Freitag, 16. März 2018
Das Todeshaus - ein abgeschlossener, profaner Kurzkrimi
„Nicht schon wieder!“, stöhnte Keller.
„Was?“, fragte Kerkenbrock.
„Am Schwarzenberg 10.“, sagte Keller.
„Oh Nein!“
„Doch.“
„Oben oder unten?“
„Wieso fragen Sie? Könnte ja ausnahmsweise mal in der Mitte sein.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Reisers besitzen das Elixier des Lebens, auch wenn sie aussehen, wie gefriergetrocknet. Askese, Disziplin und alle negativen Impulse direkt raus lassen. Damit wird man uralt.“
„Mord macht auch vor vermeintlich Langlebigen nicht halt.“
„Was ist es denn diesmal? Nur dass ich schon weiß, auf welches Bild ich mich einstellen muss.“
„Vermutlich Kohlenmonoxid. Gleich eine ganze Familie.“
„Also eher ein Unfall?“
„Wir werden sehen.“
Diesmal war es die Wohnung oben, im zweiten Stock. Im ersten Stock lebten die Reisers, ein pensioniertes Ärztepaar, im Erdgeschoss eine Frau Blome, die sich schon erstaunlich lange hielt. Ihre Vormieterin hatte nur 18 Monate in der Wohnung verbracht, bevor sie einem Starkstromschlag zum Opfer gefallen war. Sie hatte die Nachmiete einer obskuren Messi-WG angetreten, die bei einem ihrer zahlreichen Gelage allesamt an einer Überdosis Crack gestorben waren. Die wiederum hatten die Wohnung von einer betagten Dame übernommen, die eines Morgens einfach nicht wieder aufgewacht war.
Im zweiten Stock waren die Vormieter der fünfköpfigen Familie – ein exzentrisches Musikerpaar – eines Nachts im Streit gemeinsam vom Balkon gestürzt, was sie nicht überlebt hatten. Vor ihnen hatte ein lesbisches Paar dort gelebt, von dem die eine Partnerin eines Morgens beim Nachbarschafts-Frühstück bei den Reisers an einer Scheibe Schinken erstickt war. Die andere Partnerin war kurz danach ausgezogen, weil sie sich die Wohnung allein nicht leisten konnte.
In allen Fällen hatten sie wegen Mordverdachts ermittelt, waren aber jedes Mal zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich um einen Unglücksfall gehandelt haben musste.
Nun betraten die Beamten die Wohnung der Familie Römermann im zweiten Stock. Sie lagen alle friedlich verstreut im Wohnzimmer vor dem Fernsehgerät, das sich dankenswerterweise selbst abgeschaltet hatte. Die Polizisten waren entsetzt vom Anblick der reizenden Familie, junge Eltern mit drei kleinen Kindern, unfassbar, dass es immer wieder zu diesen Kohlenmonoxid-Unfällen kam, noch tragischer angesichts der Tatsache, dass der Familienvater von Beruf Heizungsinstallateur war. War es möglich, dass es sich um einen erweiterten Suizid handelte?
Frau Blome im Parterre erklärte, sie habe mit den Nachbarn nicht viel zu tun, sie könne nichts dazu sagen.
Die Reisers meinten, der Herr Römermann habe in letzter Zeit schon etwas niedergeschlagen gewirkt. Es sei auch oft zu Streit in der Wohnung über ihnen gekommen, mit den Kindern habe es Probleme gegeben und beruflich sei es für den Vater auch überhaupt nicht gut gelaufen, er habe da gelegentlich so Andeutungen gemacht.
Die Beamten gingen der Sache auf den Grund. Die Befragung von Verwandten, Arbeitgeber und Kollegen konnten die Hypothese der Reisers nicht bestätigen. Und dann ging Keller dieser Halbsatz von Sabine Kerkenbrock durch den Kopf: Oben oder unten? Sie würden alle Todesfälle noch einmal aufrollen müssen und aus einer völlig neuen Perspektive betrachten. Auch wenn die Reisers keine Vampire waren, die ihr Leben mit dem Blut ihrer Opfer verlängerten, so sorgten sie doch für sich für optimale Lebensbedingungen, aber er und seine Kollegin würden dieses Biotop des Grauens ein für alle Mal in eine gefahrlose Kulturlandschaft verwandeln.
ENDE

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