
„Sei still!“, zischte der große Junge. „Wenn die Großen uns hören, werden wir erwischt und dann verkloppt Mama mich mit dem Teppichklopfer.“
„Unser Papa macht das bei mir immer mit der Zeitung.“, erwiderte das große Mädchen.
„Wenn ich sie von Papa kriege“, sagte der Junge, „nimmt er seinen Gürtel. Oder er haut mich einfach mit der Hand.“
Das kleine Mädchen machte große Augen, die älteren Kinder waren ihr unheimlich. Sie wollte von diesem Ort verschwinden. Ihre Beine begannen wieder zu zittern, aber irgendetwas hinderte sie daran, ihren Wunsch laut auszusprechen. Stattdessen fragte sie: „Was spielen wir denn jetzt?“
„Pssst!“, machte der Junge, dann flüsterte er: „Wir spielen Zirkus. Ich bin der Pferdebändiger und du bist das Pferd. Und da ist der Direktor.“ Er zeigte auf das große Mädchen. Die rückte einen Heuballen auf die freie Fläche und flüsterte: „Meine Damen und Herren, hier kommt die Pferdenummer!“
Der Junge sah sich um und entdeckte zwei Stricke aus Hanf. Den einen band er dem kleinen Mädchen um den Hals, so dass sie praktisch an der Lounge lief, den anderen setzte er als Peitsche ein. „So Pferdchen“, zischte er, „immer schön im Kreis laufen.“ Er stellte sich auf den Heuballen und peitschte mit dem kurzen Strick auf den Boden. Das kleine Mädchen lief im Kreis, als ginge es um sein Leben. Sie sagte sich, dass dies sicher nur ein lustiges Spiel sei und lachte hysterisch. Dann traf sie der peitschende Strick auf dem Rücken. Ihr Lachen erstarb. Das große Mädchen sagte: „Du hast sie getroffen. Mit der Peitsche.“
„Na und?“, erwiderte der Junge. Dann zog er an der Lounge und machte „Brrr.“
Das kleine Mädchen blieb stehen. Sie rang nach Luft, hustete und griff sich an den Hals. Das große Mädchen sprang herbei und lockerte die Schlinge. „Braves Pferdchen.“, beruhigte sie sie.
„Jetzt lassen wir das Pferdchen springen.“, flüsterte der Junge. „Los, nimm Anlauf und dann spring über den Heuballen!“
Das kleine Mädchen nahm Anlauf, sprang ab, blieb aber mit dem linken Fuß am Heuballen hängen und stürzte mit dem Gesicht zuerst ins trockene Heu. Die Schlinge hatte sich wieder zugezogen und die reduzierte Luft, die sie durch die verengte Luftröhre einatmete, war staubig und stickig. Mit letzter Kraft entfuhr ihr ein panischer Aufschrei. Der Junge schwang die Peitsche, einmal auf den Rücken, einmal auf die nackten Beine.
„Du sollst sie nicht hauen!“, rief das große Mädchen.
„Wenn ich sie haue, ist sie still.“, rechtfertigte der Junge sich, eilte zu dem kleinen Mädchen, lockerte die Schlinge um den Hals und fasste sie unter die Achseln, um sie wieder auf die Beine zu stellen. Er baute sich vor dem kleinen Mädchen auf und schlug ihr mit dem Strick von vorn auf die Beine. Sie wimmerte.
„Jetzt springst du nochmal, Pferdchen.“, flüsterte der Junge mit eiskalter Stimme und seine Augen funkelten bedrohlich. Sie waren groß und eisblau und das kleine Mädchen hatte trotz der Sommerhitze das Gefühl, unter diesem Eisesblick zu erfrieren.
„Wenn du es wieder nicht schaffst“, wisperte der Junge, „kriegst du den Strick gleich nochmal vor die Beine. Los!“
Er peitschte auf den Boden und das kleine Mädchen nahm verzweifelt Anlauf. Diesmal schaffte sie den Sprung. „Guckt mal, ich kann's, ich kann's!“, plapperte sie, „Gar nicht so schwer, ich muss bloß üben, dann...“
Diesmal traf der Strick sie mitten im Gesicht. Sie sah etwas aufblitzen und als sie die schmerzende Lippe leckte, schmeckte sie Blut.
„Da kommt einer!“, zischte das große Mädchen.
„Los, weg hier!“, flüsterte der Junge. Er packte das kleine Mädchen und sagte: „Du gehst jetzt ins Rattenloch und machst keinen Mucks. Wenn doch, kommen die Ratten und fressen dich. Wir holen dich nachher.“ Er schob das kleine Mädchen mit dem Kopf zuerst in eine Lücke in der Wand aus Heuballen und deckte die Hüften und Beine, die immer noch heraus sahen, mit losem Heu zu. Dann verschwand er mit dem großen Mädchen über das Dach der Schweinewaage.
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Freitag, 24. Juni 2016
Löwengrube - abgeschlossener Kurzkrimi
c. fabry, 21:09h
Lärmend füllte sich das Gemeindehaus mit fröhlichen Kinderstimmen. Alle waren ganz aufgeregt, denn sie wollten unbedingt wissen, wie die Geschichte von Daniel in der Löwengrube ausging. Zum ersten Mal arbeitete das Kinder-Bibelwochen-Team mit Cliffhangern und das hatte sich offensichtlich bewährt. Sie freuten sich über Besucherzahlen wie in den Siebzigern.
Erleichtertes Aufatmen und große Aufregung fegten durch den Saal, als der Spannungsbogen zu Ende geführt wurde und der erfundene Babylonier den Kindern seine Beobachtungen von der wundersamen Rettung des jüdischen Propheten mitteilte. In altershomogenen Kleingruppen durften die Kinder das Erlebte nun verarbeiten.
Bei den Neun- und Zehnjährigen war heute jemand ausgefallen und so musste Marita Luna unterstützen, die unmöglich allein mit knapp zwanzig Kindern Löwenmasken basteln konnte. Sie tat das schweren Herzens, denn erstens hatte sie sich auf die interaktiven Spiele mit den Elf- bis Zwölfjährigen gefreut und außerdem wollte sie eigentlich Lars im Auge behalten, der ihr in den letzten Tagen ein bisschen zu zugewandt gegenüber der zwölfjährigen Lilly erschienen war.
Vor zwei Jahren war ihr Lars beim Jungschar-Wochenende aufgefallen. Wenn sich ein hübsches Mädchen beim Geländespiel verletzte, wurde sie ausgiebig getröstet, er nahm sie in den Arm und steckte ihr ein Bonbon zu. Wenn sich ein Junge weh getan hatte oder ein weniger süßes Mädchen, schickte er die Kinder zur Jugendreferentin: „Geh mal zu Marita, die hat bestimmt ein Pflaster für dich.“
Seitdem hielt sie ihn unter Beobachtung. Er war einer von den Kreativen, Fleißigen und Verantwortungsbewussten. Aber er war auch einer, den keiner so richtig ernst nahm, erst recht nicht die Mädchen oder jungen Frauen in seinem Alter. Die bewundernden Blicke der begeisterungsfähigen, kleinen Mädchen schienen ihn irgendwie anzumachen. Er war kein Idiot. Er wusste, dass erotische Annäherungsversuche gegenüber Kindern nicht nur verboten waren, sondern den Kindern auch tatsächlich großen Schaden zufügten. Er hatte schon mehrere Schulungen dazu mitgemacht. Aber sie traute ihm trotzdem nicht. Er war zwar nicht allein mit den Kindern, aber Daria war abgesehen von ihrer begrenzten Auffassungsgabe viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie sensibel für Grenzüberschreitungen gewesen wäre, die sie nicht persönlich betrafen.
Schon bald war Marita mit den Gedanken woanders, denn sie musste Löcher schneiden, Klebstofftuben von vertrockneten Pfropfen befreien, Streit um die beste Schere schlichten und fünfzehn Mal das Gleiche erklären. Nach zwanzig Minuten ging sie in den Toilettenraum, um die ersten Pinsel auszuwaschen, denn wenn die Kinder dies selbst taten, mussten sie hinterher stundenlang die Fliesen putzen.
„Nee“, hörte sie eine zarte zitternde Kinderstimme.
„Aber es ist doch alles nass da unten.“, hörte sie einen Erwachsenen beruhigend auf das Kind einreden.
„Verdammt, Lars und Lilly!“, dachte Marita und wollte direkt losstürmen, da sprach der Erwachsene weiter: „Wenn wir die Hose unterm Hände-Trockner föhnen, kriegt die Mama gar nicht mit, dass du dich nass gemacht hast.“
Das war Michael, Kindergottesdienst-Helfer seit mehr als zwanzig Jahren. Nur klang Michael nicht wirklich beruhigend, denn er hatte so ein seltsames Vibrato in der Stimme.
„Aber ich war das doch gar nicht.“, wimmerte das kleine Mädchen.
„Ja, aber das glaubt die Mama dir sicher nicht.“, erklärte Michael. „Komm, wir ziehen die Hose jetzt aus und ich mache sie trocken.“
Das Mädchen begann verzweifelt zu schluchzen. Marita löste sich aus ihrer Schockstarre und griff ein. Sie folgte dem Schluchzen hinter einer Toilettentür. Als sie versuchte sie zu öffnen, war sie verriegelt.“
„Michael!“, rief sie. „Komm da sofort raus.“
„Wir müssen hier nur gerade ein Malheur in Ordnung bringen:“, erwiderte er und versuchte vergeblich, seine Erregung zu verbergen.
„Ich kümmere mich darum.“, sagte Marita bestimmt. „Komm da sofort raus, du kannst dich doch als Mann nicht auf der Damentoilette herumtreiben.“
„Ich treibe mich nicht herum, ich versuche die Hose eines Mädchens zu trocknen. Ich kann das Mädchen jawohl schlecht auf die Männertoilette schleppen.“
„Jetzt mach die Tür auf!“
Eingeschüchtert von Maritas scharfem Ton drehte er schließlich an der Verriegelung. Sie riss die Tür auf und zog ihn an seinem T-Shirt aus der Kabine. Vor der Toilette stand das weinende Mädchen. Knopf und Reißverschluss ihrer Hose waren bereits offen.
„Sag mal spinnst du jetzt völlig?“, blaffte Michael Marita an.
Marita sammelte sich kurz und antwortete dann: „Gehst du jetzt bitte wieder in deine Kleingruppe? Wir besprechen das später.“, dann wandte sie sich an das Mädchen: „So Melissa, jetzt erzähl doch mal, wie das mit der nassen Hose passiert ist.“
„Das weiß ich auch nicht.“, schluchzte Melissa. „Auf einmal ist der Malbecher umgekippt und da war meine ganze Hose nass.“
„Ja, so was kann passieren, und ich glaube auch nicht, dass deine Mama dir das nicht glaubt. Weiß du denn was du für eine Größe hast?“
Melissa schüttelte schluchzend den Kopf.
„Na, ich tippe mal auf 134“, schätzte Marita. „Pass mal auf: Wir gehen jetzt nach nebenan in den Kindergarten und gucken, ob wir da eine Ersatz-Leggins in deiner Größe finden. Dann kannst du dich da in Ruhe umziehen und ich bin sicher, das kannst du auch alleine, oder?“
Melissa nickte.
„Wollen wir dann dahin gehen?“
Als das Kind mit einer trockenen Leggins und der eigenen Hose in einer Tragetasche ins Gemeindehaus zurückkehrte, eilte Michael ihr bereits entgegen.
„Den Michael muss ich euch jetzt mal entführen.“, sagte Marita zu den Kindern und nicht eine Stimme des Bedauerns erhob sich. Statt dessen krähte Vincent: „Dann kann er wenigstens keine Malbecher mehr um schmeißen.“ Zustimmendes Gelächter erhob sich.
Vor der Tür sagte Marita mit gedämpfter Stimme: „Ich denke, es ist besser, du gehst jetzt nach Hause. Ich werde allen anderen erzählen, dass es in der Familie einen kleinen Notfall gab. Ich komme nachher bei dir vorbei und dann reden wir.“
„Worüber denn?“, fauchte Michael.
Marita sah ihm fest in die Augen und antwortete:„Ich denke, das weißt du ganz genau.“
Erleichtertes Aufatmen und große Aufregung fegten durch den Saal, als der Spannungsbogen zu Ende geführt wurde und der erfundene Babylonier den Kindern seine Beobachtungen von der wundersamen Rettung des jüdischen Propheten mitteilte. In altershomogenen Kleingruppen durften die Kinder das Erlebte nun verarbeiten.
Bei den Neun- und Zehnjährigen war heute jemand ausgefallen und so musste Marita Luna unterstützen, die unmöglich allein mit knapp zwanzig Kindern Löwenmasken basteln konnte. Sie tat das schweren Herzens, denn erstens hatte sie sich auf die interaktiven Spiele mit den Elf- bis Zwölfjährigen gefreut und außerdem wollte sie eigentlich Lars im Auge behalten, der ihr in den letzten Tagen ein bisschen zu zugewandt gegenüber der zwölfjährigen Lilly erschienen war.
Vor zwei Jahren war ihr Lars beim Jungschar-Wochenende aufgefallen. Wenn sich ein hübsches Mädchen beim Geländespiel verletzte, wurde sie ausgiebig getröstet, er nahm sie in den Arm und steckte ihr ein Bonbon zu. Wenn sich ein Junge weh getan hatte oder ein weniger süßes Mädchen, schickte er die Kinder zur Jugendreferentin: „Geh mal zu Marita, die hat bestimmt ein Pflaster für dich.“
Seitdem hielt sie ihn unter Beobachtung. Er war einer von den Kreativen, Fleißigen und Verantwortungsbewussten. Aber er war auch einer, den keiner so richtig ernst nahm, erst recht nicht die Mädchen oder jungen Frauen in seinem Alter. Die bewundernden Blicke der begeisterungsfähigen, kleinen Mädchen schienen ihn irgendwie anzumachen. Er war kein Idiot. Er wusste, dass erotische Annäherungsversuche gegenüber Kindern nicht nur verboten waren, sondern den Kindern auch tatsächlich großen Schaden zufügten. Er hatte schon mehrere Schulungen dazu mitgemacht. Aber sie traute ihm trotzdem nicht. Er war zwar nicht allein mit den Kindern, aber Daria war abgesehen von ihrer begrenzten Auffassungsgabe viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie sensibel für Grenzüberschreitungen gewesen wäre, die sie nicht persönlich betrafen.
Schon bald war Marita mit den Gedanken woanders, denn sie musste Löcher schneiden, Klebstofftuben von vertrockneten Pfropfen befreien, Streit um die beste Schere schlichten und fünfzehn Mal das Gleiche erklären. Nach zwanzig Minuten ging sie in den Toilettenraum, um die ersten Pinsel auszuwaschen, denn wenn die Kinder dies selbst taten, mussten sie hinterher stundenlang die Fliesen putzen.
„Nee“, hörte sie eine zarte zitternde Kinderstimme.
„Aber es ist doch alles nass da unten.“, hörte sie einen Erwachsenen beruhigend auf das Kind einreden.
„Verdammt, Lars und Lilly!“, dachte Marita und wollte direkt losstürmen, da sprach der Erwachsene weiter: „Wenn wir die Hose unterm Hände-Trockner föhnen, kriegt die Mama gar nicht mit, dass du dich nass gemacht hast.“
Das war Michael, Kindergottesdienst-Helfer seit mehr als zwanzig Jahren. Nur klang Michael nicht wirklich beruhigend, denn er hatte so ein seltsames Vibrato in der Stimme.
„Aber ich war das doch gar nicht.“, wimmerte das kleine Mädchen.
„Ja, aber das glaubt die Mama dir sicher nicht.“, erklärte Michael. „Komm, wir ziehen die Hose jetzt aus und ich mache sie trocken.“
Das Mädchen begann verzweifelt zu schluchzen. Marita löste sich aus ihrer Schockstarre und griff ein. Sie folgte dem Schluchzen hinter einer Toilettentür. Als sie versuchte sie zu öffnen, war sie verriegelt.“
„Michael!“, rief sie. „Komm da sofort raus.“
„Wir müssen hier nur gerade ein Malheur in Ordnung bringen:“, erwiderte er und versuchte vergeblich, seine Erregung zu verbergen.
„Ich kümmere mich darum.“, sagte Marita bestimmt. „Komm da sofort raus, du kannst dich doch als Mann nicht auf der Damentoilette herumtreiben.“
„Ich treibe mich nicht herum, ich versuche die Hose eines Mädchens zu trocknen. Ich kann das Mädchen jawohl schlecht auf die Männertoilette schleppen.“
„Jetzt mach die Tür auf!“
Eingeschüchtert von Maritas scharfem Ton drehte er schließlich an der Verriegelung. Sie riss die Tür auf und zog ihn an seinem T-Shirt aus der Kabine. Vor der Toilette stand das weinende Mädchen. Knopf und Reißverschluss ihrer Hose waren bereits offen.
„Sag mal spinnst du jetzt völlig?“, blaffte Michael Marita an.
Marita sammelte sich kurz und antwortete dann: „Gehst du jetzt bitte wieder in deine Kleingruppe? Wir besprechen das später.“, dann wandte sie sich an das Mädchen: „So Melissa, jetzt erzähl doch mal, wie das mit der nassen Hose passiert ist.“
„Das weiß ich auch nicht.“, schluchzte Melissa. „Auf einmal ist der Malbecher umgekippt und da war meine ganze Hose nass.“
„Ja, so was kann passieren, und ich glaube auch nicht, dass deine Mama dir das nicht glaubt. Weiß du denn was du für eine Größe hast?“
Melissa schüttelte schluchzend den Kopf.
„Na, ich tippe mal auf 134“, schätzte Marita. „Pass mal auf: Wir gehen jetzt nach nebenan in den Kindergarten und gucken, ob wir da eine Ersatz-Leggins in deiner Größe finden. Dann kannst du dich da in Ruhe umziehen und ich bin sicher, das kannst du auch alleine, oder?“
Melissa nickte.
„Wollen wir dann dahin gehen?“
Als das Kind mit einer trockenen Leggins und der eigenen Hose in einer Tragetasche ins Gemeindehaus zurückkehrte, eilte Michael ihr bereits entgegen.
„Den Michael muss ich euch jetzt mal entführen.“, sagte Marita zu den Kindern und nicht eine Stimme des Bedauerns erhob sich. Statt dessen krähte Vincent: „Dann kann er wenigstens keine Malbecher mehr um schmeißen.“ Zustimmendes Gelächter erhob sich.
Vor der Tür sagte Marita mit gedämpfter Stimme: „Ich denke, es ist besser, du gehst jetzt nach Hause. Ich werde allen anderen erzählen, dass es in der Familie einen kleinen Notfall gab. Ich komme nachher bei dir vorbei und dann reden wir.“
„Worüber denn?“, fauchte Michael.
Marita sah ihm fest in die Augen und antwortete:„Ich denke, das weißt du ganz genau.“
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