Freitag, 7. August 2020
Ende offen
Ich würd‘ dir gerne Suppe kochen
mit dir verreisen viele Wochen
deine Schmerzen wegmassieren
deine Socken reparieren

Ich sorgte wirklich gern für dich
so gern, aber du lässt mich nicht

Deinen Geschichten möcht‘ ich lauschen
an deinem Lachen mich berauschen
freundlich empfangen, die du magst
zum Teufel jagen, die du hasst

Ich sorgte wirklich gern für dich
so gern, aber du lässt mich nicht

Verlor‘nes würd‘ ich für dich suchen
und dich verwöhnen mit Tee und Kuchen
dich kurieren von Gram und Husten
und deine Tränen trockenpusten

Ich sorgte wirklich gern für dich
so gern, aber du lässt mich nicht

Ich wär‘ auch gerne deine Muse
mit hoch geschloss‘ner off‘ner Bluse
woll‘n trotz begrenzter Lebenszeit
uns lieben wie in Ewigkeit

Das klang wie die Tagebuchnotiz einer altjüngferlichen Verwaltungsfachkraft, die ihrem Chef bis zur Besinnungslosigkeit ergeben war, natürlich einem Chef, der sie schamlos ausnutzte, standesgemäß verheiratet war und sich für den kleinen Hunger zwischendurch mit gerade der Minderjährigkeit entschlüpften Paradiesvögelchen versorgte, denen er eine Win-Win-Situation suggerierte, indem sie für ihre sexuellen Dienstleistungen mit allerlei Tand und komfortablen Kurzaufenthalten in luxuriösen Hotelzimmern entschädigt wurden.

Tatsächlich lag hier ein hochkarätiger Karrierist auf dem grauen Nadelfilz, allerdings keiner aus der freien Wirtschaft, sondern ein leitender Funktionsträger einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Und dann stand sie plötzlich in der Tür, die offensichtliche Verfasserin. Sie sah überhaupt nicht so aus, wie Kommissarin Kerkenbrock sie sich vorgestellt hatte, aber sie blickte dermaßen elektrisiert, angespannt und furchtsam auf das Stück Papier, das die Polizistin gerade studierte, dass die Ermittlerin sofort Bescheid wusste und die Frau besaß hinreichend emotionale Intelligenz, dass sie der Kommissarin ansah, dass sie Bescheid wusste. Also wagte sie die Flucht nach vorn:
„Bevor sie lange und aufwändig ermitteln: das Gedicht da stammt von mir. Das habe ich mal in einer romantischen Anwandlung geschrieben. Ist schon viele Jahre her.“

Hat jemand Lust diese Geschichte zu Ende zu erzählen? Das fände ich spannend. Nur zu!

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Donnerstag, 6. August 2020
Mammographie-Tagebuch
Die andere Variante von „Mamma“ vom 16.07.2020 - Kein Krimi, aber ein Anliegen.
Tag 1
Nicht das erste sondern das zweite, das mir heute Morgen in den Kopf kommt, aus mir herausläuft. Draußen ist es grau, schön für die Mehrheit der Pflanzenwelt und damit auch für mich – habe ja einen großen, warmen, trockenen Platz im Haus. Aber mein Kopf ist leer. Da ist gar nichts drin. Dafür bin ich viel zu ausgebrannt. Nur ein tiefes Sehnen unterhalb des Herzens, ein unstillbares Verlangen, ein Irrsinn par excellence, der zu nichts führt als zu Schmerz und Antriebslosigkeit. Muss man nicht dran festhalten, muss man abstellen. Kann und will ich aber nicht abstellen, zu stark ist das Gefühl, dass da noch etwas kommt, dass es sich lohnt zu warten, auf was auch immer.

Tag 2
Schonfrist. Vielleicht der letzte Tag meines Lebens ohne Krebs – ohne es zu wissen zumindest. Eine Leichtigkeit, die vielleicht nie wieder kommt. Oder wurden meine Gebete erhört? Meine flehentlichen Gebete. Wer bin ich, dass ich uneingeschränktes Glück für mich einfordere? Überall auf der Welt leiden Menschen: an Krankheiten, an Hunger, an Armut, an gebrochenem Herzen, an Gewalt, an Unterdrückung, an Hoffnungslosigkeit.
Ich bin privilegiert: habe reichlich zu essen, reichlich Platz, verdiene gut, Mann und Kind sind gesund, die Tiere zufrieden, keine Dramen in meinem Umfeld, keine Schmerzen, bin einigermaßen körperlich fit, ausgezeichnet medizinisch versorgt, kann mich beruflich selbst verwirklichen, werde geliebt, habe Freunde und dann ist heute auch noch so ein strahlend schöner Sonnentag, den ich von Anfang an genießen kann, weil ich früh aufgewacht bin… mit welchem Recht fordere ich ein, dass diese Idylle ungetrübt bleibt, dass mein Glück von nichts erschüttert wird? Stattdessen nörgel ich herum, hätte hier gern noch eine Extraportion Liebe, da noch eine Extraportion Geld, dort noch eine Extraportion interessanter Herausforderungen, an deren Ende nicht die Überforderung sondern Triumph und Anerkennung stehen. Dankbarkeit ist nicht meine Stärke.

Wenn es gut ausgeht, ja dann werde ich morgen feiern. Sekt mit Campari und viel Eis. Schmutzige Witze und dreckiges Lachen in der Abenddämmerung. Aus voller Kehle. Die stille Dankbarkeit, die empfangende Demut oder das demütige Empfangen werde ich mir fürs Nachtgebet aufheben. Ich kenne mich. Wenn ich vom Schöpfer beschenkt werde, gebe ich mich zuerst meinem Rausch hin, bevor ich bewusst Danke sage.
Und am nächsten Tag werde ich schon wieder nörgeln über das, was ich nicht habe, was zu anstrengend ist, was mich nervt.

Wenn es nicht so gut ausgeht? Dann ist nicht nur der Urlaub versaut. Eine Untersuchung zu Beginn eines mehrwöchigen Freizeitausgleichs. Das hatten wir doch schon einmal. Da war die ganze freie Zeit ein Spießrutenlaufen zwischen den Fachärzten. Ich will das nicht. Ich will mich erholen, abschalten, mich freuen, mich gut fühlen, ganz normal altern, meinetwegen mit Hitzewellen und launischen Episoden, aber nicht mit dieser Folter aus Angst und enttäuschter Hoffnung, Übelkeit und Entstellung durch OPs, Chemotherapie und Bestrahlung. Im ständigen Bewusstsein, dass das, was da lebensrettend sein soll, gleichzeitig die Lebenserwartung verkürzt.

Ich will nicht über Krebs nachdenken. Ich will über das Leben nachdenken, die Liebe, die Schöpfung, die Freude, die Leidenschaft. Über Verantwortung, Zärtlichkeit, Schuld und Vergebung. Über die Rettung von verirrten Seelen, über das Erbarmen. Über die tiefe Sehnsucht und den Traum davon, dass sie gestillt wird.

Und hier zitiere ich mich selbst:
TRAUM
Von endlosen Sommern mit heißen sonnigen Tagen und kühlen Nächten, in denen es sanft regnet
von kurzen kalten kristallklaren Wintern mit glitzerndem Schnee
davon, dass alle haben, was sie brauchen und niemand beraubt wird
davon, dass es keinen Grund gibt für Scham oder ein schlechtes Gewissen
von spontanen Umarmungen und überraschenden Küssen, natürlich nur die erwünschten
von Respekt und Achtsamkeit untereinander
von Zuwendung statt Zurückweisung
Von Tee und Kuchen am Gartentisch
von lustigem Tanz mit vielen netten Leuten
vom gemeinsamen Singen am Lagerfeuer
von Gesundheit, die über das eine oder andere Zipperlein hinwegsehen lässt
von Ehrlichkeit und Hingabe ohne Reue
von Vertrauen in die Zukunft
vom Mut, sich zu nähern, sich zu öffnen
von einem solchen Übermaß an Liebe, das gesetzte Grenzen leichter ertragen lässt
von ausgelassenem Gelächter
von einer Welt ohne Staatsgrenzen
von der Neugier auf andere Kulturen
vom gemeinsamen Gebet, ruhig ein Stilles, Hauptsache, es kommt von Herzen
von Menschen, die sich auf die Suche nach Gott machen
von einem Gott, der sich finden lässt und spürbar wirksam wird
davon, dass die Polkappen wieder zufrieren und die Gletscher zurückkehren
vom Ende des Artensterbens
von Menschen mit geraden Rücken
von einer neuen Welt, in der wir lernen, andere zu sehen, Schmerz anzunehmen und Trauer gemeinsam zu tragen

Und wovon träumst Du?

Tag 3
Mit einer Mischung aus Zuversicht und tief sitzender, beiseite geschobener Angst gehe ich auf die Untersuchung zu. Lande zuerst in der falschen Abteilung, wo schon lauter vom Krebs gezeichnete unterwegs sind. Gehöre ich auch bald dazu?
An der richtigen Adresse: „Haben Sie Platzangst?“ - Sie meinen nicht Platzangst, sondern Raumangst, will ich sie verbessern, Platzangst ist Agoraphobie. Aber ich verkneife es mir. Ich weiß ja, was sie meint, die Angst davor, nicht genug Platz zu haben. „Ja, ein bisschen“, gebe ich zu, „aber ich war schon zwei Mal im MRT, einmal Kopf, einmal Fuß.“
Lieber keine Beruhigungsspritze, dann kann ich nicht mehr Auto fahren.
Für Selbstbezahler geht ja alles ganz schnell. Ich war eine Viertelstunde zu früh da, muss aber trotzdem nicht warten. Noch beim Händewaschen auf dem Klo werde ich schon aufgerufen.
Der Aufsatz für ein MRT der Brust ist grotesk, wie ein Melkstand für Milchkühe. Als es dann in die Röhre geht – eine halbe Stunde ist angekündigt, plötzlich doch Panik. Die ganze Zeit regungslos auf dem Bauch liegen? Ich kann nicht atmen. In meiner Panik brauche ich mehr Luft, die Maske ist im Weg. „Einen Moment bitte!“, rufe ich in meiner Verzweiflung. „Muss ich die Maske aufbehalten?“
„Leider ja.“, lautet die Antwort. „Oh je.“, sage ich, „ich bekomme kaum Luft.“
„Wir geben Ihnen gleich viel Luft.“
Sie schalten die Klimaanlage auf Höchstleistung, dann geht es tatsächlich. Ich bekomme einen Kopfhörer mit Radiomusik. Ein Musikstück dauert im Schnitt drei Minuten. Also 10 Musikstücke oder Wortbeiträge. Beim ersten Stück denke ich noch, das halte ich nicht durch, mein Herz rast, mein Atem ist stark beschleunigt, doch dann schaffe ich es, mich zu beruhigen. Es ist ja nur vorübergehend, dir passiert hier nichts, du kommst hier wieder raus.
Das Zählen der Musikstücke erweist sich als schwierig. Das Radio ist sehr leise, die Klopfgeräusche des Magnetresonanztomographen sehr laut, durchdringend und nervenaufreibend. Ich höre kein Radio mehr, ich denke nur bei jeder Sequenz: Wann hört das endlich auf? Lange ertrage ich das nicht mehr.
Die Stirn beginnt zu schmerzen. Da, wo der Kopf aufliegt bohrt sich etwas tief in die dünne Haut und Muskelschicht des oberen Gesichtsdrittels. Später trage ich dort ein formidables Kainsmal, das mir etwa eine halbe Stunde lang erhalten bleibt.
Dann fahre ich aus der Röhre. Oh je, ist erst jetzt die Hälfte geschafft? Kommen jetzt die Aufnahmen mit Kontrastmittel?
Nein, es ist vorbei, hat nur zwanzig Minuten gedauert, meine Brüste sind nicht so gewaltig, da geht es schneller.
Ich darf mich anziehen – bis auf den rechten Ärmel meiner Bluse, denn in der Vene steckt noch der Zugang, befestigt mit einem Tourniquet – die 403 Euro bezahlen und mich ins Wartezimmer setzen. Nur Fünf Minuten, aber die erscheinen endlos, weil der Arm allmählich blau anläuft. Als der Arzt die Binde abnimmt, meint er schmunzelnd, da sei die Helferin wohl etwas überambitioniert gewesen, aber das sei verständlich, weil sie hier schon so manches Blutbad erlebt hätten.
Tatsächlich geht es beiden Mammae hervorragend, bei dem, was auf der Mammographie zu sehen war, hat es sich offensichtlich um eine Gewebeüberlagerung gehandelt. Alles ist schön. Der Urlaub kann beginnen. Ich sende ein Stoßgebet zum Himmel und schreibe Kurzmitteilungen an alle, die eingeweiht waren. Illy und Oko bleiben wo sie sind, MRT ohne Befund, Halleluja!
Sofort erstehe ich einen scharfen Tanzlappen, der nur mit intakten Brüsten gut aussieht. Schwebe durch die Stadt, fahre noch einmal an meinen Arbeitsplatz, um ein paar Kinder anzuschreiben, die erst kurz vor meinem Urlaub im Verteiler gelandet sind, mache ein paar Besorgungen, Hausarbeit und feiere meine Gesundheit mit einem vortrefflichen Demeter-Bio-Rotwein aus dem Burgenland.
Beim Nachtgebet: Tiefe Dankbarkeit und auch wieder imstande, für andere zu beten. Gehe erlöst zu Bett.

4. Tag
Leider Migräne, war wohl noch nicht regeneriert genug, um Rotwein zu trinken. Den ganzen Tag angeschädelt aber froh. Kuchen gebacken, aufgeräumt, Sport und Dusche, Mutter besucht, mit ihr eingekauft, Abendessen und bald ins Bett.

5. Tag
In der Nacht vor dem Kopfschmerz eingeknickt und Aspirin eingeworfen. Lange geschlafen und nur noch ein leicht dumpfes Gefühl im Schädel. Bin immer noch dankbar. Eben ist der Arztbrief eingetroffen. Wirklich alles alles gut. Danke meinem Schöpfer, der meine Gebete erhört hat. Plane ein dreidimensionales Dankgebet mit coloriertem Gipsabdruck.

19. Tag
Korrespondenz abgeschickt:
Erika Mustermann Nixdorv, 07.08.2020
Beliebige Straße 815
12345 Nixdorv
E-Mail: erika-mustermann@xyz.de

Versichertennummer: M 987 65 4321


Allgemeine Gesundheitskasse
Postfach 0815
12121 Hauptstadt


Auslagen für eine Untersuchung außerhalb des Leistungskatalogs


Sehr geehrte Damen und Herren,

am 20. Juni diesen Jahres habe ich regulär am Mommagraphie-Sreening in Bielefeld teilgenommen. Eine Woche später erreichte mich die Nachricht, dass ich zu einer weiteren Abklärung durch eine zweite Röntgenuntersuchung und einen Ultraschall erscheinen solle. Die Untersuchung fand am 03.07. statt.
Die Ärztin konnte nicht erkennen, ob es sich um eine potentiell bösartige Veränderung oder eine schlichte Gewebeüberlagerung handele. Sie konnte die Stelle auf dem Ultraschall nicht darstellen, weil sich der auffällige Bereich zu nah an der Thoraxwand befand. Mit den gängigen Methoden konnte man nichts erkennen.
Sie erklärte, dass man es im MRT eindeutig erkennen würde, dass dies aber von den Krankenversicherungen nicht finanziert werde.
Nachdem sie auch die Mammographie-Aufnahmen noch einmal gründlich studiert hatte, erklärte sie, es könne durchaus etwas Harmloses sein, sie könne es aber nicht erkennen und ich solle in einem halben Jahr noch einmal kommen, um zu überprüfen, ob sich etwas verändert habe.

Ich kenne die Geschichte einer Freundin, die ebenfalls mit Anfang 50 mit genau dieser Aussage nach Hause gegangen ist und ein halbes Jahr später bereits schwer an Brustkrebs erkrankt war. Nun gehen wir ja schließlich zum Mammographie-Screening und setzen uns alle zwei Jahre der Strahlenbelastung aus, damit Tumore im Frühstadium entdeckt werden und uns eine besonders schwere Erkrankung erspart bleibt. Warum es in solchen Grenzfällen keine Ausnahmeregelung gibt, die eine Untersuchung im MRT ermöglicht, erschließt sich mir nicht. Natürlich handelt es sich um eine aufwändige und besonders kostspielige Untersuchung, die Kosten der Therapie eines fortgeschrittenen Mammakarzinoms dürfte diese jedoch eklatant überschreiten.

Ich habe dann persönlich entschieden, dass ich dieses Martyrium nicht auf mich nehmen möchte und auch, wenn ich vollkommen gesund bin, nicht sechs Monate unter dem Stress des Damokles-Schwertes einer möglichen Krebserkrankung zubringen will. Ihnen ist sicher bekannt, dass auch diese Art von Stress nicht gerade förderlich für die Gesundheit ist.

Ich habe die Untersuchung aus eigener Tasche bezahlt und frage Sie nun, ob es möglich ist, mir mit einer Beteiligung entgegen zu kommen, auch wenn das Ergebnis erfreulicherweise ohne Befund war.

Keine Frau ist scharf auf ein MRT der Brust, das ist eine besonders unangenehme und zeitaufwändige Untersuchung, aber in diesem Fall fand ich, dass es sein musste.
Nun bin ich gegenwärtig in der Lage, mir diesen Luxus zu gönnen, wenn auch 400,- € für mich kein Pappenstiel sind, vor einigen Jahren hätte ich darauf verzichten müssen, 400,- € sind für viele Frauen ein Drittel oder gar die Hälfte ihres monatlichen Einkommens. Oft steht ja auch noch eine Familie dahinter, der man diese finanzielle Belastung nicht zumuten will oder kann.

Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen: Könnten Sie einmal darüber nachdenken, ob Sie in einem solchen Fall ein MRT einkommensabhängig gestaffelt bezuschussen? Also zu 100 % bei einer Einkommensgrenze von z.B. 800,- € pro Person, im Mittelfeld dann vielleicht eine Übernahme von 75 %, 50 %, 25 %? Ich finde die Vorstellung beunruhigend, dass einkommensschwache Frauen ein halbes Jahr in Angst leben müssen, wenn sie mit einem so unklaren Ergebnis nach Hause gehen und was noch schlimmer ist, dass sie schwer erkranken, obwohl man es mit nur 400,- € hätte verhindern können.



Mit freundlichen Grüßen und bleiben Sie gesund,

Erika Mustermann

Anlagen:
Kopie der Rechung MRT vom 25.07.2000
Kopie der Rechnung mit Zahlungsbeleg vom 25.07.2000
Kopie der Diagnose vom 25.07.2000

Und Dankgebet fertiggestellt. Voilà:

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Freitag, 31. Juli 2020
Hydra – fast nur ein Plot
Der Vorstandsvorsitzende des Trägervereins vereint immer mehr Funktionen auf sich, seine Macht nimmt stetig zu, die Richtung, in die er strebt, ist selbstzerstörerisch, nicht für ihn, sondern für den Arbeitsbereich, die jahrzehntelang gewachsenen, heilsamen Strukturen.

Die Protagonistin gerät zunehmend in einen panikartigen Zustand, antizipiert den totalen Zusammenbruch, unerträgliche Arbeitsbedingungen, wenig sozialverträgliche Kündigungen, am Ende gar die Abschaffung ihres Arbeitsbereichs. Ihre Angst wird zur Triebfeder ihres Handelns.

In ihr entsteht ein innerer Konflikt, die Frage, ob sie es sich leisten will, schuldig zu werden, um das Schlimmste zu verhindern. Die klassische Frage nach der Legitimität des Tyrannensturzes.

Man müsste etwas unternehmen – dachte sie. Jemand müsste ihm Einhalt gebieten, ihn in seine Schranken weisen, die Verhältnisse zurechtrücken. Vor ihm hatten doch auch vernünftige Menschen die Geschicke des Vereins geleitet, ohne dass irgendjemand nennenswert in Not geraten war. Auch in der Vergangenheit hatten Haushaltsmittelverknappungen und Kürzungen öffentlicher Zuschüsse zu schwierigen Situationen geführt, aber man hatte die Probleme offen kommuniziert und gemeinsam nach Lösungen gesucht. Auch damals war es vorgekommen, dass Kollegen oder Kolleginnen in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden, aber ohne vorher alle kollektiv unter Druck zu setzen und eine Atmosphäre von Hauen und Stechen zu erzeugen.
Plötzlich wurde die angespannte Haushaltslage als brandneues Phänomen gehandelt, dem man mit nie gekannter Entschlossenheit entgegenzutreten hatte. Zeitnah und vollumfänglich. Oh wie sie diese Wirtschafts-Neologismen hasste! Und wie sie die Kollegen verabscheute, die das alles ungefiltert nachplapperten, um als letzte auf der abschmelzenden Eisscholle übrig zu bleiben. Und wie sie die Kolleginnen hasste, die ungeachtet aller feministischen Errungenschaften demütig den Anweisungen Folge leisteten und deren einziges Aufbegehren nur ein vermeintliches war, wenn sie in wohldosierter Frivolität harmlose Neckereien gegenüber dem Chef zum Besten gaben. Das musste ein Ende haben. Niemand sollte noch in diesem Jahrtausend in diesem Teil der Erde in einem solchen Klima von Ohnmacht, Angst und Unterdrückung leben und arbeiten müssen.

Aber wie? Sie könnte ihn verhexen, mit Feng Shui-Giftpfeilen attackieren, dafür würde sie niemand vor Gericht stellen, wegen so etwas wurde man heutzutage nicht mehr angeklagt. Aber es nützte auch nichts. Mit faulem Zauber schaffte man niemanden aus dem Weg, genauso wenig wie mit inständigen Gebeten, das versuchte sie schon seit Jahren. Sie besaß nicht die Macht, ihn wegzubefördern und hatte auch keine Idee, was sie ihm anhängen konnte, damit er seinen Stuhl räumen musste. Gut, sexuelle Gewalt ging immer, wenn sie sich geschickt genug anstellte, würde ihn jedes Gericht schuldig sprechen, aber das konnte sie vor allem aus Respekt vor den tatsächlichen Opfern sexueller Gewalt nicht tun. Wenn die Falschheit der Anschuldigungen ans Licht käme, würde auch wieder die Schuld der wahren Täter infrage gestellt.
Aber war es gerechtfertigt, ihn zu töten, damit er verschwand? Er war kein despotischer Souverän, der Soldaten an die Front schickte, Zivilisten bombardierte und politische Gegner foltern ließ. Er war ein kleinschwänziger, machtgeiler Durchschnittstheologe, der zur Erreichung seiner Ziele das Leiden seiner Mitarbeitenden in Kauf nahm, nicht aber ihren Tod. Ein solches Verhalten rechtfertigte keinen Mord. Sie konnten sich genauso gut alle einen neuen Job suchen, dann stände er auch übel da. Aber alles in ihr sträubte sich, diesem sich selbst überschätzenden Westentaschen-Dschingis-Khan das Feld kampflos zu überlassen, wo am Ende doch nur verbrannte Erde übrig bliebe, so dass er zum nächsten Feld weiterzöge, um die Zerstörung fortzusetzen.

In der Hoffnung, dass sich vielleicht am Ende doch alles von selbst zum Guten wendet, macht die Protagonistin weiter und beißt die Zähne zusammen. Doch schon bald kommt es zu neuen Verschlechterungen, Mitarbeitende werden wahllos zwischen den Arbeitsbereichen hin und her geschoben, in völliger Unkenntnis der unterschiedlichen Klientel, einfach vom grünen Tisch aus berechnet. Es entstehen Konflikte in den Stadtteilen und statt sich seiner Verantwortung zu stellen, gibt der Chef den Mitarbeitenden vor Ort die Schuld dafür.

Die Lage eskaliert zusehends und am Ende wird die Protagonistin zur Täterin, planlos, in blinder Wut, mit allen Konsequenzen, die sie tragen muss, weil es ihr nicht gelingt, ungestraft zu entkommen, aber das ist auch gar nicht ihr Plan gewesen.

Ihr Opfer indes, wird am Ende sinnlos gewesen sein, ein selbstmörderischer Kamikazeflug, bei dem nur die Hütten getroffen sind, nicht aber die Paläste, die weiterhin stehen bleiben. Auch wenn der Tyrann gefällt ist, die Verhältnisse bleiben bestehen und der nächste Pilz ist schon längst aus dem Boden geschossen, der Hydra wachsen zwei neue Köpfe, wo sie einen abgeschlagen hat.

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Samstag, 25. Juli 2020
Das Bild zum Krimi:

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