Sonntag, 29. Mai 2016
Glockenschlag, Kurzkrimi – Teil II
Im Anschluss an den Gottesdienst verzogen sich Keller und seine junge Kollegin in eine diskrete Ecke. „Also“, sagte sie, „Raus damit. Was ist Ihnen klar geworden?“
„Der Pfarrer war‘s.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Haben Sie mitbekommen, wie er den Chablis lobhudelte, den er zum Abendmahl ausschenkt?“
„Einschenkt“
“Jetzt seien Sie doch nicht so kleinkariert lutherisch, Kerkenbrock. Er hat jedenfalls betont, das sei der beste Chablis vom örtlichen Weinhändler. Tatsächlich standen im Schrank in der Sakristei aber nur Flaschen eines Discounter-Chablis. Ich weiß das, den trinke ich auch immer, den gibt es häufig für 3,99 im Angebot.“
„Aber wo bitte erkennen Sie da ein Mordmotiv?“
„Ganz einfach: Der Pfarrer kauft Abendmahlswein für die Gemeinde beim Luxusweinhändler, rechnet alles ordnungsgemäß ab, kauft dann aus seinem privaten Etat den billigen Discounter-Wein, tauscht die Flaschen aus und stellt sich das edle Tröpfchen in den eigenen Weinkeller.“
„So ein Quatsch! Wissen Sie was ein Pfarrer verdient? Der kann sich doch einen guten Wein leisten.“
„Der verdient auch nicht mehr als ich und gerade unter den Besserverdienenden wimmelt es von Geizkragen, die überall sparen, damit sie sich am Ende noch mehr leisten können, um ihren Genuss zu vermehren oder anzugeben.“
„Auch wieder wahr. Aber das Motiv erkenne ich immer noch nicht.“
„Na, der Küster ist ihm drauf gekommen. Hat vielleicht genau wie ich gesehen, dass der Chablis im Schrank nicht der ist, für den er ausgegeben wird. Vielleicht hat er den Pfarrer zur Rede gestellt, vielleicht auch einfach nur ganz unschuldig seiner Verwunderung Ausdruck verliehen. Vermutlich dachte der Theologe, dass so ein bildungsferner Handwerker, wie Peter Braun einer war, sich mit Wein gar nicht auskennt. Wenn der ihn aber hätte auffliegen lassen, wäre er erledigt gewesen.“
„Das ist in der Tat ein Motiv. Und die Gelegenheit hatte er auch. Niemand wundert sich, wenn der Pfarrer um die Kirche herum lungert und wenn er ein Kabel im hohen Gras verschwinden lässt, denken alle, dass das schon seine Ordnung haben wird. Sterben konnte dabei nur derjenige, der den Aufsitzmäher fuhr. Was für ein eiskalter Plan.“
„Also, unterhalten wir uns jetzt mit dem Kämmerer?“
„Sie meinen mit dem Finanzkirchmeister?“
„Ja, meinetwegen und dann mit dem Elektriker und danach mit möglichst vielen Zeugen. Wir sollten Verstärkung anfordern. Ich will den Fall heute noch abschließen.“
„Warum das denn?“
„Hab‘ noch ‘ne Einladung zum Kaffeetrinken.“
ENDE

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Samstag, 28. Mai 2016
Glockenschlag, Kurzkrimi Teil I
Zum Glück war es der Elektriker, der ihn fand: Peter Braun lag reglos auf der Kirchwiese, offensichtlich von seinem Aufsitzmäher gestürzt und jeder normale Mensch wäre von einem Schwächeanfall, einem Infarkt oder Gehirnschlag ausgegangen, aber Holger Pahmeier erkannte schon von weitem die Hinweise auf die Ursache der Bewusstlosigkeit des Küsters: Starkstrom. Es war ein schrecklicher Unfall. Für Sonntag zum Gemeindefest hatte Holger Pahmeier schon meterweise Kabel verlegt, damit das Stromnetz bei Hüpfburgbetreibung, Bühnentechnik und abendlicher Außenbeleuchtung nicht zusammenbrach. Nun war der Küster mit seinem Aufsitzmäher doch tatsächlich über das Starkstromkabel gefahren und hatte sich damit in eine andere Dimension begeben. Pahmeier kappte sofort die Verbindung und sicherte damit die Unfallstelle, dann verständigte er die Polizei.
Wenig später waren Kriminalhauptkommissar Stefan Keller und seine Kollegin Sabine Kerkenbrock von der Bielefelder Mordkommission an der Unfallstelle eingetroffen, denn es mutete seltsam an, dass das Kabel auf der Rasenfläche lag, hatte Pahmeier selbst es doch davon fern gehalten, weil er wusste, dass der Rasen noch gemäht werden musste.
Der Pfarrer schloss die Sakristei auf und zeigte den Beamten den Weg zu den Anschlüssen innerhalb der Kirche, so dass sie sich ein erstes Bild von der Gesamtsituation machen konnten. „Komischer Typ.“, dachte Kerkenbrock, „Hat was Selbstverliebtes an sich.“
In einem offenen Schrank bemerkte Keller im Vorbeigehen, dass dort einige Flaschen des Chablis standen, den er auch häufig trank. Er stieß Kerkenbrock in die Seite, wies auf die Weinvorräte und flüsterte: „Säuft hier der Pfarrer oder der Küster?“
„Die Gemeinde.“, erwiderte Kerkenbrock. „Das ist Abendmahlswein.“
„Ach so.“
Sie schlossen wieder auf und ließen sich weiter vom Pfarrer die Aufgaben des Küsters in der Kirche erklären, als Keller unvermittelt fragte: „Findet das Gemeindefest morgen denn wie geplant statt?“
„Nein das blasen wir natürlich ab. Das ist zwar schlimm für die Gruppen, aber wir können doch kein Fest feiern, wenn unser Küster bei den Vorbereitungen dazu ums Leben gekommen ist.“
„Und der Gottesdienst?“, erkundigte sich Kerkenbrock.
„Der findet selbstverständlich statt. Wir werden für Peter Braun beten und uns wie geplant als Gemeinde versammeln, aber danach gehen alle nach Hause.“
„Könnten Sie die Gottesdienstbesucher morgen bitten, da zu bleiben, damit wir uns mit möglichst vielen unterhalten können? Das würde uns eine Menge Arbeit ersparen.“
„Ja, natürlich, das lässt sich einrichten. Dann sollten wir unsere Beköstigung vielleicht doch wie geplant durchführen, denn dann müssen die Menschen ja sicherlich eine ganze Weile ausharren.“
Den Samstag verbrachten die Beamten mit Spurensicherung, Gesprächen mit den Angehörigen und Nachbarn des Küsters. Nirgends fanden sich Anhaltspunkte für einen möglichen Täter oder ein Motiv. Am Sonntag erschienen die Beamten zum Gottesdienst. Die Predigt des Pfarrers versetzte die Anwesenden in einen hypnoseartigen Dämmerzustand.
„…Ich erinnere noch einmal an den Kernsatz des Textes: ‚Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.‘ Nicht umsonst feiern wir in unserer Gemeinde immer noch jedes zweite Abendmahl mit richtigem Wein – mit besonders Gutem sogar, dem besten Chablis unseres örtlichen Weinhändlers. Ich sehe darin ein Symbol für die guten Früchte, die wir alle hervorbringen sollen, dadurch, dass wir uns nicht vom wahren Weinstock lösen, sondern mit ihm verbunden bleiben. Amen.“
„Endlich!“, stöhnte Kerkenbrock flüsternd. „Ich habe schon seit Ewigkeiten keine so schlechte und grottenlangweilige Predigt mehr gehört.“
„Schlecht war sie in der Tat.“, erwiderte Keller ebenso gedämpft, „aber am Ende wurde es richtig spannend.“
„Warum fanden Sie das denn spannend?“
„Weil ich eben das fehlende Puzzleteil bekommen habe, das mir noch für eine schlüssige Erklärung für den rätselhaften Tod des Küsters fehlte.“
FORTSETZUNG FOLGT MORGEN

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Freitag, 27. Mai 2016
Zerbrochene Flügel, Kurzkrimi – Teil II
„Mir ist immer noch schlecht.“, sagte Kerkenbrock und nahm einen tiefen Zug aus ihrem Latte Macchiato-Becher.
„Glauben Sie von H-Milch mit Espresso wird das besser? Vielleicht sollten Sie sich lieber einen Kamillentee holen.“
„Quatsch, das ist ja mehr so eine Kopfgeschichte. Mit meinem Magen ist alles in Ordnung.“, erwiderte die junge Polizistin.
„An Totschlag im Affekt sollten Sie sich aber allmählich gewöhnen.“
„Es ist weniger die Tat, als das Motiv, das mir das Blut gefrieren lässt. Sie waren ja während des halben Verhörs draußen.“
„Dann erzählen Sie mir doch mal, was ich verpasst habe.“
„Also, nachdem Bianca Peper eingebrochen ist und unter unappetitlichen Schluchzern zugegeben hat, dass sie Bettina Wehmeier einen Stoß versetzt hat, der den tödlichen Sturz zur Folge hatte, brach das ganze Ungemach aus ihr heraus, das sie seit etwa zwölf Jahren mit sich herum schleppte. Als Wehmeier in die Gemeinde kam, war sie gerade achtzehn geworden, die Jugendreferentin war zehn Jahre älter und einerseits in einer Machtposition, andererseits aber auch noch jung, interessant und attraktiv genug, um einige der jungen Männer für sich zu interessieren. Bianca Pepers langjähriger Schwarm war der Jugendreferentin augenblicklich verfallen und die beiden begannen eine Affäre.“
„Wie alt war de Junge?“
„Neunzehn.“
„Also grenzwertig.“
„In der Tat. Tja, auf jeden Fall hatte Bianca Peper bis zu diesem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, eine Heimat in der Jugendarbeit der Gemeinde gefunden zu haben, sie hatte Freunde, war anerkannt, übernahm immer mehr Verantwortung und damit auch die Leitung der Küche bei den Ferienspielen. Doch mit dem Wechsel der Leitung der Jugendarbeit wurde alles anders. Bettina Wehmeier machte ihr zunächst den Schwarm abspenstig und mischte sich dann immer mehr in Bianca Pepers Aufgaben ein. Peper leitete eine Kreativ-Gruppe, Wehmeier kritisierte die Wahl der Materialien und Methoden und drängte sich mit Vorschlägen auf. Bei den Ferienspielen wurde Peper zwar weiterhin in der Küche geduldet, aber auch hier bekam sie deutliche Kritik zu hören: zu wenig Gemüse, das falsche Salatdressing, zu viele Fertigprodukte, zu wenig vollwertig, nie war es gut genug, obwohl den Kindern das Essen schmeckte. Sie erzählte von Demütigungen in Form von barschen Zurechtweisungen vor der gesamten Mitarbeiterschaft, nicht Informieren bei privaten Unternehmungen, Insider-Gegiggel auf Kneipenabenden, bei dem sie immer das Gefühl hatte, man mache sich über sie lustig und Wehmeier war die treibende Kraft. Gestern kam es dann wohl zum Gipfel der Demütigungen: Beim Fensterputzen erklärte die Jugendreferentin der Ehrenamtlichen, sie werde für die Küche während der Ferienspiele eine Honorarkraft einstellen, die als professionelle Köchin in der Lage sei, ihren Ansprüchen an gesunde, kindgerechte Ernährung zu genügen und Peper könne sich überlegen, ob sie im pädagogischen Team mitarbeiten wolle, oder es vorziehe, einfach ihren Urlaub zu genießen. Es war ein Schlag ins Gesicht für Peper, hier war nämlich ihr wichtigster Anknüpfungspunkt an die Mitarbeiterschaft, und das pädagogische Team kam für sie nicht in Frage, weil sie mit der Zielgruppe nicht mehr auf Dauer zurechtkommt.“
„Was macht sie beruflich?“
„Sie arbeitet bei der Volksbank, steht unter enormem Druck und hat nicht mehr die Energie sich den Machtkämpfen auszusetzen, in die Kinder einen drängen, wenn man sie in einem Gruppenangebot täglich um sich schart. Aber sie würde gern weiterhin zum Team gehören, das sind ihre Freunde und nun gab ihr die Jugendreferentin einen Tritt in den Hintern. Sie fühlte sich in ihrer sozialen Existenz bedroht. Sie hat ihre Tat vermutlich als Notwehr empfunden.“
„Ich verstehe, warum Ihnen schlecht ist.“, kommentierte Keller das Gehörte. „Ist ja ekelhaft.“
„Vor wem der beiden ekeln Sie sich denn?“, fragte Kerkenbrock.
Keller grunzte. „Suchen Sie es sich aus.“
ENDE

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Donnerstag, 26. Mai 2016
Zerbrochene Flügel, Kurzkrimi – Teil I
„Ich denke, Sie müssen uns aufs Präsidium begleiten.“, sagte Stefan Keller und fixierte die junge Frau, die mit Spiritus-Reiniger und Schwamm-Tuch am Fenster stand.
„Warum?“, fragte sie mit offenkundig geheuchelter Unschuld.
„Weil Sie da gerade Spuren beseitigen.“, erklärte Sabine Kerkenbrock und ging langsam auf sie zu. „Geben Sie mir bitte die Putzmittel.“, sagte die Beamtin, „die muss ich sicherstellen.“
„Aber wieso Spuren beseitigen?“, fragte Bianca Peper irritert. Ihr gewaltiger Busen zuckte so sehr über ihrem hämmernden Herzschlag, dass man es auch auf einige Meter Entfernung erkennen konnte. Ihre grobporigen Pausbacken röteten sich und die Augen waren die eines zu Tode erschrockenen Kindes, wodurch ihre schulterlange, goldblonde Fönfrisur wie eine Schwebehaube als Bestandteil einer absurden Verkleidung wirkte. Sie begann sich zu rechtfertigen: „Sie waren doch gestern schon hier und haben alles abgesucht. Ich wollte jetzt nur die Fingerfarben zu Ende wegputzen, damit ist Bettina ja gestern nicht mehr fertig geworden.“
„Ist das wirklich das Erste, das Ihnen nach dem gewaltsamen Tod Ihrer Jugendreferentin einfällt?“, fragte Keller angeekelt.
„Wieso das Erste? Dann hätte ich das ja gleich gestern geputzt.“, verteidigte sich Bianca Peper.
„Das war ja kaum möglich.“, erinnerte sie Keller an die Tatsachen. „Wir waren ja hier. Und eigentlich dürften Sie immer noch nicht hier sein, weil das Dachgeschoss dieses Gemeindehauses nach wie vor versiegelt ist.“
„Aber das wusste ich nicht.“
„Das war ja kaum zu übersehen! Sie mussten das Siegel schließlich zerstören, um in die Spielwohnung zu gelangen.“
„Aber das habe ich gar nicht gesehen. Im Flur ist es total dunkel. Ich habe einfach die Tür aufgemacht und bin rein gegangen.“
„Wo waren Sie denn gestern zu dem Zeitpunkt, als Frau Wehmeier abstürzte?“
„Hier oben, auf der Toilette.“
„Wo war Frau Wehmeier, als Sie sie das letzte Mal sahen?“
„Sie turnte auf der Fensterbank herum. Ich habe noch gesagt, pass bloß auf Bettina, dass du nicht runter fällst, lass die Fenster von außen lieber vom Fensterputzer machen, aber Bettina meinte, dass sie nicht richtig sehen könnte, ob auch alles sauber ist von innen, wenn außen der ganze Dreck von den Bäumen klebt. Dann bin ich zur Toilette gegangen und als ich zurück kam, war Bettina nicht da. Ich bin nach unten ins Jugendcafé gelaufen und da schrien schon alle aufgeregt durcheinander und guckten aus dem Fenster. Simon und Carina waren schon direkt zu ihr hin gelaufen und haben einen Krankenwagen gerufen, aber der kam leider zu spät.“
„War denn sonst niemand im Raum, als Frau Wehmeier abstürzte?“
„Ich denke nicht, sie war wohl allein.“
„Wie lange waren Sie auf der Toilette?“
„Nur kurz.“
„Haben Sie auf die Uhr gesehen?“
„Nein.“
„Wir müssen Sie trotzdem bitten, uns aufs Präsidium zu begleiten.“, erklärte Kerkenbrock. „Wir brauchen eine DNA-Probe von Ihnen und außerdem die Kleidung, die Sie gestern getragen haben, dazu werden wir einen Beamten zu Ihnen nach Hause schicken. Ist da jemand, der uns die Kleidung aushändigen kann?“
„Ja, mein Freund ist da.“
„Der wird auch sicher wissen, was Sie gestern getragen haben.“
FORTSETZUNG FOLGT MORGEN

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