Sonntag, 6. September 2026
Reisekrimi - Teil 1
Oh bitte, keine falschen Erwartungen. Für mich war es spannend wie ein Krimi, für Sie wird es nur ein Reisebericht, aus dem eines Tages vielleicht der eine oder andere Kurzkrimi hervorgeht.

Es begann mit folgendem Plan: Wir wagen eine Tour auf dem Donauradweg von Passau nach Wien. 320 Kilometer in 10-11 Tagen, anschießend drei Tage Wien als Abschluss. Der Gatte bereitete akribisch vor: bestellte eine Karte, buchte die erste Übernachtung in Passau und die letzten drei in Wien, kundschaftete die Parkmöglichkeiten für den PKW aus, plante auf halber Strecke mit dem Zug zum Auto zu fahren und selbiges nachzuholen zwecks Austausch von Schmutzwäsche gegen saubere. Täglich 30-40 Kilometer radeln mit tonnenschweren 7-Gang-Hollandrädern (Gazelle Impala), bepackt mit je zwei Satteltaschen und einer regenfesten Wurst auf dem Gepäckträger festgezurrt, dafür weitestgehend bergab, schaffen wir schon.

Passau dachte ich: bestimmt bajuwarisch-bierselig, verschnarcht, spießig und todlangweilig. Weit gefehlt! Welch eine pittoreske, verschachtelte Stadt mit immer wieder überraschenden Perspektiven, internationalem Publikum, Studierenden, spannenden kulturellen Details, coolen Kneipen und Restaurants, bunt, lebendig, entspannend. Überall Sitzgelegenheiten und dem besonderen Naturschauspiel, bei dem die kleine Ilz und die grüne Isar die blaue Donau in eine grüne verwandeln. Hier hätte man länger als einen Abend und ein Nacht bleiben können, aber wir mussten weiter.

Das Einfädeln in den Donauradweg am kommenden Morgen erwies sich als schwierig, aber machbar. Man versprach mir, man rolle quasi nur bergab. Mitnichten! Es gab auch die eine oder andere Steigung, die sich zog, dann wieder dachte ich, ich hätte auch einfach nach Südholland fahren können: Flache, breite Radwege, Gegenwind, Wasser und überall flämische oder niederländische Töne. Mal auf Straßen, mal idyllisch direkt am Fluss ging es voran bis nach Engelhartszell.
Dort stapfte der Mann direkt in die Donau und ich warnte vor tückischen Strömungen, die ihn unvermittelt in die Tiefe ziehen könnten, wie man es vom mörderischen Rhein kennt. Er lachte mich aus. Zu recht. Die Donau ist warm, seicht, ruhig und weitestgehend harmlos. Zumindest zwischen den Bunen.
Weil wir noch bei Kräften waren, entschlossen wir uns weiter zu fahren bis Niederranna. Wir mutierten zu Samwise Gamgee und Frodo Baggins und setzten über mit der Bockenburger Fähre über den Brandyweinfluss (okay, es war die Donau und die Fahrradfähre bei Engelhartszell, aber was für ein Erlebnis, dieses idyllische Gefährt mit dem geselligen Fährman, freundlich, hilfreich, humorvoll.)
Wir radelten weiter zu dem von ihm empfohlenen Hotel, das leider ausgebucht war. So kam es zu einem Endspurt über die Brücke nach Wesenufer, dort hatte eine Pension noch ienm Zimmer für uns.
Der Nachteil, es galt etliche Höhenmeter mit dem Rad zu bewältigen, nur schiebend machbar und am Ende waren da Krämpfe in Waden und Armen, da half nur noch Magnesium. Doch wir wurden reichlich belohnt: Eine Sonnenterrasse mit bequemen Liegestühlen zum entspannten in der Sonne lesen und wegdösen, später dann, als der Himmel sich langsam zuzog, gingen wir unten im Ort traditionell essen (Hausgemachte Sauwald-Erdäpfelnudeln geschwenkt in knackigem saisonalem Pfannengemüse, Eierschwammerl, überbacken mit regionalem Schärdinger Käse dazu frische Gartenkräuter)
Der folgenden Wolkenbruch konnte uns nichts anhaben und als wir satt und zufrieden in unser Zimmer zurückkehrtn, hatte der Regen deutlich nachgelassen.
Wohnen hätte ich dort trotzdem nicht wollen: Das Flusstal zu eng, die Höhen zu steil, die Umgebung mit sehr homogener, aufgeräumter Wohnbebauung eher anregungsarm und für langfristigen Aufenthalt geeignet, um schwere Depressionen zu entwickeln. Trotzdem eine freundliche, entspannte, junge Vermieterin.
Morgens beim Frühstück zeigte sich ein etwas anderes Gesicht. Das Angebot war bescheiden, der ältere Wirt ein Bilderbuchgrantler, mit durchaus auch sympathischen Zügen und einem sehr eigenen Humor. Ich würde ihn durchaus nicht als freundlich bezeichnen, man traute sich nicht, ein Brot für die Fahrt zu schmieren (bei einem 5,0€-Frühstück käme man sich vor wie der personifizierte Geiz in Personalunion mit der Fleisch gewordenen Dreistigkeit. Aber wir baten um Heißwasser für unsrer Thermoskanne, was ihm geradezu unbegreiflich erschien, schließlich gebe es an der Donau genug Wasser, das könne man bedenkenlos trinken, man werde nur krank davon, weiter nichts. Ein weiterer, freundlich zurückhaltender des Deutschen nicht mächtiger Gast wurde unwirsch behandelt und bei der Unterbringung seiner Lebensmittelreste gemaßregelt, das war mir sehr unangenehm. Sonst war aber alles schön, mit Fahrradgarage, großem, funktionalem Zimmer und fairem Preis.

Es ging weiter zur großen Donauschleife, vorbei an der Fahrradfähre, um noch ein wenige mehr vom Flusslauf zu sehen, zurück zur Fähre, dann noch einmal am Fluss entlang, weil der gierige Gatte beim Pflaumen mopsen sein Mobiltelefon verloren hatte.
Danach ging es durch eine Wahrhaft idyllsche Landschaft mit atemberaubenden Perspektiven auf sich wandelndes Wasser, blauen Himmel und dramatische Wolkenformationen, romantische Schwäne, Felsen, Schilf, Bäume, Gräser und Blumen.
Schließlich erreichten wir Aschach, wo ein Volksfest tobte und ein äußerst engagierter Einheimischer uns ungefragte eine Führung durch das Schiffsbaumuseum aufdrängte. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir wollten uns das Museum ansehen und der Herr war überaus freundliche, aufgeschlossen, zugewandt und fachkompetent. Nur war ich mit meinen Kräften am Ende und konnte nicht so lange stehen und zuhören, mir wurde schwummrig und übel und ich musste mich setzen – aus Gründen, wie sich etwa 12-16 Stunden später herausstellen sollte.
Es war schon spannend, mit welch spitzfindiger Technik Boote und Rollfähren gebaut worden waren, wie der urspüngliche Verlauf des Flusses gewesen war, wie die Menschen dort vor Jahrhunderten gelebt und Handelswaren mit Pferden die Donau heruntergeschleppt hatten.
Das Volksfest bestand aus einem epischen Kunstgewerbe-Markt (Töpferwaren, Modeschmuck, Gefilztes, Korbflechtereien, Textilien), alles sehr wertig, aber für mein Empfinden immer haarscharf vorbei am guten Geschmack, bieder, langweilig oder überladen. Es war jedoch kurzweilig, dort enlang zu schlendern und Menschen zu beobachten, denn wir mussten ein wenig Zeit überbrücken, bis wir unser Hotelzimmer über einer Pizzeria beziehen konnten.
Dies erwies sich als nicht so angenehm. Wegen der anhalten Wärme mussten wir die dreifach verglasten Fenster im Zimmer öffnen. Von draußen lärmte zunächst ohrenbetäubender Autoverkehr und die lautstarken Mikrofonansagen zu einer Regatta auf der Donau herein, dazu war die Aussicht auf einen Supermarktparkplatz und eine wenig malerische moderne Brücke sowie mehrere Verkehrsadern alles andere als malerisch. Hinzu kam eine Gruppe fröhlicher junger Leute, die im Biergarten ununterbrochen brüllend laut auflachten, wie eine Schallplatte mit Sprung. Zum Essen suchten wir darum den Innenbereich der Lokalität auf, wo es ausschließlich Gerichte mit doppelt Käse und übersäuertem Salatdressing zu geben schien. Und laut waren die Gäste dort auch durchgehend. Ein klassischer Schinken-Sahne-Italiener mit dem dazu gehörigen Publikum. Das klingt vielleicht überheblich, aber ich bitte Sie, wenn ich essen gehe, dann möchte ich eine wenig Amuse Geule und bestenfalls dezentes Gemurmel von den anderen Gästen. Mein Gericht konnte ich nicht aufessen, zu sauer, zu fettig, zu viel Käse und ich bin eigentlich nicht so wählerisch. Ich fühlte mich schwach, müde, vollgefressen und fühlte einen erhöhten Puls. Jetzt schon am Ende mit den Kräften, wegen so ein bisschen Radtour? Nachts wälzte ich mich schlaflos auf der viel zu wechen Matratze, im viel zu warmen und lauten Zimmer, nahm Herzpillen, ohne dass sie wirkten und sorgte mich, wie ich am kommenden Tag die gut 30 Kilometer bis Linz bewältigen sollte.
Nach ein paar Stunden sorgte ich mich, ob ich diese Reise überleben würde, denn nun entdeckte ich deutliche Anzeichen einer schweren Magenblutung – ich kenne mich da aus.
Am frühen Morgen bat ich meinen Mann, einen Rettungswagen zu rufen – ich schaffte es kaum vom Bad ins Bett, ohne zu kollabieren.

Während ich im Rettungswagen nur Schemen einer Landschaft erkennen konnte, hatte mein Mann alle Hände voll zu tun: Packen, den Wirt über unsere schwierige Lage informieren, sein Gepäck und Fahrrad mit demselben nach Linz überführen, das Hotelzimmer beziehen, mit der Bahn nach Passau fahren, das Auto auslösen, mit dem Auto nach Aschach fahren und dort mein Rad und mein Restgepäck einladen, dann nach Linz fahren, dort alles ausladen und schließlich herausfinden, wo das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern sich befand und dort seine Frau aufsuchen.
Mir widerfuhr im Linzer Krankenhaus hingegen tatsächlich ein exorbitantes Maß an Barmherzigkeit – um es kurz zu machen: Hier waren alle nett zu mir. Ich fühlte mich bestens versorgt und gut aufgehoben. Leuter entspannte Leute mit gesundem Humor, sehr menschlich, pragmatisch, unkompliziert. Natürlich will niemand gern in einer Klinik liegen, wenn er /sie eigentlich im Urlaub ist, aber gut, dass es diese Klinik gibt, sonst wäre ich wohl verblutet.
Zunächst teilte ich das Zimmer mit einer Österreicherin, die aus der Nähe von Passau stammte, sehr freundlich und höflich, aber nicht sehr gesprächig. Das störte mich nicht, ich fühlte mich elend. In der Nacht kam eine ältere Ukrainerin dazu, die sehr gut Englisch sprach. Bald wurden beide entlassen und eine etwas anstrengende Frau, die sich ständig beklagte, zog bei mir ein, aber sie hatte auch ein schweres Los zu tragen, große Schmerzen und nicht geringe Ängste. Das Personal ging außerordentlich einfühlsam, behutsam und geduldig mit ihr um. Das hat mir gut gefallen. Man spürt, dass in Österreich mehr Geld im Gesundheitssystem steckt, die Personaldecke ist nicht so dünn wie in deutschen Kliniken.
Nach zwei Tagen wurde ich etwas mobiler, konnte mir selbst einen Tee holen und wenn mein Mann zu Besuch kam, lungerten wir auf dem Sonnendeck herum. Es gibt in dieser Linzer Klinik eine neue Dachterrasse, ansprechend gestaltet wie ein Beachclub, mit ergonomisch geformten Holzliegen und Bänken. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich mich in einem Krankenhaus eincremen, um mir keinen Sonnenbrand zuzuziehen.
Eigentlich hätte man mich schon nach spätestens drei Nächten entlassen, doch man wartete auf Signal meines Körpers, was diese zu geben nicht bereit war. Am Ende hatten die Ärzte nach vier Nächten ein Einsehen, dass es noch viele Tage dauern könnte, bis mein Körper bereit war, den Beweis der Abwesenheit von Nachblutungen herauszurücken und entließ mich in die Linzer Freiheit.

Fortsetzung folgt.

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Liebe Frau Fabry, hoffentlich hat sich der Magen (auch in Anbetracht des Glücks im Unglück) wieder beruhigt. Bitte, bitte weitererzählen!

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