Freitag, 26. Juni 2020
Einfach drauflos
Sie saßen auf der Terrasse, ließen den Tag bei einem Glas Weißwein ausklingen. Es war ein lauer Sommerabend, so luftig lind, dass man direkt vergaß, dass die ganze Welt in Aufruhr war, wegen der tödlichen Viren, die allerorts in der Dunkelheit feuchtkühler Millieus lauerten, nicht nur in den Lüftungsanlagen der gigantischen Schweinevernichtungslager, in denen osteuropäische Menschen aus prekären Lebensumständen aufs Brutalste zusammengepfercht waren und für einen Hungerlohn unter Volldampf Stunden und Überstunden schwerster, körperlicher Arbeit verrichten mussten, damit die konsumgeilen Fleischfressmaschinen sich ihre täglichen fetten Portionen toter Tiere in den Kopf drücken konnten.

Jetzt saß sie da mit ihrem besten Freund, dem sie alles von sich offenbarte, bis auf das eine, das sie wohl lieber für sich behalten musste, damit sie ihn nicht in eine vertrackte Lage brachte. Eigentlich war dieser Moment perfekt, wie sie da gerade zusammen schweigend in den Sonnenuntergang blinzelten, aber sie fühlte Schwermut in sich und eine tiefe Sehnsucht.

Sehnsucht - nach was? Vielleicht nach Leichtigkeit, nach so einem endlos scheinenden Sommer ganz frei von Pflichten, Bedrohungen, Entbehrungen, gesundheitlichen Einschränkungen, Verlusten und anderen Traurigkeiten. Frei von allem, was reizte, provozierte, einen an die Grenzen dessen brachte, was man noch ertragen konnte. Sie konnte es ihm nicht sagen, aber indirekt mit ihm drüber reden, das würde es auch schon leichter machen.

„Wie kommt es eigentlich“, fragte sie, „dass Lebensäußerungen Anderer einen derartig auf die Palme bringen? Dass man auf sie eindreschen möchte, damit dieses nervtötende Verhalten endlich aufhört? Woher kommen dieses Aggressionen? Was ist so bedrohlich daran, wenn jemand bestimmte Worte wählt, diese oder jene Bewegung, dieses oder jenes Geräusch macht, so ein Gesicht macht, ein blödes T-Shirt anhat, eklatante Grammatikfehler macht, einfach nur furchtbar dick und lethargisch ist?“

„Meinst Du die Familie, die in der Wohnung im Erdgeschoss wohnt?“
Sie schluckte heftig. Ahnte er etwas?
„Zum Beispiel, ja. Aber das sind nicht die einzigen bei denen mir das so geht.“
„Aber am meisten doch sicher bei dem dem Kerl, oder?“
„Ja, schon. Aber woran liegt das? Der tut mir doch nichts. Warum kann ich den nicht einfach so annehmen, wie er eben ist?“

Er schwieg eine Weile, dachte nach, nahm einen Schluck Wein, dann schließlich antwortete er: „Ich glaube, es ist die Angst. Die Angst, von diesem Menschen in den gleichen Sumpf gezogen zu werden, in dem er festsitzt und dann ebenso dort festzusitzen, umgeben von anregungsarmer Geistlosigkeit, latenter Gewaltbereitschaft, raumgreifenden, lärmenden, übel riechenden, Krankheiten verbreitenden Menschen, die einem die Luft zum atmen nehmen, jegliche Gelegenheit zur Regeneration verweigern, sodass man erdrückt, erstickt und gleichzeitig zu Tode beschallt wird. Es ist die Angst vor der Armut, zu einem Leben verurteilt zu sein, in dem jede einzelne Ausgabe genauestens abgewägt sein will, wo am Ende des Monats plötzlich kein Geld mehr fürs Essen da ist, man zittern muss, dass einem Strom, Telefon und Heizung abgestellt werden oder noch schlimmer, dass einen der Wohnungseigentümer auf die Straße setzt, weil man die Miete nicht mehr bezahlen kann, wo plötzlich fremde Leute in die Wohnung eindringen und Sachen, die einem gehören, mitnehmen, weil man seine Schulden nicht bezahlen kann, wo notwendige, medizinische Maßnahmen unerschwinglich sind, aber auch nicht von der Krankenversicherung übernommen werden, wo man praktisch nichts Schönes machen kann, weil alles Geld kostet, über das man nicht verfügt, wo man nicht einmal Lotto spielen darf, um wenigstens einen winzigen Funken Hoffnung auf Erlösung zu haben, wo man sich regelmäßig bei Behördengängen demütigen und für alles Mögliche rechtfertigen muss, das für andere selbstverständlich ist, wo man laufend entmündigt wird, obwohl man doch erwachsen ist. - Aber Angst ist ein schlechter Berater.“

Ja, da hatte er wohl Recht. Ohne diese Angst wäre es wohl nie so weit gekommen. Der Kerl würde sie nie wieder auf die Palme bringen. Dafür würde er sie nun jede Nacht heimsuchen, ein blutender, Fleisch gewordener Vorwurf. Aufgebrochen hatte sie ihn, mit seiner verdammten Handkreissäge mit der er regelmäßig spät abends und am Wochenende sinnlosen, handwerklichen Dilettantismen nachging. Konnte er mal sehen, wie das war, wenn man einfach so zerlegt wurde, weil jemand anderes das entschieden hatte.
Sie war frisch geduscht, aber ein Teil von ihm hatte sich beharrlich unter ihren Fingernägeln festgesetzt und sie ahnte, dass sie bald erst recht in dem Sumpf landen würde, vor dem sie sich so fürchtete und zwar noch viel tiefer und unentrinnbarer als sie es bisher befürchtet hatte.

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