Donnerstag, 29. September 2022
Liebe wenige Lesende,
Ich brauchte eine kleine Pause vom Schreiben, bin erschöpft von den Herausforderungen des Lebens und überfordert von der Welt, die gerade mit Höchstgeschwindigkeit auf mehrere Abgründe zurast. Das hat mich gelähmt. Kurz und oft geht gerade nicht. Morgen gibt es mal wieder einen Krimi, der ist aber ziemlich lang.
Kommen auch wieder bessere Zeiten, kürzere Krimis, lustige Texte.
Versprochen.
Aber nicht jetzt.

Mögen die Despot*innen zu Verstand oder zu Tode kommen.

Amen.

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Freitag, 9. September 2022
Royal Corgies
Dookie lag erschöpft auf der Terrasse. Er hatte seine Morgenrunden gedreht und jetzt lag ihm das Mittagessen schwer im Magen. Susan war schon wieder unten am Fluss und planschte am Ufer auf der vergeblichen Suche nach Essbarem. Sie war einfach unersättlich. Vielleicht trug sie ja auch erste Kinder unter ihrem Herzen, Dookie hatte sein Bestes gegeben. Andererseits wäre sie dann vielleicht etwas träge gewesen.

Die Chefin war heute noch gar nicht aufgestanden, das störte seinen gewohnten Tagesablauf. Überhaupt waren viel zu viele Leute hier. Zwar waren es allesamt bekannte Gesichter, aber im Haus musste man ständig befürchten, über den Haufen gerannt zu werden. Trotzdem fand er, man müsse jetzt mal nach der Chefin sehen. Er rief Susan mit seinem hellen Kläffen. Sie hörte ihn nicht oder wollte nicht hören. Dookie setzte sich in Bewegung, lief hinunter zum Fluss und biss Susan in den Nacken. Ein tiefer Blick in die Augen, ein paar Schritte in die richtige Richtung, dann sah er sich noch einmal um. Sie hatte verstanden. Gemeinsam liefen sie ins Haus, hoppelten die Treppen hoch und rannten den Flur entlang, bis sie am Zimmer der Chefin angekommen waren.

Die Tür stand offen. Alle waren im Zimmer, das war mehr als eigenartig. Die Gesichter waren durchweg ernst und betroffen. Nur Harry konnte sich beim Anblick der Corgies ein Grinsen nicht verkneifen. Harry war sowieso der coolste, schade dass er kaum noch beim Rudel war.
Camilla blickte zur Seite, missgünstig wie immer. Dookie fixierte sie streng, Susan begann, leise zu knurren.
"Bring doch mal einer die Hund hier raus!", zischte Camilla.
"Die Hunde wollen sich auch verabschieden.", widersprach Harry. "Kommt ihr zwei, Granny will euch streicheln."
Er stellte einen Hocker neben das Bett und setze die Hunde so hin, dass seine Großmutter sie sehen und berühren konnte. Susan machte einen stürmischen Satz aufs Bett und leckte ihr übers Gesicht. Elisabeth lächelte gerührt, dann verlor sie wieder das Bewusstsein.
"Ich will auch die Chefin küssen.", fiepte Dookie. Susan räumte ihren Platz und Dookie sah auf die schlafende Chefin hinab. Er fiepte und schnüffelte, leckte ihr über die Nase. Niemand griff ein, nur Camilla schnaubte: "Das ist doch wirklich unglaublich!"

Ein letztes Mal öffnete Elisabeth die Augen und blickte tief in Dookies braune Hundeaugen. In diesen Blick legten beide alles, was sie sich noch zu sagen hatten. Dann atmete sie noch einmal tief ein, schloss die Augen und atmete zum letzten Mal aus. Dookie spürte es sofort. Sie war gegangen. Charles weinte, Susan winselte und leckte verzweifelt die schlaffe Hand der Toten.
Sie wachten an ihrem Bett, dachten beide weder an die Zwischenmahlzeit noch an das Abendessen.

"Was wird jetzt aus uns?", fragte Susan.
"Was soll schon aus uns werden?", erwiderte Dookie. "Wir bekommen eine neue Chefin."
"Etwa Camilla?"
"Wieso Camilla?"
"Sie ist die älteste."
"Aber sie kann uns nicht ausstehen.?, meinte Dookie. "Ich weiß gar nicht warum. Wir haben ihr nie etwas getan."
"Sie hasst uns, weil sie die Chefin hasst und weil die Chefin uns liebte."
"Aber die Chefin ist doch jetzt tot."
"Eben. Vielleicht sollten wir ins Moor fliehen."
"Auf gar keinen Fall.", meinte Dookie. "Da würden wir verhungern."
"Aber es gibt doch jede Menge Moorhühner.", hielt Susan dagegen.
"Die erwischen wir doch nie.", meinte Dookie. "Wir sind nicht in Form. Und ehrlich gesagt, wäre mir so ein Leben zu anstrengend und zu unkomfortabel."
"Ja, vielleicht hast du recht.", meinte Susan und legte nachdenklich den Kopf auf die Vorderpfoten.

Am nächsten Morgen herrschte geschäftiges Treiben. Nicht einmal das Personal hatte Zeit, die Corgies zu füttern, nur Harry dachte daran, füllte die Näpfe und streichelte nach der Mahlzeit beiden kräftig das Fell durch.
Als er sie aus den Augen ließ, stand plötzlich Camilla da, mit einem frostigen Grinsen und zwei Hundeleinen. Susan verkroch sich direkt unter einem der historischen Stühle, aber Camilla zerrte sie am Halsband und befestigte die Leine, dann schnappte sie sich den langsameren Dookie und zog die Hunde hinter sich her in den Park.

Zuerst wehrten sie sich, doch Camilla zerrte erbarmungslos an den Halsbändern, das erzeugte Atemnot, also folgten sie ihr.
Camilla trug Overknee-Gummistiefel, Dookie befiehl eine Böse Ahnung und Susan sah unruhig zur Seite. Der Fluss führte nicht viel Wasser, es hatte zu wenig geregnet in diesem Sommer, aber in der Mitte war er immer noch tief und reißend genug, um die Schwimmkünste eines Corgies zu erschöpfen.

Die Frau des neuen Chefs stand schon bis zu den Waden im Fluss und zog an den Hundeleinen, als Charles vom Haus aus nach ihr rief.
"Verdammt!", fluchte sie. "Dann eben später."
Sie ging zum Haus zurück und zog die Hunde wieder hinter sich her. Sie schenkte Charles ein warmes Lächeln: "Ich dachte, ich laufe ein bisschen mit den beiden, bevor wir nach London abreisen, jetzt wo ihr Frauchen da nicht mehr kann."
"Wie lieb von dir.", erwiderte Charles.
Camilla löste die Leinen von den Halsbänder und Dookie biss ihr in die Hand. Kräftig genug, dass es ein wenig blutete. Camilla schrie auf, Charles sah sie verwundert an.
"Einen Hund, der einmal gebissen hat, muss man erschießen!", forderte Camilla.
Doch Charles sah sie plötzlich zweifelnd an. Dann sagte er: "Ein Hund, der beißt, hat einen Grund." Dann sah er die Corgies an, stieß einen leisen Pfiff aus und bedeutete ihnen mit einem Blick über die Schulter, ihm ins Haus zu folgen.

Vor Camilla würden sie sich künftig in acht nehmen.

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Freitag, 2. September 2022
Ehegattensplitting
Patrizia war noch immer fassungslos. "Hier, ich hab? Dir was mitgebracht", hatte er gesagt und ihr eine bekannte Wochenzeitung auf den Tisch gelegt. "Damit wir uns mal über etwas unterhalten können."
Sie hatte auf ihre Karriere verzichtet, damit der seinen nichts im Wege stand und hatte sich um die drei kleinen Kinder gekümmert. Das tat sie immer noch. Sie war mit ihm in diesen verpissten Norden gezogen, wo wirklich überhaupt nichts los war, dabei liebte sie die badische Lebensfreude, die Wärme, die zahlreichen Sonnenstunden, aber als Meeresbiologe konnte er da nicht viel tun. Dummerweise hatte er sich mehr auf die Nordsee fokussiert, sonst wären es vielleicht die Kanaren geworden, die Karibik oder Australien.
Jetzt saß sie hier fest, gefesselt an Haus und Garten, dauergestresst von anspruchsvollen Kindern, die schon zum zweiten Mal entwurzelt ganz auf ihren Kleinfamilienkosmos zurückgeworfen waren. Patrizia managte alles und sehnte sich nach Stille, Urlaub im Wald oder in den Bergen, einfach einmal nichts tun, keine Verantwortung, keine Anforderungen, nur gehen, liegen, sitzen, essen, schlafen.
Und jetzt warf Volker ihr diese bildungsbürgerlichen Hausaufgaben hin. Noch eine Anforderung. Er dagegen konzentrierte sich auf seinen Job und steigerte sein Selbstwertgefühl zusätzlich, wenn er nach Feierabend entspannt mit den Kindern abhing, während sie schnell alles nachholte, was sie tagsüber nichts geschafft hatte, weil sie immer unterbrochen wurde.

Widerwillig, aber wo er schon einmal das viele Geld dafür ausgegeben hatte, blätterte sie ein wenig herum und stieß auf eine Glosse: Ehegattensplitting.
Es ging weniger um die Vor- und Nachteile dieser Besonderheit im deutschen Steuerrecht, sondern vielmehr um den irreführenden Begriff, eine sprachliche Verirrung, die verheerende Phantasien und deren Umsetzung auslösen konnte. Hier wurde beschrieben, wie eine Tischlerin erkannt hatte, dass ihr Mann für sie nur noch ein erhebliches Armutsrisiko darstellte, also handelte sie pragmatisch und schob ihn einmal durch die Kreissäge.

"Auch eine Option.", sagte Patrizia zu sich selbst.
"Was meinst du denn?", fragte Volker voller Vorfreude auf ein angeregtes Gespräch.
"Zeitunglesen.", antwortete Patrizia, erhob sich und begann, den Geschirrspüler einzuräumen.
"Vielleicht ein bisschen martialisch.", murmelte sie. Das hörte Volker schon nicht mehr, er baute mit den Kindern eine Ritterburg aus Holzklötzen.

"Aber anregend, durchaus anregend.", sagte Patrizia, zog eine Tafel Schokolade aus der toxischen Schublade, brach energisch zwei ganze Riegel ab und biss herzhaft hinein.

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Freitag, 26. August 2022
Mit Kröller-Müller auf Holle Bolle
"Guck mal, die heißen hier wie du!", rief Sonja erstaunt, als sie auf einem Hinweisschild irgendwo auf einer niederländischen Autobahn den Namen Kröller-Müller entdeckte. Dirk hieß Müller mit Nachnamen und seine Freunde nannten ihn Krölle-Bölle, weil er als Kind mit seinen Eltern jedes Jahr nach Bornholm gefahren war und der Troll Krölle-Bölle das Inselmaskottchen war.
Auf der Arbeit hatte das mal jemand aufgeschnappt und ihn daraufhin Kröller-Müller getauft.
Dirk war nicht zu Scherzen aufgelegt. Er war gestresst von der Autofahrt und wollte nur noch ankommen.

Eine Stunde später war es geschafft. Als alles ausgepackt und der Fünf-Uhr-Tee ausgetrunken war, machten sie einen Spaziergang durch den pittoresken Ort.
"Ich glaube, das sollten wir uns ansehen.", sagte Sonja und zeigte auf ein reißerisches Plakat auf dem in großen Lettern zu lesen war: "Holle Bolle - 26.-28. Augustus - Somelsdijk".
"Was soll das sein?", fragte Dirk missmutig.
"Keine Ahnung.", meinte Sonja. "Ich schätze, irgendein Volksfest."

Es war ein Volksfest, mit allem, was dazu gehörte. Schon lustig, dachte Sonja, wie er hier plötzlich auf gute Laune und Bilderbuchehe macht, obwohl er doch längst seinen Abflug geplant hat.
Sie hatte die One-Way-Tickets von Schipol nach Orlando in der Seitentasche seines Koffers entdeckt. Eine halbe Stunde später schlenderte sie allein an den Marktständen vorbei, als sie plötzlich von einer Unbekannten angesprochen wurde.
"Bist du nicht Sonja? Die Frau von Kröller-Müller?"
"Und woher kennen wir uns?", fragte Sonja verwirrt.
"Ich bin Melle, einen Kollegin deines Mannes. Ich war mal zum Grillen bei euch."
Ach ja - dachte Sonja. - Die schöne Melle. Jetzt fällt's mir wieder ein. Ist sie wohl das zweite One-Way-Ticket?

"Wo ist denn Kröller-Müller?", fragte Melle.
"Ach der", antwortete Sonja lapidar. "Irgendwo untergetaucht."
"Wann startet jetzt eigentlich euer Amerika-Trip?"
Sonja zuckte mit den Schultern.
"Du bist ja lässig.", wunderte sich Melle. "So ein Glück möchte ich auch mal haben. Acht Millionen im Lotto und dann sechs Monate auf Tour. Ich finde, da hat er sich eine gelungene Überraschung zum zwanzigsten Hochzeitstag einfallen lassen. Du wolltest doch immer schon so einen Trip machen, oder?"

Sonja sagte nichts mehr. Sie blickte nur auf das Hafenbecken. Am Grund lag Kröller-Müller. Er würde nicht mehr auftauchen. Orlando würde sie allein erobern müssen.

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